Sibillas geheime Pfade

Reisen bildet, sag ich doch", lacht Sibylle Janssen. Einer ihrer Gäste - nicht Kunden, da legt sie großen Wert drauf - war erstaunt über den Ursprung des Malvasia-Weins. "In Sizilien treffen sich Morgenland und Abendland", erklärt die 58-Jährige. "Das sieht man beispielsweise an bestimmten Gerichten, die man hier mit Rosinen kocht." Die gebürtige Düsseldorferin wohnt mit ihrem geschiedenen Mann, der aufgrund mehrerer Schlaganfälle schwerbehindert ist, und ihrem Sohn Johann in einer WG in Hemmingen bei Hannover. Aber neun Monate im Jahr ist sie nicht zu Hause.

Seit 18 Jahren leitet sie Wanderreisen. Nach der Gründung ihrer Firma Siabella vor elf Jahren wurden aus anfänglich drei Reisen im Jahr inzwischen 20 Reisen. Der Firmenname ist ein Wortspiel mit ihrem Namen und bedeutet übersetzt so viel wie "Schön soll es sein". Auf ihre Reisen nimmt sie nur Gäste mit, zu denen sie zuvor persönlich Kontakt hatte. "Mir ist es wichtig, dass ich Leute da hinbringe, wo sie ohne mich nicht hingekommen wären, zum Beispiel zu bestimmten Festen." Die Liparischen Inseln sind Janssens zweite Heimat geworden. Egal, wo sie hinkommt, wird sie mit "Ciao Sibilla" begrüßt. Dann folgt Küsschen rechts und Küsschen links. Auf der Hauptstraße der Vulkaninsel Lipari unterwegs, verschwindet sie in einem Laden: "Da muss ich jetzt auch noch kurz Hallo sagen." Sie könne sich sogar vorstellen, irgendwann mal ganz nach Lipari zu ziehen. Der Reiz Italiens liege darin, dass die Sprache so schön, die Leute gastfreundlich und herzlich und das Leben so bunt sei.

Die Mutter von vier Kindern hat Sozialpädagogik studiert und ließ sich zur Waldorflehrerin ausbilden. Zwei Jahre verbrachte sie in Schottland, um mit behinderten Kindern zu arbeiten. "Das wäre noch mein Wunsch für die Zukunft: eine Reise mit behinderten Kindern und deren Familien anzubieten." Andere Familienreisen bietet sie schon an. "Zu den Eltern sag ich immer, ihr habt jetzt frei, guckt euch mal die schönen Häuser hier auf Panarea an. Mit den Kindern steige ich in ein Boot und besichtige mit ihnen die Grotten."

Die Reisegruppen bestehen maximal aus vierzehn Leuten, größere Gruppen sind ihr zu unpersönlich und behindern sie in ihrer Spontaneität. "Ich hatte auch schon Gruppen mit nur zwei Personen. Dann mach ich das aber so, dass wir drei Tage etwas gemeinsam unternehmen; und drei Tage lass ich sie dann in Ruhe. Da kriegste ja nen Föhn, drei Tage mit mir", lacht die sonnengebräunte, quirlige Frau mit den kurzen grauen Haaren. Egal, ob es um die beste Granita nach einer Wanderung oder aber das beste Reisbällchen auf Panarea als Snack zwischendurch geht, sie weiß immer, wo man was findet.

Abends unterhält sie mit Geschichten über Sizilien und Italien. So erfährt man, dass sich Michael Ende vor Entstehung von "Jim Knopf" auf den Liparischen Inseln aufgehalten hat. Und dann sieht man, dass Salina die Insel mit zwei Bergen sein muss, dass die Fumarolen nur von Nepomuk dem Halbdrachen stammen können und dass der Strombolicchio verdächtig nach den Magnetfelsen aussieht.

"Meine erste Begegnung, als wir nach Lipari kamen, hatte ich just mit dem Mann, der uns seine Wohnung angeboten hat, die wir schließlich der Jugendherberge vorgezogen haben. Bis heute feiern wir jedes Ostern auf Lipari. Sie sagen mir immer, ich bin die einzige Reiseleiterin, die auch ihren Urlaub in Lipari verbringt." Einmal hatte Sibylle Janssen ihr Geld vergessen und schrieb auf einen Zettel: "Habe kein Geld, kann ich zahlen, wenn ich in vier Wochen wiederkomme?" Die Antwort darauf hängt an ihrem Schreibtisch: "Mein Haus ist dein Haus, du kannst machen, was du willst." Die Ermahnungen, ja schöne Grüße von Sibilla zu bestellen, kennen ihre Gäste zu Genüge.

Wer kommt schon auf Salina über einen Pfad zu einer unscheinbaren Hütte, die Sibylle ein Bekannter, der sie nur zur Erntezeit nutzt, zur Verfügung gestellt hat? Betritt man diese, fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt. "Da braucht man kein Heimatmuseum, wir haben das hier", erklärt sie den erstaunten Mitreisenden und kocht dann einen Espresso und einen Rosmarintee. Mit Wasser aus der Zisterne, versteht sich.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sibillas geheime Pfade
Autor
Jessica Sommer
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2014, Nr. 273, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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