Für die Mitschüler waren die 14 Geschwister eine Sensation

Angst vor Überforderung hatten wir nie", grinst der 76-jährige Eberhard Grauer, "obwohl so ein Kind, bei aller Freude, natürlich auch eine Last ist." Seine 19 Jahre jüngere Frau Esther und er sind Interviews gewohnt. Eberhard Grauer lehnt sich entspannt in das rote Sofa zurück. Er selbst sieht seine Familie "als ziemlich normal". Das Paar ist seit 39 Jahren verheiratet. Die erste Tochter Eva-Maria bekamen sie vor 37 Jahren. "Wir wollten schon immer eine Großfamilie", sagt Eberhard Grauer. Wie viele Kinder es letztendlich werden sollten, legten sie in Gottes Hand: Die Grauers, die eine Bio-Gärtnerei in Gomaringen bei Tübingen besitzen, sehen als evangelisch-methodistische Christen Kinder als ein Geschenk Gottes. Sicher war der Wunsch nach Nachwuchs auch deshalb so groß, weil Esther Grauer selbst die Älteste von 11 Geschwistern ist. Sie strahlt durch ihre ruhige Art etwas Familiäres aus, den Besucher überkommt ein Gefühl des Willkommenseins. Aus dem Ess- und Wohnzimmer nebenan ist Geschrei zu hören. Eine 13-Jährige kommt herein und verabschiedet sich von ihren Großeltern. Sie bekommt einen Kuss von ihrer Oma als Dankeschön dafür, dass sie mit den anderen Enkeln gespielt hat. Neun der 15 Kinder haben bereits selbst Nachwuchs. Die Grauers haben schon jetzt 26 Enkel. Deshalb ist immer was los im Haus, das acht Kinderzimmer hat. Durch eine Erbschaft von Eberhards Tante kamen sie in dessen Besitz. Zwar konnten die Kinder nicht alle ein eigenes Zimmer bekommen, wirklich darunter gelitten, dass sie alles mit ihren Geschwistern teilen mussten, haben sie aber nicht. "Ihre Kinder sind immer gut gelaunt, die müssen glücklich sein", sagte einmal eine Nachbarin. Einer der Jüngeren ist der 22-jährige Andreas. Ein schlanker Kerl mit braunem Haar und kurzem Stoppelbart. Er studiert Lehramt für Realschule in Karlsruhe. Seine 14 Geschwister sind in seiner Schulzeit gut bei den Klassenkameraden angekommen. Er lächelt. Seine Mitschüler hätten die Großfamilie "immer als Sensation" empfunden. Ganz anders war es bei seiner ältesten Schwester Eva-Maria, die Floristin ist. Sie wurde in der Grundschule oft von ihren Klassenkameraden gehänselt, als fast jedes Jahr ein Geschwisterchen zur Welt kam. Anfangs fühlte sie sich dadurch ausgeschlossen, doch als sie älter wurde, verkraftete sie die Hänseleien mit dem Glauben an Gott. Andreas ist völlig zufrieden mit seiner Situation. Für ihn sind seine 14 Geschwister unersetzbar: "Wenn meine Freunde mal keine Zeit hatten, hatte man zu Hause trotzdem immer einen Spielkameraden." Natürlich gebe es auch Streitereien, trotzdem bemitleide er jedes Einzelkind. Er findet es schade, dass sie nie erfahren können, was es heißt, Geschwister zu haben. Andreas möchte auch einmal eine große Familie haben. Die Frage, welche Frau sich heutzutage noch eine Familie mit mehr als drei Kindern wünscht, kann er locker beantworten: Seine Freundin und er wollen später heiraten und zusammen eine Familie gründen. Statistisch gesehen liegt der Anteil der Familien mit vier oder mehr Kindern bundesweit nur noch bei drei Prozent. Im Durchschnitt hat die deutsche Familie weniger als zwei Kinder. Die Anforderungen, die an die Eltern gestellt werden, schrecken die meisten davon ab, mehr als drei Kinder zu bekommen. Nicht nur der psychische Stress spielt dabei eine Rolle, sondern natürlich auch die finanziellen Nachteile. Durch ihr eigenes Geschäft genießt die Familie ein Stück Unabhängigkeit. Durch die Einnahmen ihrer Gärtnerei, in der in Notzeiten auch schon mal die Kinder mit anpacken mussten, kamen sie gut über die Runden. "Das Geld hat uns keine Probleme gemacht", sagt Esther Grauer, es sei allerdings auch eine Frage der Priorität, und die setze die Familie weniger auf materielle Dinge, sondern auf Hilfe für die Menschen, denen es nicht so gut geht. Nachbarn, Freunde und Verwandte "überhäuften" sie mit Kleidung, von der sie einen Teil wiederum an Bedürftige spendeten. "Wie es im Buch Salomo heißt: Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr." Sie streift sich zufrieden ihr graumeliertes Haar aus der Stirn. Über dem Klavier hängt ein Gemälde, das die Szene vom guten Hirten zeigt, der das verlorene Schaf findet. Gerhard Grauer erbte dieses Bild von seinen Eltern. Die ganze Familie verbindet viel damit. Es spiegelt ihren Glauben an Gott wider, der für die XXL-Familie sehr wichtig ist. Früher, als die Kinder noch kleiner waren, bekamen sie fast jeden Abend eine biblische Geschichte vorgelesen. Dazu knabberten sie Gemüse und Obst aus der eigenen Gärtnerei. Auf die Frage, ob es denn schon einmal einen gemeinsamen Familienurlaub gegeben habe, antwortet die Mutter mit Nein. Es sei allein schon deswegen nicht möglich, weil die Familie eine Gärtnerei zu betreiben hat und meist nur Lehrlinge angestellt seien. Hin und wieder hätten sie früher jedoch Tagesausflüge gemacht, zum Beispiel an den Bodensee. "Damals gab es noch keine Anschnallpflicht", sagt sie vergnügt, "da konnte man noch ein paar Kinder mehr auf der Rückbank unterbringen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Für die Mitschüler waren die 14 Geschwister eine Sensation
Autor
Leonie Leibßle. Albert-Einstein-Gymnasium, Reutlingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2010, Nr. 298 / Seite N6
Projekt
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