"Zwischen uns wird sich nichts ändern, du bleibst mein Kind"

´Eine Selbsthilfegruppe für Eltern homosexueller Kinder engagiert sich nicht nur privat für deren Akzeptanz. Noch immer werden Kinder, die sich outen, von ihren Eltern regelrecht verstoßen.

Als ich erfahren habe, dass mein Sohn schwul ist, ist für mich eine Welt zusammengebrochen", meint Martine Beilke. "Man fühlt sich verunsichert und sehr einsam, da man mit niemand darüber reden kann", fügt Regine Deker, Mutter eines 32-jährigen Homosexuellen, hinzu. Auch die anderen beiden Frauen in der Runde haben ähnliche Erfahrungen durchlebt. Sie sind Mitglied einer Stuttgarter Selbsthilfegruppe für Eltern, deren Kinder homosexuell sind. Eine Sonnenblume haben sie zu ihrem Erkennungszeichen gemacht, sie soll für das Positive im Leben stehen.

Die Gruppe trifft sich seit 20 Jahren zweimal im Monat zum Austausch. Man könne nie vorhersagen, wie viele Eltern kommen, sagt Loni Bonifert. Auch wenn mehr als 50 Erziehungsberechtigte ihren Newsletter abonniert haben, kann es sein, dass sie nur zu dritt oder viert beieinandersitzen. "Manche Eltern kommen bloß ein- oder zweimal, um sich das Ganze anzuschauen, andere so wie wir sind hingegen schon Jahre in der Gruppe dabei - nicht weil wir es noch nötig hätten, nein weil es einfach schön ist, mit den anderen zu reden."

Was denn die erste Reaktion nach dem Comingout gewesen sei? "Das Erste, was ich zu meinem Sohn gesagt habe, war: Zwischen uns wird sich nichts ändern. Egal was passiert, du bleibst immer mein Kind." Mit so viel Rückendeckung reagieren längst nicht alle. Die vier Frauen haben schon erlebt, dass minderjährige Lesben und Schwule vor die Tür gesetzt und verstoßen worden sind. Auch Aussagen wie "Mein Kind sollte lieber Krebs haben, als homosexuell zu sein" oder "Geh zum Arzt und lass dich therapieren" waren darunter. So haben die Gruppenmitglieder schon einige Homosexuelle "adoptiert", die sich mit ihren Eltern zerstritten haben, da diese kein Verständnis für die sexuelle Orientierung ihrer Kinder zeigen. Es gibt natürlich auch Eltern, die total gelassen reagieren und sogar stolz auf das "Anderssein" ihrer Kinder sind: "Ich habe einen schwulen Sohn und eine lesbische Tochter, davor war ich ein Spießer" habe eine Mutter an ihrem runden Geburtstag vor der Verwandtschaft verkündet.

Im Gegensatz zu den anderen dreien hat sich Traudl Fuchs' Tochter mit 26 Jahren spät als Lesbe zu erkennen gegeben. "Sie war mit ihrem ersten Freund ein halbes Jahr zusammen. Als dann keiner nachgekommen ist, habe ich mich schon etwas gewundert. Sie war dann ein Jahr im Ausland, und kurz vor Weihnachten hat sie sich mir bei einem Spaziergang offenbart." Ein großer Verlust schien ihr in diesem Moment, dass sie niemals Enkelkinder bekommen würde. Ihre Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Jetzt, viele Jahre später, ist sie Oma von siebenjährigen Zwillingen. Sie steht voll und ganz hinter ihnen: "Das sind meine Enkel, die ich heiß und innig liebe, ganz egal dass sie nicht auf konventionelle Weise gezeugt wurden. Wie sie das mit dem Kinderkriegen hinbekommen haben, wollte ich aber auch gar nicht wissen." Auch wenn es bei Traudls Tochter geklappt hat, sei es doch äußerst schwierig für gleichgeschlechtliche Paare Kinder zu bekommen. So bleibt meistens nur die Nutzung einer Samenbank, für schwule Paare sieht es noch düsterer aus, da in Deutschland die Leihmutterschaft verboten ist. Das Adoptionsrecht steht, falls es überhaupt so weit kommt, nur einer von beiden Personen zu. Loni Bonifert hat einige Bekannte, die eine andere Möglichkeit gefunden haben. So haben sich ein lesbisches und ein schwules Paar zusammengetan und Kinder gezeugt.

Die Selbsthilfegruppe möchte die Öffentlichkeit für das Thema Homosexualität sensibilisieren. "Wir wollen keine Toleranz, sondern Akzeptanz. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man etwas nur duldet oder ob man es anerkennt", verkündet Bonifert selbstbewusst. Die Frau mit den kurzen, dunklen Haaren fordert die komplette Gleichstellung in allen Bereichen des Lebens, egal ob es Steuern, Ehe oder Adoptionen betrifft. Dafür engagiert sich das Mütterquartett samt Nachwuchs auf verschiedenen Wegen. Sie geben Interviews in Zeitungen, Traudl Fuchs war zu Gast in der Talkshow "Nachtcafé". Anlass für diese Runde war das Outing von Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger und ein Papier, das vom Kultusministerium Baden-Württembergs erstellt wurde. Der zentrale Inhalt besteht darin, dass in den Schulen die sexuelle Vielfalt mehr in den Unterricht einbezogen werden soll.

Regine Dekers Sohn Christian hat einen Film für den NDR zum Thema Homosexualität gedreht. Der Journalist wollte wissen, wie mit Schwulen in Deutschland umgegangen wird. Seine Recherchen waren schockierend: Auf einer Stuttgarter Demo wurde er auf das Übelste beschimpft, und es wurde ihm angeraten, zum Arzt zu gehen. Er hat tatsächlich christliche Mediziner aufgespürt, die Schwulsein als Krankheit ansehen.

Die Mütter können aber über die meisten Menschen, die solche Aussagen von sich geben, mittlerweile lachen. "Wir haben keine Lust mehr, mit ihnen zu streiten, die werden es eh niemals einsehen." Traudl Fuchs erwähnt, dass sie sich seit Jahren in ihrem Heimatort Merklingen im Kirchengemeinderat engagiert. "Die müssen mich aushalten", meint sie schmunzelnd, "und Farbe bekennen. Es gibt schließlich auch schwule Pfarrer."

Auch am Christopher Street Day ist die Gruppe seit Jahren dabei. Der Umzug sei immer eine Riesenshow und provozierend, aber auch wichtig, denn viele betroffene Eltern stünden am Straßenrand und wollten sich das Ganze mal anschauen. "Es gehört viel Überwindung dazu, mitzulaufen und der Welt zu zeigen, ja, ich habe ein homosexuelles Kind", sagt Regine Deker. Eine Mutter hat davor erstmal einen Schnaps getrunken, damit sie mitlaufen konnte.

Das Einzugsgebiet der Gruppe ist groß, die Leiterinnen haben schon Anrufe aus ganz Deutschland erhalten, zwei Jahre lang sogar von einer Frau aus dem Raum Dortmund. Sie habe bewusst eine Gruppe weit weg von ihrer Heimat gesucht, denn so fiel es ihr leichter, über die Ängste zu sprechen. Andere Teilnehmer kommen vom Bodensee, aus Speyer und Frankfurt, die nächste Gruppe befindet sich erst in Freiburg. Damit ist auch klar, dass die Angebote vollkommen unzureichend sind, da laut Statistik fünf bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung homosexuell sind.

Manchmal kommen Gastreferenten, oder die Gruppe geht ins Kino und schaut Filme wie "Brokeback Mountain". Für ihr Engagement wurden die Stuttgarter 2011 mit dem Bürgerpreis in der Kategorie Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Das, was noch fehlt, sind die Väter. Bei den Treffen seien zwar immer mal wieder welche dabei, insgesamt seien es aber zu wenige. Martine Beilke glaubt aber an eine Veränderung: "Das Ego der Männer hat sich in den letzten Jahren gewandelt, es wird sich auch noch weiter verändern." Deswegen sei es wichtig, am Ball zu bleiben und der Gesellschaft zu zeigen, dass es bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nicht nur um Sex geht, sondern dass Liebe und Fürsorge genauso wichtig wie bei heterosexuellen Paaren sind. "Ich sage immer", und dabei zieht ein strahlendes Lächeln über Loni Boniferts Gesicht, "das es das Ziel unserer Gruppe ist, sich aufzulösen. Einfach nur deswegen, weil es dann selbstverständlich geworden ist, dass Frauen Frauen und Männer Männer lieben."

Informationen zum Beitrag

Titel
"Zwischen uns wird sich nichts ändern, du bleibst mein Kind"
Autor
Milena Schurr
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2014, Nr. 279, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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