Höflichkeit und seinen Körper sieht er als Kapital

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Giovanny kaum von den anderen jungen Männern in dem Café in der Hamburger Innenstadt. Er trägt eine Jeans, einen dunkelblauen Anorak und Sneakers. Er wirkt sportlich, hat ein gepflegtes Auftreten und das, was viele Frauen wohl ein attraktives Äußeres nennen. Seine dunkelbraunen Haare sind zu einem Undercut frisiert, er hat ein schmales, fast fein geschnittenes Gesicht und lange Wimpern. Giovanny sieht nicht nur gut aus, er ist auch ein angenehmer Gesprächspartner. Mit seiner hellen, freundlichen Stimme fällt es ihm leicht, lockeren Smalltalk zu führen. Der 26-Jährige wirkt gelassen, auch wenn er die Gäste immer wieder mustert, während er die Getränkekarte studiert. Das hat einen Grund: Er könnte hier auf eine Frau treffen, die er kennt. Ihm wäre das nicht peinlich - aber vielleicht ihr.

Denn Giovanny ist ein Callboy. Und Frauen, die Geld für Sex bezahlen, hüten dieses Geheimnis wohl noch besser als Männer. Dabei werden es immer mehr, die so eine Dienstleistung in Anspruch nehmen. Die Zahl der männlichen Prostituierten wird von Sozialarbeitern auf einen mittleren vierstelligen Bereich geschätzt. Verlässliche Statistiken gibt es nicht. Das klingt nicht viel angesichts der bis zu 400 000 Frauen, von denen es heißt, sie würden sich prostituieren. Aber die Zahl der Männer in diesem Gewerbe steigt. Die meisten arbeiten bislang im homosexuellen Bereich, aber auch die Zahl derer, die sich weiblicher Kundschaft anbieten, wächst. Und damit vermutlich auch die der Kundinnen. Trotzdem weiß die Öffentlichkeit wenig von diesem Geschäft, anders als bei weiblichen Prostituierten, deren Geschichten im Privatfernsehen erzählt werden. Heterosexuelle Callboys hingegen tauchen höchstens in einem Fernsehkrimi auf. Sind Frauen die diskreteren Kunden oder ist die männliche Prostitution immer noch ein Tabuthema? Mit dem Wandel der Rolle der Frau in der Gesellschaft wächst auch ihr sexuelles Selbstbewusstsein - und das Recht, dieses genauso auszuleben, wie viele Männer es schon immer tun. Giovanny ist davon überzeugt, dass sein Gewerbe stark an Popularität gewinnen wird. Bisher liegt seine Zahl an Dates im Durchschnitt bei sechs bis acht im Monat. Giovanny, der natürlich nicht so heißt und auch keine italienischen Wurzeln hat, arbeitet hauptberuflich als Konstruktionsmechaniker. Seine Tätigkeit als Callboy sieht er als Verwirklichung einer Leidenschaft und natürlich als lukrative Nebeneinnahmequelle.

Als Escortboy bedient er ein weites Spektrum, sagt er, quer durch alle sozialen Schichten. Das Durchschnittsalter seiner Kundinnen liege zwischen 30 und 40 Jahren. Gefunden haben sie ihn auf Callboyforen und Escortportalen im Internet. Und was für Frauen sind das? Giovanny sagt, seine Klientel reiche von der alleinstehenden Frau mittleren Alters aus der Nachbarschaft, deren Wunsch es ist, sich verwöhnen zu lassen, bis zu Frauen mit außergewöhnlichen Sexphantasien, die sie sich mit ihrem Mann oder Freund nicht zu teilen trauen. Und es gebe, wie im Fernsehkrimi-Klischee, Geschäftsfrauen, die keine Zeit für Dates und den damit verbundenen Stress hätten oder sich nehmen wollten. Und solche Frauen nehmen Männer wie Giovanny nicht nur mit ins Bett. Oft begleitet Giovanny Managerinnen auf Firmenveranstaltungen, auf denen eine Frau lieber nicht ohne Begleitung erscheinen möchte. So erlebt Giovanny in seinem Berufsleben als Escort den Gegensatz einer dominanten Geschäftsfrau mit wilden Sexphantasien einerseits und konventionellen gesellschaftlichen Verpflichtungen andererseits.

Doch Giovanny betont, er mache diesen Job nicht allein des Geldes wegen. Vielmehr habe er Interesse an Frauen im Allgemeinen und am Sex mit ihnen im Speziellen. Die Lust der Frau würde bei ihm im Mittelpunkt stehen, womit er sich von vielen Männern distanzieren möchte, bei denen es allein um deren eigene Befriedigung gehe.

"Ja, mein Selbstbewusstsein ist enorm gestiegen." Seit er als Callboy tätig sei, habe er es nicht mehr nötig, Frauen auf der Straße hinterherzugucken. Mit einem charmanten Grinsen sagt er: "Gerne probiere ich neue Sexpraktiken aus." Um möglichst viel bieten zu können, besucht er Sexseminare über außergewöhnliche Praktiken. Je besser ausgebildet ein Callboy sei, desto mehr Geld könne er von den Frauen nehmen, die ihn buchten. Aber nicht nur der Akt, das gesamte Auftreten mache den Preis. Höflichkeit und Benehmen seien sein größtes Kapital - und natürlich sein Körper. Für seine Fitness betreibt er Kampfsport, Fitnessübungen und das sogenannte "Whipcracking". Das ist eine außergewöhnliche Sportart, bei der es darum geht, mit einer Peitsche zu choreographieren. Außergewöhnlich vor allem für einen Norddeutschen: Unter dem Namen "Goaßlschnalzen" gibt es diese Disziplin vor allem in Oberbayern.

Diese Region beschäftige Giovanny auch deshalb, weil es dort das größte Escortgewerbe gebe. Die süddeutschen Frauen seien trotz des konservativen Rufes, den man ihnen nachsage, nach seiner Erkenntnis besonders selbstbewusst und offen für seine Dienste. Falls er sich eines Tages doch dazu entschließen sollte, die Callboy-Tätigkeit zu seinem Fulltimejob zu machen, würde er dorthin ziehen. Eine Freundin hat Giovanny nicht. Er hat Angst vor Enttäuschungen. Der unverbindliche Sex mit seinen Kundinnen hingegen schütze vor Herzschmerz. "Auch als Mann wird man manchmal verarscht." Sein Caipirinha ist ausgetrunken, er schaut auf die Uhr. Ob er heute Nacht noch eine Dame treffen wird? Von ihm wird man es nicht erfahren. Denn Diskretion gehört zum Geschäft. Formvollendet verabschiedet er sich und verschwindet in die Nacht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Höflichkeit und seinen Körper sieht er als Kapital
Autor
Paulina Kintzinger
Schule
Christianeum , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2014, Nr. 279, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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