Gewaltiger Adrenalinkick

Ein aufgebautes Dorf, bei dem die Freiheit und der Spaß an erster Stelle stehen." Für die quirlige, 17-jährige Schülerin Anna Bretting aus Esslingen und 60 000 weitere Feierlustige ist dieser inszenierte Ort das Highlight des Jahres. Dröhnende Musik, ausgelassene Stimmung und fallende Hemmungen, kombiniert mit einer Vielfalt an Genres, Styles und Menschen. Rund um die Landebahn des ehemaligen Truppenübungsplatzes in Neuhausen ob Eck bei Tuttlingen siedeln sich jedes Jahr aufs Neue eine Vielzahl an Menschen und Musikern an, um gemeinsam am Southside Festival teilzunehmen, einem der bekanntesten Festivals in Süddeutschland.

Ob amerikanischer Rap von "Macklemore", deutsche Chartstürmer wie "Seed" und "Kraftklub" oder internationale Stars wie Ed Sheeran, Bastille und Arcade Fire - in Shows mit lautem Bass und energiegeladenen Fans werden die Zuschauer von der Musik mitgerissen. Zwischen Bühne, Essensständen und Zeltplatz wird die Menge zu einer rauschenden Gemeinschaft. Zur Musik bilden sich sogenannte Circles, in denen die Zuschauer in ein rangelndes Menschenmeer hineingezogen werden. Hier vermischen sich Angst- und Jubelschreie miteinander - ein gewaltiger Adrenalinkick. Ein schmächtiges Mädchen berichtet von Nasenschmerzen, nachdem sie in einen Circle hineingedrängt wurde. Ihre gute Laune ließ sich die Schülerin aus Esslingen jedoch nicht verderben. Dank der großen Auswahl an Bands ist es dann möglich, bei einem ruhigen Konzert wie "London Grammar" durchzuatmen.

Die Konzerte sind erst der Anfang einer langen, lauten Nacht. Die Musik wird nie abgedreht - je später der Abend, desto lauter ist sie und desto kontaktfreudiger sind die Besucher. "Lauf einfach durch einen Weg zwischen den Zelten. Hier werden Bekanntschaften geschlossen. Ob man will oder nicht", sagt Anna Bretting. Angefangen bei der Suche nach einer Pumpe für die Luftmatzratze über die Suche nach Teammitgliedern für ein Trinkspiel oder den plumpen Versuch einer Anmache bis hin zu einem betrunkenen Festivalbesucher, der beschließt, ein Nickerchen auf einem fremden Zelt zu machen: die 17-jährige Auszubildende Vivian Meyer aus Mettingen, die zum ersten Mal dabei ist, hat schon alles erlebt und berichtet von einer nächtlichen Überraschung. "Nachdem ich trotz des Gegröles vom Nachbarzelt endlich eingeschlafen war, wurde meine Ruhephase unterbrochen, als ich von einem lauten Schlag geweckt wurde und feststellte, dass ich einen zweiten Mitbewohner im Zelt hatte." Bei dem Labyrinth aus Heringen und Zeltschnüren gestaltet sich der nächtliche Gang zum Zelt als Hürdenlauf. Dank einer familiären Stimmung wird auch fremden Menschen kaum etwas übelgenommen, Probleme werden schnell gelöst, und Auseinandersetzungen wie etwa bei der Plazierung der Zelte sind schnell vergessen.

Für jeden Besucher ist die Nacht irgendwann vorbei. Während sich morgens viele die Zähne putzen, trinken einige schon wieder ihr erstes Bier - oder ihr letztes. Die Energie kennt bei manchen keine Grenzen. Und Grenzen scheint es auf dem Southside grundsätzlich kaum zu geben. Die Folgen gilt es selbst zu tragen - sei es der Kater am Morgen oder ein im Rausch tätowiertes Arschgeweih. "Ein Glück, dass es nur ein paar Tage hält. Das hätte weder ich noch meine Mutter mir jemals verziehen", erzählt die 17-jährige Schülerin Lea aus Esslingen am Neckar lachend.

Am Morgen erschlägt einen neben dem größer werdenden Müllberg dann der Gestank der Dixiklos. Auch das ist Southside. Wird es einem auf seinem Campingstuhl bei Dosenfutter vom Campingkocher dann doch einmal zu viel und schlechte Laune macht sich zwischen den übermüdeten Nachbarn breit, so ist die Landebahn der zentrale Treffpunkt und ein geeigneter Punkt, um gute Laune zu tanken. Hier vermischen sich phantasievoll Kostümierte, Spaßvögel, die sich lustige Spiele einfallen lassen, und tanzende Gruppen. So hemmungslos und feierwütig die Stimmung auch ist, mit großen Problemen hatte die Security dieses Jahr nicht zu kämpfen. "Selbstverständlich sind kleinere Auseinandersetzungen nicht zu vermeiden. Aggressivität ist hier aber fehl am Platz", sagt ein Security-Mitarbeiter.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gewaltiger Adrenalinkick
Autor
Leonie Roos
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2014, Nr. 279, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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