Meister Kaup kennt im Dorf jedes Kind

Vater und sein Onkel waren Schuster. Und nach dem Krieg war klar, dass auch Heinz Kaup das Handwerk erlernt. Bereut hat er das nicht und ist in seinem Dorf im Münsterland eine Institution.

Meister Kaup kennt jeden in Gimbte, und jeder in Gimbte kennt Meister Kaup. Wenn ein Besucher die Dorfstraße in Gimbte, einem 900-Seelen-Dorf bei Münster, entlangfährt, findet er irgendwann an einem der Ziegelsteinhäuser ein schwarzes Schild mit der Aufschrift: "Heinrich Kaup - Schuhmachermeister". Hinter diesem Haus gibt es ein weiteres Ziegelsteinhaus, in dem Kaups Werkstatt untergebracht ist. Hier geht der 80-Jährige in seiner blauen Schürze seiner Tätigkeit als Schuhmacher nach.

Zunächst geht es durch einen kleinen, weißgestrichenen Raum. Zwei Türen, an denen viele Aufkleber mit lustigen Sprüchen kleben, führen entweder nach links in die eigentliche Werkstatt oder nach rechts in einen Verkaufsraum. Auf den ersten Blick fällt ein Tisch auf, dort liegt ein Haufen Schuhe. Es sind die fertig reparierten Schuhe, die nur noch darauf warten, von ihren Besitzern abgeholt zu werden. "Früher haben wir auch Schuhe selbst in Handarbeit hergestellt, aber heute nicht mehr. Es wäre zu teuer, wer würde sich noch so etwas leisten? Heute machen das meistens nur noch die Orthopädieschuhmacher", sagt der Schuhmachermeister. Die Reparaturen sind unterschiedlich: vom Beziehen der Absätze über das Anbringen neuer Sohlen oder Reißverschlüsse bis hin zur Reparation des Futters ist alles dabei.

Heinz Kaup begann 1948 nach der Schule mit der Schuhmacherausbildung. Eine große Wahl habe er damals aber nicht gehabt, berichtet er: "Mein Vater, mein Onkel, alle waren Schuster. Ich war der Älteste, und etwas anderes gab es damals kurz nach dem Krieg auch nicht. Ich habe mich aber noch nie darüber geärgert, dass ich Schuhmacher geworden bin."

Bei kleinen Reparaturen, wenn sich zum Beispiel bei einer Sandale ein Riemen gelöst hat, macht Meister Kaup die Reparatur auch sofort, so dass man den Schuh nach kurzem Warten wieder mitnehmen kann. Dann wird der Riemen schnell mit Spezialkleber geklebt und mit einer großen, handbetriebenen Nähmaschine wieder festgenäht. Während Kaup den Schuh repariert, kann der Kunde danebenstehen und zusehen.

Aber der Schuhmacher repariert zum Beispiel auch Geschirre und bringt an Lederjacken neue Reißverschlüsse an. Manchmal gebe es sogar kuriose Aufträge, erzählt er: "Ein Jahr dürfte das jetzt her sein, da kam ein Kunde und brachte mir etwa 20 Schuhkartons, die an der Seite aufgeschnitten waren. Ich sollte die Kartons mit Leder bekleben und er wollte seine Bücher hineintun und die Kartons in sein Bücherregal stellen. Ich habe es gemacht, und zum Schluss sah es gar nicht schlecht aus. Das Leder hat mir der Kunde auch geliefert, und als zum Schluss noch etwas übrig war, meinte er: ,Das kannst du behalten.' Da habe ich gesagt: ,Dann musst du aber auch nichts bezahlen.' Jetzt habe ich genug Leder, solange ich noch arbeite."

Im Raum neben der Werkstatt, in den man durch die rechte Tür kommt, verkauft Kaup auch Schuhe. In Regalen, die an den weißen Wänden stehen, finden sich verschiedene Modelle, von Filzpantoffeln für Kinder bis hin zu feinen Lederschuhen. Hier riecht es ein wenig nach Imprägniermittel. Im Regal links neben der Tür steht ein kleines Glas, in dem noch drei Colabonbons zu sehen sind. Daneben liegen ein paar leere Bonbonpapiere. Schmunzelnd räumt der Handwerker die Bonbonpapiere weg. "Kinder besuchen mich auch öfter. Sie kommen in die Werkstatt oder in den Verkaufsraum, und wenn sie wieder gehen, nehmen sie sich ein paar Bonbons aus der Büchse mit. Manchmal fahren sie nur auf den Hof und kommen herein, um sich Bonbons zu holen. Aber das macht ja nichts. Abends ist die Büchse jedenfalls meistens leer." Gegenüber der Tür steht ein kleines Regal mit der Aufschrift "Angebote". Der Schuhmacher nimmt einen schwarzen Schlappen heraus. "Letztens hat mir eine Frau, deren Mann gestorben ist, seine Schuhe gegeben, damit ich sie verkaufe. Der Mann mochte Schuhe, er hatte ungefähr 15 Paar." Der Schuh, den der Schuhmacher gerade in der Hand hat, sieht noch völlig ungebraucht aus. "Die Schuhe sind gar nicht oder kaum getragen, aber alt, so etwa zehn Jahre. Deshalb sind sie schwer zu verkaufen."

Kaup unterhält sich gern mit seinen Kunden, die er alle kennt, viele auch von früher: "Früher habe ich in der Blaskapelle Tenorhorn gespielt, 40 Jahre lang. Heute spiele ich nur noch selten Karten und gehe ein Mal im Monat kegeln." Man tauscht sich über Neuigkeiten aus dem Dorf aus, spricht über Verwandte und natürlich über das Anliegen des Kunden. "Die viele Kundschaft, die schönen Gespräche und die netten Leute machen mir besonders viel Freude. Ich habe hier viel Abwechslung", erzählt der Mann mit weißen Haaren und Brille, während schon die nächste Kundin das Haus betritt.

Die Werkstatt hat eine lange Tradition. "Die Schuhmacherwerkstatt Kaup besteht seit 1763, damals hat hier ein Schuhmacher Kaup bei einem anderen Schuhmacher eingeheiratet, das weiß man aus den Kirchenbüchern. Aber der jetzige ist zu 99 Prozent der letzte", sagt Heinz Kaup, der seit 50 Jahren mit seiner Frau verheiratet ist, zwei erwachsene Töchter und fünf Enkel hat. Wenn Meister Kaup seine Arbeit aufgeben wird, wird das idyllische Gimbte eines seiner letzten Geschäfte verlieren.

Informationen zum Beitrag

Titel
Meister Kaup kennt im Dorf jedes Kind
Autor
Johanna Büning
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2014, Nr. 285, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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