Frau Metzger macht Hüte

Morgens, nachdem alle Hüte, Handschuhe und jeder Fascinator ihren Platz gefunden haben, öffnet sich die Ladentür. Die ersten Kunden blicken auf die außergewöhnliche Vielfalt von Kopfbedeckungen aller Art im Hutladen "Szenario". Birgit Sophie Metzger ist die Besitzerin des Ladens mitten in der Esslinger Altstadt. Er fügt sich ein in die verwinkelten Gassen und fällt doch auf durch seine geschmückten Vitrinen, die schon durch das Schaufenster zu bewundern sind. Immer wieder ändert sich die Auslage, dafür sorgen Frau Metzger und ihr Mitarbeiter Michael Merten, der dafür steht, dass Hüte nicht nur etwas für Damen, sondern sehr wohl auch für Herren sind.

Birgit Sophie Metzger entdeckte ihre Liebe zu Hüten in Wien, wohin sie zum Studium gekommen war. Sie lernte Mützenmacherinnen kennen und wusste: Das ist das, was ich auch machen will - und zwar selbständig, um von Anfang bis Ende bei der Produktion der Hüte dabei zu sein. Aus diesem Grund wich sie von ihrem ursprünglichen Weg, Industriedesign zu studieren, ab und eröffnete 1990 ihren Laden "Szenario" in Esslingen. Ein Jahr später präsentierte sie schon ihre erste Kollektion in Düsseldorf auf der Modemesse Igedo - und das ohne eine Ausbildung für diesen Beruf.

Bei ihrer Arbeit verzichtet die 46-Jährige auf jegliche Art von Hilfsmitteln, wie zum Beispiel Zeichnungen, sondern kreiert den kompletten Hut in ihrem Kopf. "Da kann es schon einmal sein, dass ich zum Schluss einen ganz anderen Hut in den Händen halte, als ich es mir zunächst ausgedacht hatte", erklärt sie lächelnd. Aus diesem Grund kann sie nicht genau sagen, wie lange sie für die verschiedenen Kreationen braucht. Außerdem kommt es immer darauf an, wie aufwendig ein Hut ist, da es viele verschiedene Arten gibt.

Zwar achtet Metzger auch auf Hut-Trends, aber trotzdem bleibt sie ihrem eigenen Stil treu. Mit ihren Kreationen entwirft sie neue Lieblingsstücke mit hohem Identifikationswert. Sobald ein Kunde den Laden betritt, müssen Metzger und Merten erkennen, was für ein Typ der Kunde ist und welchen Geschmack er hat. Für Modisten sei es deshalb wichtig, den "Blick für die Menschen" zu haben. Außerdem ist der Beruf kreativ und abwechslungsreich, da man mit verschiedenen Materialien, zum Beispiel auch mit Stroh, arbeiten kann. Dennoch gibt es alle drei Jahre nur drei Ausbildungsplätze in ganz Baden-Württemberg. Daher sind diese Plätze sehr begehrt.

Michael Merten war einer der drei Glücklichen, die einen Platz bekamen. Er begann eine duale Ausbildung in Stuttgart und absolvierte seine praktischen Einheiten bei Birgit Sophie Metzger. Während der Ausbildung hatten sie zu dritt Unterricht, in dem sie alles für den Beruf als Modisten lernten.

Nach der Ausbildung stand eine Gesellenarbeit an, bei der es Vorgaben bezüglich der Zeit und auch der Materialien gab. Die Prüfung stand unter dem Thema "Nachhaltigkeit". Merten kreierte einen Filzhut, einen Strohhut und eine Stoffmütze in den klassischen Hutgrundformen und setzte auf die Farben Schwarz und Weiß. Sein Hauptgedanke dabei war, dass seine Kreationen möglichst zeitlos sein sollen. Außerdem war so nicht nur die Produktion nachhaltig, sondern er schaffte auch eine nachhaltige Nutzung der Hüte für den Kunden, da man sie immer tragen kann und sie gut kombinierbar sind. Er belegte den dritten Platz mit seiner Gesellenarbeit.

Ungewöhnlich bei "Szenario" ist die Onkocollection. Vor einiger Zeit baten einige Frauen Frau Metzger, ihnen eine Mütze zu machen, die gut aussieht, weich ist und nicht gleich verrät, dass ihre Trägerinnen eine Chemotherapie hinter sich haben. Birgit Sophie Metzger entwickelte modische Modelle für diese Kundinnen. Kunden können ihre eigenen Haare mitbringen und bekommen eine Mütze mit ihren Haaren speziell für sie kreiert. Frau Metzger traf das Thema noch einmal neu, als ein Verwandter - ihr Männermodel - jung an Krebs erkrankte. Er kam mit einer extremen Typveränderung wieder, was sie noch mehr inspirierte. "Da wird aus meinen Hüten mehr als eine Kopfbedeckung." Das spürt Birgit Sophie Metzger bei vielen Beratungen.

Ein besonderes Ereignis war der Besuch des "Grey's Anatomy"-Stars Katherine Heigl. Mit einem Schlag drohte der kleine Laden aus allen Nähten zu platzen: Heigl, ihre Mutter, ihr Haar-Stylist, Journalisten der "Stuttgarter Zeitung" und ein RTL-Team drängelten und tummelten sich zwischen all den Hüten. "I want to shop." Damit das in Ruhe geschehen konnte, war klar, wer bleiben durfte und wer gehen musste: Presse raus, Hüte her! "Katherine Heigl war sehr nett", sagt Frau Metzger. "Ihre Mutter setzte sich erst mal in einen Sessel und zog die Schuhe aus, damit war gleich alles viel entspannter, und der Einkauf konnte losgehen. Die Beratung war einfach und unkompliziert und die Tüten zum Schluss ziemlich voll: Handschuhe, Kopfschmuck, Accessoires - Katherine Heigl ließ einfach ihre Kreditkarte da und ließ später die Einkäufe abholen. Und dann war auch schon alles vorbei." Eine ganze Weile haben die Hutmacher danach den Laden aufgeräumt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Frau Metzger macht Hüte
Autor
Julia Götz, Selina Krieger, Johanna Mayer
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2014, Nr. 285, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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