Im Kellergewölbe hauste ein Krokodil

Um das 432 Jahre alte Kielmeyerhaus in Esslingen ranken sich einige Sagen. Heute übernachten in dem hellhörigen Fachwerkhaus Touristen.

Es überragt alle anderen Häuser am Marktplatz. Fast magisch zieht das Kielmeyerhaus den Blick der Marktplatzbesucher auf sich. Es ist nur eines der zahlreichen Renaissancebauten der Esslinger Altstadt, dennoch ist es im Kreis Esslingen eine kleine Berühmtheit. Doch wie lebt es sich in einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus, das so geschichtsreich und außerdem auch sagenumwoben ist? Bevor das Haus in den Besitz der Familie Kielmeyer kam, diente es als Lagerraum und Kelter des Katharinenspitals, das den ganzen heutigen Marktplatz bedeckte. Nachdem Spitale, wie Kranken- und Armenhäuser im Mittelalter genannt wurden, aus der Mode kamen und auch das letzte in Esslingen übrig gebliebene Spital, das Katharinenspital, 1811 abgerissen wurde, blieb lediglich die Kelter, also das heutige Kielmeyerhaus bestehen. Die Stadt gab das Kielmeyerhaus danach zum Kauf frei.

Der junge Gottlieb Friedrich Kielmeyer interessierte sich für das damals schon imposante Gebäude, war aber wegen seiner Minderjährigkeit noch nicht zum Kauf berechtigt. Deshalb engagierte er einen Mittelsmann, der das Haus für ihn erwarb. Wie der junge Kielmeyer zu so viel Geld kam, um ein solch teures Haus zu kaufen, ist der Familie bis heute unklar. Von da an benutzte die Familie Kielmeyer das Haus als Geschäfts- und Wohnhaus. Heutzutage bietet die Familie in ihrem Haus Touristen eine Unterkunft im Herzen Esslingens an. Jede der ein, zwei oder vier Zimmer großen Ferienwohnungen, die alle mit einer eigenen Küche und einem Bad ausgestattet sind und Namen wie Riesling, Lemberger, Trollinger, Burgunder und Champagner tragen, bietet ihrem Mieter auf Zeit einen Blick auf den belebten Marktplatz und die beiden Türme der Stadtkirche St. Dionys.

Das Kielmeyerhaus ist nicht nur wegen des schönen und alten Baustils und der zentralen Lage interessant, es ranken sich auch einige Sagen um das Haus. Das Kellergewölbe stieß nahe an den Geiselbach, der damals noch durch Esslingen floss. Daraus gelangte laut Sage ein Krokodil ins Kellergewölbe und trieb dort sein Unwesen: Es verschlang den Küfermeister mit Haut und Haar. Die Familie erklärt sich diese Sage so: Das Krokodil soll aus einer Tierschau auf dem Marktplatz ausgebrochen sein und sich im Geiselbach niedergelassen haben. Von dort war es nicht weit bis in den Keller des Kielmeyerhauses. Damals sei das Krokodil gefangen und getötet worden, und sein Geist soll noch heute unter dem Schutt des Spitals, der unter dem Marktplatz liegt, verborgen sein.

Eine weitere Sage erzählt die Geschichte des "schwarzen Männles", dem nachgesagt wird, diebische Keltergehilfen mit Knüppelschlägen zu bestrafen. Es ist heute als reliefartiges Wappenschild an der südwestlichen Fassade des Hauses zu bewundern. Auf die Frage, ob die Familie der Sage Glauben schenke, schmunzelt Hannes Kielmeyer, mit seinen 24 Jahren der Jüngste des Hauses. "Vor ein paar Jahren fiel mir der Kopf des Männchens bei Sanierungsarbeiten herab. Glücklicherweise konnten wir ihn wieder auf den Körper kleben. Und wie zu sehen ist, sitze ich hier gesund und glücklich, ohne dass mir deshalb etwas passiert ist."

Doch leider bringt das Familienhaus nicht nur Gutes mit sich. Erbstreitigkeiten, teure Renovierungsarbeiten und Schulden belasteten die Familie in den vergangenen Jahren sehr. "Wir richten uns nach dem Haus, nicht das Haus sich nach uns", sagt Thomas Kielmeyer senior. Für den 55-jährigen Architekten ist das eigene Haus manchmal eine echte Herausforderung. Unterstützung bekommt er von seinem Sohn, der mit im elterlichen Betrieb arbeitet. Und so kann es schon einmal sein, dass eine schräge Wand vorgibt, wie ein Regal aufzustellen ist: Entweder man erträgt den schrägen Anblick des sich eigentlich in der Waage befindlichen Regals oder aber man passt das Regal der schiefen Wand an und muss schauen, wie man seine Sachen dann sicher darin verstaut. Es lebt sich in einem unter Denkmalschutz stehenden Haus eben ganz anders als in Neubauten.

Beim Bohren kann man zum Beispiel auf Stroh stoßen, das früher in Wände eingebaut wurde; spezielle Dübel sind vonnöten, wenn man etwas an der Wand befestigen möchte. "Die halten dann eine Weile, aber es ist auch schon einmal passiert, dass ein Regal nach einer Weile wieder von der Wand kam. Der vermutete Einbrecher hatte sich schnell als falscher Dübel entpuppt, der das Chaos angerichtet hatte", erinnert sich Hannes Kielmeyer lächelnd.

Aufgrund der Tatsache, dass das Haus relativ hellhörig und bedingt durch seine knarrenden Dielen manchmal laut sein kann, benötigt man eine gute Portion Anpassungsvermögen. Neben den Fenstern darf auch an der Fassade nicht viel verändert werden. So muss man sich mit Sprossenfenstern und Klappläden zufriedengeben - also Schluss mit dem Gedanken, das Haus auf den neuesten Stand der Technik aufzurüsten und Wärme- und Schallschutzmaßnahmen zu ergreifen. Ganz zu schweigen von dem Einbau eines Aufzugs. "Es ist eben eine ganz andere Denkweise, die man mit so einem Haus hat", sagt Kielmeyer senior.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Kellergewölbe hauste ein Krokodil
Autor
Patrick Mai, Sven Schillinger
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2014, Nr. 291, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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