Gemütlich sind nur Möbel mit Gebrauchsspuren

Alles muss raus!" So wirbt der Media Markt, wenn Platz für Neues geschaffen werden muss. Doch auch viele Menschen machen sich diesen Slogan zum Motto und versuchen aus ihren alten Möbeln, seien es Tische, Kommoden, Stühle oder Buffets, noch irgendwie Geld herauszuholen, um möglichst immer das Neuste vom Neusten in ihren vier Wänden zur Schau stellen zu können. Anja Herok hingegen, die am Rand der Schwäbischen Alb wohnt, wartet nur darauf, so ein altes Schmuckstück über Internetseiten wie Ebay zu ergattern.

"Schmuckstücke sind es nicht von Anfang an", sagt die Mutter zweier Kinder, "aber man kann welche aus ihnen machen." Aber bevor es an die Arbeit geht, braucht es erst einmal ein Möbelstück, das sich zu restaurieren lohnt. Und dafür hat die 47-Jährige zusammen mit ihrem Mann Andreas, der ihr bei ihrem Hobby oft unter die Arme greift, schon Hunderte von Kilometern zurückgelegt, da es eben "genau das" Gelsenkirchener-Barock-Buffet sein muss, es nur diese eine 1,20 Meter breite Anrichte gibt, die in die winzige Küche passt, oder weil sich die Strecke einfach lohnt, wenn ein großer, ovaler Bauerntisch mitsamt sechs Stühlen für einen Schnäppchenpreis angeboten wird, der es würdig ist, den modernen Esstisch zu ersetzen. Allerdings ist es Anja Heroks Mann lieber, wenn ihr noch im selben Ort etwas ins Auge fällt, wie zum Beispiel eine kleine Hühnerleiter, die nun weiß ist und auf der Gewürze wie Basilikum und Thymian aufgereiht sind, oder aber auch eine Zinkwanne, die zum Gartenteich umfunktioniert wurde.

So ist es ein Muss, erst einmal alles abzuschleifen, lose Holzschichten wegzureißen, Holzwürmer zu bekämpfen und oftmals auch Schlösser, Schlüssel und Scharniere nachzukaufen. Dann wird gestrichen, aber nicht so, wie man normalerweise streicht, sondern mit der Absicht, den Möbelstücken einen Hauch Nostalgie zu verleihen. Andreas Herok erleichtert seiner Frau auch oft die Arbeit, indem er ihr grobe Holzplatten mit der Flex abschleift oder die Stühle mit einer Sprühpistole weiß anspritzt - "sie alle Stühle streichen zu lassen wäre ja eine Zumutung".

Anja Herok selbst ist das beste Beispiel dafür, dass man keine professionelle Ausbildung vom Fach braucht - so lernte sie weder den Beruf eines Tischlers noch eines Malers, sondern machte eine Lehre im Einzelhandel. Doch die Ergebnisse können sich sehen lassen. "Erst gibt man den Möbeln Farbe, und dann schleift man sie an manchen Stellen wieder ein bisschen herunter, so dass es nach natürlichen Gebrauchsspuren aussieht", verrät sie und streicht sich eine blonde Locke aus dem Gesicht, "das ist eben shabby".

Sind die Möbel dann fertig aufbereitet, so wird das Unikat noch individuell verziert und dekoriert. Zum Beispiel wurden die alten Stühle weiß gestrichen und besprüht, anschließend geschliffen und mit einem samt-rosé Stoff überzogen, um ihnen etwas Verspieltes zu verleihen. In den Vitrinen und den Buffets, die im Arbeitszimmer sowie dem Wohnzimmer stehen, sind sorgfältig Porzellan-Service angeordnet, Deko-Beeren ranken aus teilweise geöffneten Schubladen, und Kerzen füllen hier und da ein Plätzchen aus, um das Ambiente etwas romantischer wirken zu lassen. Auch in der kleinen Küche zieht ein aquamarin- und weißfarbiges Oberteil eines alten Buffets, umgeben von Ikea-Schränken, die Blicke auf sich "und lockert alles etwas auf".

Nicht selten kommen Gäste und beschreiben Anja Heroks Haus als eine kleine, süße Puppenstube, in der man sich einfach nur zu Hause fühlen kann. "Seit ich den Shabby-Stil in mein Haus gebracht habe, fühle ich mich selbst auch viel wohler hier. Ich kann mich richtig ausleben, und kein Wohnzimmer sieht so aus wie meines." Auch ihr Sohn und ihre Tochter sind der Meinung, dass die Atmosphäre viel gemütlicher wirke - "aber eine Hilfe sind sie nicht, wenn es um die Arbeit geht".

Man kann keinesfalls sagen, die Shabby-Möbel würden ihrem Namen entsprechend auch schäbig aussehen. Im Gegenteil, sie verleihen den Räumen Leben. Anja Herok verrät, dass sie sich niemals wohl fühlen würde, müsste sie "in so einem modernen Kastenhaus" leben. Das wirke "wie eine Modellwohnung, irgendwie nicht echt und unpersönlich". Kein Wunder also, dass sie auch die Dekoration oft selbst macht, nach dem Motto Do it yourself, wobei man nicht mal tief in die Taschen greifen muss, da es sich um alltägliche Gegenstände handelt, die jeder zu Hause hat. Aus alten Konservendosen werden hübsche Behälter für Stifte oder Seifenspender, indem sie einfach mit ein paar schönen Servietten und Borten beklebt werden. Geblümtes Geschirr, das sonst auf dem Dachboden verstauben würde, oder Gurkengläser werden zu Teelichthaltern umfunktioniert, und Omas antikes Teewägelchen, das kleine Rostflecken hat, gibt der Atmosphäre einen antiken Hauch.

Wer alte verbogene Draht-Kleiderbügel im Schrank hängen hat, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich haben, kann sie zum Beispiel noch weiter zu einem Herzen biegen, mit Moos umwickeln und mit getrockneten Rosen bestücken. Aber auch für diejenigen, die regelmäßig ihren Dachboden oder den Keller ausmisten, besteht die Chance, ihr Shabby-Repertoire aufzustocken - nämlich auf dem Flohmarkt.

Porzellan-Bettpfannen kann man zu Blumentöpfen umfunktionieren, Silberteller werden mit einem verschnörkelten Schriftzug zum edlen Türschild, eine handbetriebene Kaffeemühle ziert die Küche. Der Phantasie sind bei diesem Stil keine Grenzen gesetzt. So kann sich jeder eine eigene kleine Welt in seinen vier Wänden schaffen, die es in dieser Konstellation in keinem Möbelgeschäft zu kaufen gibt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gemütlich sind nur Möbel mit Gebrauchsspuren
Autor
Janina Herok
Schule
Justus-von-Liebig-Schule , Göppingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2014, Nr. 291, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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