Max und Hektor brachten Ladungen Lehm zum Ofen

Die Regale sind leer, kein Rattern der Maschinen ist mehr zu hören, kein Rauch steigt aus dem 22 Meter hohen, runden Schornstein, der die anderen Gebäude überragt. Es riecht nach feuchtem Holz, nach Maschinen und einem Hauch von Lehm. Noch vor 20 Jahren lagerten in den langen Regalreihen Hunderte von Tonrohren und gebrannten Dachziegeln. Heute deutet nur noch ein einzelner Ziegelstein auf die Funktion der verlassenen Anlage aus Öfen, Werkstatt und Trockenschuppen hin. Doch vergessen ist die Geschichte der Ziegelei Siegeroth in Lünen-Wethmar, die als Familienbetrieb bis 1995 geführt wurde, nicht. Denn in der zweitältesten, denkmalgeschützten Ziegelei Deutschlands sind noch immer die Geräte und Werkzeuge, mit denen einst Hartbrandklinker, Gittersteine, Kabelabdeckhauben und Weinlagerrohre aus Ton hergestellt wurden, erhalten und sogar funktionstüchtig, wie Alois Siegeroth, der letzte Inhaber des Betriebs, versichert.

Der 85-Jährige, der die Ziegelei in der fünften Generation leitete, lebt mit seiner Frau Mechthild noch im Wohnhaus auf dem Gelände der alten Ziegelei. Ein rostiges Scharnier quietscht, als er die Tür des "Schoppens" öffnet und auf den Hof tritt. Neben dem Trockenschuppen befinden sich die Brennkammern des achtkammerigen Zickzackofens, der 1930 von seinem Vater Ludwig Siegeroth gebaut wurde. In der Schreibstube des Wohnhauses schlägt der Ziegelmeister ein altes Familienbuch auf, Verfasser war sein Onkel Aloys Siegeroth, und liest eine Kindheitserinnerung an die Öfen vor, die durch den Zickzackofen ersetzt wurden: "Diese alten Öfen! Sie waren uns als Kinder zum Inbegriff alles Schönen, aber auch des Fürchtens geworden. Sie gaben uns ein gutes Versteck, in ihnen wärmten wir uns, wenn der Regen uns durchnässt hatte, vor ihrer Feuerung erlebten wir unvergessliche Stunden, wenn wir den Geschichten des Vaters lauschten, so dass uns ein Gruseln über den Rücken lief."

Heute ist Alois Siegeroth der Geschichtenerzähler. Kolping-, Schützen-, Sport- und Heimatvereine sowie Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr und des Rotary-Clubs kommen aus ganz Deutschland, um dem Ziegelbäcker zu lauschen, der drei Kinder und fünf Enkel hat. Die Besucher erfahren, dass das Gelände vor 150 Jahren Johann Wilhelm Segeroth, dessen Name sich während der folgenden Generationen zu Siegeroth änderte, kaufte. Er hatte in Essen der expandierenden Unternehmerdynastie Krupp weichen müssen, die das Land aufkaufte, auf dem Siegeroths Vorfahre damals einen landwirtschaftlichen Betrieb führte. 1867 gründete Segeroth die Ziegelei in Lünen-Wethmar und führte sie weitere 20 Jahre, bis sein jüngster Sohn Carl Ludwig Heinrich Adolph den Betrieb übernahm. Er stellte die Handarbeit auf maschinelle Herstellung um. Von April bis Oktober wurde in der Ziegelei gearbeitet und Saisonarbeiter halfen aus, der Winter jedoch war die Hauptzeit zum Lehmstechen in der drei Kilometer entfernten Grube Hauschoppsknapp.

Das Pferdegespann Max und Hektor brachte viele Ladungen Lehm zur Ziegelei. Wenn im Herbst der Nebel kam, erinnert sich Siegeroth, und er als Kind in der Ferienzeit länger aufbleiben durfte, dann sagte sein Großvater: "Alwis, komm, wir beide gehen mal zu der Straat hin, wollen mal kieken, ob der Wagen ankommt." Und dann legte er sein Ohr auf die Straße und sagte: "Ich hör ihn hinterm Hauschoppsknapp, es dauert nicht mehr lange, dann kommt er wieder. Jetzt hör du mal!" Dann habe er sein Ohr auf die Straße gelegt und gesagt: "Opa, ich hör nichts." Aber zwei Minuten später kam wirklich das Gespann über die Kuppe hinweg. Vorne war eine weiße Laterne, hinten eine rote, und bei dem Führpferd, das in der Mitte über den Blaubasalt lief, da spritzten so die Funken.

Im Laufe der Jahre ersetzten nicht nur Kraftfahrzeuge das Pferdegespann, auch die Maschinen zur Herstellung der Ziegelprodukte, von denen heute einige in Museen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe ausgestellt sind, wurden erneuert: 1893 ersetzte ein Dieselmotor die alte Dampfmaschine. Während des Zweiten Weltkrieges modernisierte Ludwig Siegeroth die Ziegelei. "Dann habe ich am 1. Januar 1962 die Ziegelei in der fünften Generation übernommen", berichtet Siegeroth. Doch schon zu dieser Zeit wurde es für kleine Familienbetriebe immer schwieriger, mit der Massenproduktion der großen Unternehmen Schritt zu halten. Der Betrieb konnte nur bestehen bleiben, weil Siegeroth immer wieder durch innovative Ideen Nischenprodukte schuf, wie Kabelabdeckhauben für die Deutsche Post und sogenannte Plättkensteine, Randsteine, die für die Begrenzung von Gärten verwendet wurden. "Glück musst du haben", erklärt er und fügt hinzu: "Ideen musst du haben!" Und die hatte der Ziegelmeister: "Weil immer wieder nach Tonrohren für die Lagerung von Weinflaschen gefragt wurde, hatte ich 1978 die Idee, die Ton-Weinlagerziegel zu produzieren." Da runde Tonrohre für die Weinlagerung beim Stapeln wegrollen, musste er erfinderisch sein: "Im Fernsehen sah ich bei der Sendung ,Dalli Dalli' in der Studiowand ein Wabenmuster, und da hab ich mir gedacht: Achteckige Rohre müsste ich machen!"

Auf einem Geldschrank aus dem Jahr 1873 stapeln sich einige dieser Tonelemente, die von München bis Flensburg verkauft wurden, wie der Erfinder stolz bemerkt. An den Wänden hängen Fotos. Eines zeigt einen Anhänger, auf dem ein Plakat mit dem Schriftzug "Ziegel hält - Ersatz zerfällt" befestigt ist. Auf einer Tafel sind die Inhaber der Ziegelei aufgeführt, von Johann Wilhelm Segeroth bis zu Alois Siegeroth. Doch auch wenn die Herstellung der Nischenprodukte lange Zeit gut funktionierte, war sie keine Garantie für eine sichere Zukunft, so dass die Familientradition nach fünf Generationen und 128 Jahren am 31. Januar 1995 endete. An diesem Tag schloss Alois Siegeroth die Ziegelei als letzte von einst 13 Ziegeleien in Lünen. "Als die Ziegelei 1867 gegründet wurde, gab es 17800 Ziegelwerke in ganz Deutschland. Als ich den Betrieb 1962 übernommen habe, waren es noch 3400. Und als die Produktion dann 1995 eingestellt wurde, da waren es nur noch 320."

Informationen zum Beitrag

Titel
Max und Hektor brachten Ladungen Lehm zum Ofen
Autor
Helena Schäfer
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2014, Nr. 291, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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