Veit Utz Bross fühlt sich als geborener Klosterbruder

E ist wie zu Hause - ich komme nach Hause." Der 65-jährige Waiblinger Veit Utz Bross reist jedes Jahr nach Ladakh im westlichen Teil des Himalaja-Gebirges im äußersten Norden Indiens. Abgeschieden liegt dort ein Kloster mit rund 100 Mönchen, die den Glauben des tibetischen Buddhismus leben. Mindestens ein Kind in jeder Familie geht ins Kloster. "Wenn nicht, hat die Familie kein besonders hohes Ansehen, der Mönch ist das Allerhöchste", sagt Bross. Als er 1999 in Stuttgart eine Ausstellung über die Zeit Buddhas besuchte, war er so fasziniert, dass er beschloss: "Nächstes Jahr im Sommer muss ich dahin!" So machte sich der Besitzer eines Puppenspieltheaters mit seiner Frau auf den Weg. Mit anderen Touristen fand er auf einer Trekkingtour "sein Kloster". Heute erreicht man den Ort nach einem eintägigen Fußmarsch. "Die Wege sind noch sehr archaisch", sagt Bross. Es ist wichtig, dass man schwindelfrei ist, da die Pfade an Felsen entlangführen und es 100 Meter in die Tiefe geht.

Das Kloster liegt in einem Berg. Am Fuße des Bergs befindet sich der Trasap, ein kleiner Fluss, der im Sommer gräulich, im Winter jedoch blau und klar ist. Gegenüber vom Kloster, auf der anderen Seite des Flusses, liegt das Dorf Yugar. Es besteht aus fünf Häusern mit rund 25 Einwohnern. Das Kloster Phukthal, das zu den ärmsten, aber auch zu den spirituellsten Klöstern des Landes zählt, ist einfach. Vier Mönche wohnen in einem Zimmer von 2,5 Quadratmetern. Da Holz in dem vegetationsarmen Gebiet wertvoll ist, sind die Türen nur 60 Zentimeter hoch. Die Mönche haben keinen eigenen Besitz. Das Dorf und das Kloster sind Selbstversorger. Gearbeitet wird in 4000 Meter Höhe. Die Mönche bauen Gerste, Kartoffeln, Rettich und Spinat an. Bross hat einmal mitgearbeitet: "Mir haben nach einer Stunde die Hände geblutet."

Das Hauptnahrungsmittel ist Buttertee. Es schmecke wie eine salzige Suppe und sei extrem gewöhnungsbedürftig, da die Butter oftmals ranzig sei wegen fehlender Kühlschränke. "In den ersten Jahren hat sich mir der Magen umgedreht, mittlerweile trink ich es gern", sagt der Holzbildhauer. Auch was die medizinische Versorgung angeht, sind die Mönche, die dem Orden der Gelbmützen mit dem Dalai Lama als Oberhaupt angehören, selbständig. Durch die sogenannte Pulsdiagnose finden die Mediziner heraus, was einem fehlt. Heilpflanzen und Kräuter bauen sie ebenfalls an. Das Amt des "Amtschi" ist hochangesehen. Um ein solcher Mediziner zu werden, ist ein siebenjähriges Studium nötig. Viele Menschen im Kloster werden weit über 90 Jahre alt. Es gebe jedoch eine hohe Geburtensterblichkeitsrate. Aber abgesehen von kleineren Unfällen, "werden die Menschen uralt". Aufgrund der Höhe sehen sie schon früh alt aus, nichtsdestotrotz sind sie unglaublich ausdrucksstark. Gedankenverloren blättert der 65-Jährige durch ein Fotoalbum. Bei jedem Bild hält er inne und erzählt dazu eine Geschichte über den Ort, die Person, deren Familie und Lebensumstände. Oft leben Großfamilien mit vier Generationen in einem Haus. Dabei trägt die älteste Tochter den Schmuck der Familie, um das Hab und Gut zu präsentieren. Jedes Haus hat einen Gebetsraum oder eine Ecke, in der morgens und abends gebetet wird.

Die Menschen im Kloster sprechen Buddhi, einen tibetischen Dialekt. Veit Utz Bross redet mit ihnen auf Englisch, das im Kloster gelehrt wird. Ebenfalls kann er ein wenig die Landessprache. "jullay" heißt zum Beispiel "guten Tag", "auf Wiedersehen" und "danke". Er selbst wird "Meme Zampa" oder "Tenzin Lobsang" genannt: Namen, die Großvater oder Einsiedler und Beschützer des Buddhismus heißen. Die jungen Mönche besuchen fünf Jahre lang die Schule im Kloster, erklärt Bross. Dort lernen sie Englisch, Hindi, Mathe und Geschichte. Danach können die Schüler weit entfernt an einer Universität Philosophie studieren. Dieses Studium dauert 25 Jahre. Nach einer schweren Prüfung können sie Abt eines Klosters oder Lehrer für buddhistische Philosophie werden.

Bross sammelt Spenden in seinem Theater und vermittelt Patenschaften, mittlerweile hat er 32 arrangiert. Die Spenden für das Kloster betragen 4000 bis 6000 Euro jährlich. In Indien sei das viel Geld, und es sei schwierig, jemandem so viel anzuvertrauen. "Jeder versucht, einen über den Tisch zu ziehen", sagt er aufgebracht. Umso glücklicher ist er, dass die Mönche, was das angehe, zuverlässig seien.

Bross ist auch Reiki-Meister. Durch die Kurse, die er anbietet, könne er ein Stück Spiritualität weiterreichen. Was er am Buddhismus so faszinierend findet ist, dass dieser eine "gelebte" Religion ist. Die Buddhisten sind Vegetarier. "Man tötet nicht!", sagt Bross mit Nachdruck. Der Katholik, der sich nicht nur an eine Religion bindet, spricht kritisch über den christlichen Glauben. Seine Familie hat sein "zweites Leben" akzeptiert, seine Töchter sind ohnehin schon erwachsen.

In Ladakh beginnt der Tag der Mönche um 5 Uhr mit einem Gottesdienst. Danach ist Unterricht, der um 8 Uhr vom Frühstück unterbrochen wird. Um 15 Uhr wird gebetet. "Puja" werden die Gebete genannt, die in einer Art Singsang vorgetragen werden. Die Gottesdienste finden oft draußen statt. Zum Gedenken an die Verstorbenen und als Opfergabe für die toten Tiere gibt es Gottesdienste mit 1000 Kerzen, 1000 Wasserschalen und 1000 Teigtaschen.

Ein Höhepunkt war vergangenes Jahr das Treffen mit dem Dalai Lama. In der Hauptstadt Padum versammelten sich 100 000 Einwohner. Stolz erzählt Bross, dass er dem Oberhaupt der tibetischen Buddhisten die Hand schütteln durfte.

Die schönsten Momente seien immer die Ankunft und die Abfahrt. "Die Mönche haben geweint, als wir abgereist sind. Es ist eine tolle Verbindung." Obwohl er sie nicht versteht, sei es ein vertrautes Gefühl. "Wie sie glaube ich auch an Wiedergeburt. Und mir ist ganz klar, ich habe da schon mal gelebt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Veit Utz Bross fühlt sich als geborener Klosterbruder
Autor
Lisa Latussek
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2014, Nr. 297, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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