Bei Vollmond gut abschneiden

Ein stilles Waldstück, wallende Nebel, fallende Blätter. Schemenhaft Tiere mit aufblitzenden Augen, Käuzchen rufen durch die düstere Nacht - nur der riesengroße Mond beleuchtet die Straßen mit gespenstisch fahlem Licht. In solch einer Nacht hätte er sich sicher auf den Weg gemacht, Wilhelm Ijewski, Jahrgang 1903, Landwirt, Jäger und Urgroßvater der Autorin.

Um beste Ergebnisse beim Fang von Renken und Saiblingen zu erzielen, setzte er die Reusen am liebsten bei Vollmond ins Gewässer. Kopflose Reiter auf Pferden mit glühenden Augen, begleitet von einem Rudel heulender Wölfe, soll er gesichtet haben, als er sich eines Nachts bei Vollmond auf den Weg machte, um den Tierarzt zu alarmieren, da die beste Kuh kalbte. Hartnäckig bestand er darauf, Kürbissen seinen Allerwertesten zu zeigen, um sie dann mit Wasser zu übergießen und ihnen streng zu befehlen, unverzüglich immens zu wachsen. Heilkräuter, wie Ringelblume oder Johanniskraut wurden nur bei Vollmond gepflückt, damit sich ihre Wirksamkeit erhöhte, Warzen bei Vollmond "besprochen" und abgebunden, so dass ein Besuch beim Arzt überflüssig wurde. Nur ein Besuch beim Friseur in einer Vollmondnacht ist nicht überliefert. Angeblich liegen dann die Haare besser, halten Dauerwellen länger, glänzen Strähnchen heller. Und der Urgroßvater war ein schöner Mann. Durchaus möglich also, dass er in Vollmondnächten selbst zu Schere und Messer griff, denn einen Friseurladen, der extra zu Vollmond länger auf hatte, den gab es zu seiner Zeit in der Pfalz noch nicht.

Wohl aber heute. Hat man sich durch den Pfälzer Wald nach Kaiserslautern aufgemacht, strahlt im Schaufenster Christine Wolfs - alle Läden in der Umgebung sind längst geschlossen - ein riesiger, leuchtender Kunststoffmond. Drinnen ist's wuselig, Stimmengewirr, ein Föhn dröhnt. Der Laden ist voll. Daniel und Anka, die beiden angestellten jungen Friseure, wirbeln in ihren schwarz-düsteren Gothic-Outfits energisch hin und her. Die nächtliche Kundschaft ist bunt gemischt. Meist sind es die Stammkunden, die sich hier für einen neuen Haarschnitt einfinden und Monat für Monat die besondere Atmosphäre beim Vollmond-haareschneiden suchen.

Die Inhaberin, Friseurmeisterin Christine Wolf, erläutert ihre Motivation, und die braucht man, wenn man zwölf Mal im Jahr noch länger als sonst von morgens bis nachts auf den Beinen ist. Die Idee zu dem Dienstleistungsabend entstand vor neun Jahren anlässlich einer Fernsehdokumentation über Florenz. Dort sorgt ein Friseur mit ebendiesem Ladenkonzept für Aufsehen. Hinzu kam Kevin Costners Kino-Blockbuster "Der mit dem Wolf tanzt". Die Pfalz ist zwar nicht der Wilde Westen, und es gibt hier weder Indianer noch Wölfe. Nur der Name ist Programm. Eine neue Marketingstrategie für Frau Wolfs Friseursalon war geboren. Der Einfluss des Mondes auf Ebbe und Flut ist de facto wissenschaftlich belegt. Viele verbinden auch Schlafstörungen, Wetterwechsel und erhöhte Geburtenraten mit dem Mond. Hat der Mond diese Kraft? Oder beruhen diese "Zufälligkeiten" nur auf selektiver Wahrnehmung? Sind das alles nur erfundene Familienanekdoten, Halbwahrheiten, die der Urgroßvater vor vielen, vielen Jahren in die Welt setzte? Zeitvertreib, als Fernsehen und Internet noch in den Sternen standen?

In Ratgebern wird darauf verwiesen, dass der Mond nicht nur auf die Gezeiten einwirkt, sondern auch auf den Wasserhaushalt des Menschen und damit das Haarwachstum beeinflusst. Abnehmender Mond sei die richtige Phase, um sich einen Kurzhaarschnitt machen zu lassen, weil die Haare dann angeblich langsamer, aber kräftiger und fülliger nachwachsen. Wer sich aber lange Haare wünscht und nur den Pony kürzen will, geht am besten bei zunehmendem Mond zum Frisör. Und diese Mondphase eignet sich, glaubt man daran, auch am besten zum Färben.

Udo will sich keinesfalls die Haare färben lassen. Der 56-jährige Sportsmann sieht auch grauweiß gut aus. Warum er ausgerechnet bei Vollmond zum Friseur geht? "Weil ich hoffe, dass die grauen Haare langsamer nachwachsen", räumt er schmunzelnd ein. Kim, 19 Jahre, und Charles, 18 Jahre, zwei dunkelhaarige Jungs, geben zu, dass sie überhaupt nicht an den Einfluss des Mondes glauben, sondern nur wegen der langen Öffnungszeiten im Salon sitzen. Es sei eine tolle Atmosphäre. Auch Michaela, frischgebackene junge Mutter, erklärt, dass ihr Besuch rein zufällig ist, zwischen Vollmond und Haareschneiden sieht sie keinen Zusammenhang. "Allerdings", sinniert sie, "auf dem Mond liegt schon ein Zauber, ein besonderer Mythos, man schläft schlecht."

Und die 20-jährige Jasmin, der Daniel frische Strähnchen einfärbt, sagt, sie sei nicht wegen des Mondes da, von seinem Einfluss habe sie aber schon gehört. "Tiere werden unruhig", habe die Mutter ihr mal erklärt. Anscheinend ist für die meisten hier der Vollmond nicht das Hauptkriterium, sondern die erweiterten Öffnungszeiten alle vier Wochen sind ausschlaggebend. Fundiert wissenschaftlich belegte Beweise für die tatsächliche Einflussnahme des Mondes auf das Leben von Mensch und Tier gibt es nicht. "Aber Glaube versetzt letztendlich doch Berge", meint Frau Wolf und bringt Scheren zum Klappern, Strähnchen zum Glänzen, Haare in Schwung.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bei Vollmond gut abschneiden
Autor
Sarah Opperskalski
Schule
Gymnasium am Rittersberg , Kaiserslautern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2014, Nr. 301, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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