Herzblut und gute Nerven

Prügelnde Mütter, saufende Väter. Kind sein durften die Kinder bislang nicht. Manchen kleinen Menschen helfen Pflegefamilien. So wie in Wattenheim. Dinner for ten", so heißt es jeden Abend für Anja Coenen und Martin Hacker. Das Ehepaar leitet seit 15 Jahren eine sozialpädagogische Pflegestelle in Wattenheim. Mit ihren sieben Pflegekindern im Alter von zwei bis siebzehn Jahren leben sie dort zusammen in einem Haus. "Wir haben früher beide in sozialpädagogischen Heimen gearbeitet, waren jedoch der Meinung, dass das dortige Umfeld für Kinder nicht geeignet ist. Man benötigt ein häusliches Umfeld, in dem die Kinder ähnlich wie in einer Familie aufwachsen können", erklärt die 48 Jahre alte Pflegemutter. "Vor allem jüngere Kinder profitieren von den familiären Verhältnissen in einer Pflegefamilie." In Kinderheimen leben Kinder, deren Eltern finanzielle oder psychische Probleme haben. Viele der Kinder wurden zu Hause geschlagen, andere den Eltern entzogen, da diese nicht in der Lage waren, sie zu erziehen. So wie bei dem mittlerweile 17-jährigen Markus. Als er sieben war, wurde seine Mutter in die Psychiatrie eingewiesen, sein Vater wurde zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt. Markus, der keine anderen Verwandten hatte, wurde dem Jugendamt übergeben, das ihn in die Pflegestelle nach Wattenheim vermittelte. "Viele der Kinder sind von früh auf psychisch labil", sagt Anja Coenen. Das zeigte sich neun Jahre nach der Aufnahme auch bei Markus. Er schmiss die Schule und damit die Aussicht auf einen Realschulabschluss und eine Ausbildungsstelle. Er rannte weg und lebt nun bei Freunden, wo er Hartz IV beantragt hat. "Man kann nicht jedem helfen, auch wenn man sein Bestes gibt", sagt Anja Coenen. Planmäßig bleiben die Kinder bis zur Volljährigkeit in der Pflegefamilie. Viele der Kinder haben Schlimmes erlebt, bevor sie hierhinkommen. Besonders schwierige Fälle sind Kinder, die bereits in der Kinderpsychiatrie sind. Sie kommen nur übers Wochenende. "Wir holen das Kind freitagmittags ab und bringen es am Sonntagabend wieder dorthin. Übers Wochenende lebt es dann bei uns." Vom Jugendamt bekommen die Pflegeeltern 500 bis 550 Euro monatlich für ein Kind, dazu kommen noch 280 Euro Aufwandsentschädigung. Bei Bedarf gibt es auch noch zusätzliche Hilfe vom Jugendamt. Das sieht zum Beispiel so aus, dass zusätzlich noch andere Sozialarbeiter, Hausaufgabenbetreuer und auch Praktikanten in der Familie mithelfen. Wenn ein Kind besonders musikalisch oder sportlich ist, kann auch hierfür ein Zuschuss angefordert werden. "Trotz der Hilfe vom Jugendamt erfordert alles viel Herzblut und strapazierbare Nerven", sagt Martin Hacker. Deswegen leisten sich beide mal ein freies Wochenende. Da nehmen sie meist nur ein oder zwei Kinder mit und fahren zum Beispiel an den nahen Silbersee. Um die übrigen Kinder kümmern sich dann die anderen Betreuer, die daheim arbeiten. Ab und zu kommt es auch vor, dass Ausflüge mit der ganzen Familie gemacht werden. Ein Reiterhof in Dreisen, eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt, steht allen für solche Wochenenden zur Verfügung. "Die Kinder sollen auch einmal für ein Wochenende etwas anderes sehen." Das Paar unterscheidet mittlerweile nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit. "Zu Hause hat man mal weniger Stress, zum Beispiel, wenn die Kinder in der Schule sind, oder mal mehr Stress, zum Beispiel frühmorgens." Beide versuchen rund um die Uhr für die Kinder da zu sein. "Es gab auch einen Fall, bei dem eine schwangere Mutter zu uns kam. Sie hatte zu wenig Geld für Wohnung und Essen und wurde vorerst bei uns untergebracht." Das Kind lebte später hauptsächlich bei der Pflegefamilie, besucht aber regelmäßig seine Mutter. "Das ist ebenfalls etwas, worauf wir sehr viel Wert legen: Wir wollen den Kindern ein familiäres Umfeld bieten, ihre leiblichen Eltern jedoch auf keinen Fall ersetzen." Und das klappt. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, hier lebt einfach eine große Familie in einem Haus. Die Harmonie und Fürsorglichkeit gegenüber den Kindern lässt sich schon auf den ersten Blick erkennen. Kleine Zankereien zwischen den kleineren Kindern sind wie in jeder Familie unvermeidbar. "Streit unter Geschwistern gibt's bei uns auch. Aber nicht mehr und nicht weniger als in jeder anderen Familie", sagt Anja Coenen. Sie und ihr vier Jahre jüngerer Mann sind Sozialpädagogen und wissen sehr gut, wie mit schwierigen, seelisch verletzten Kindern umzugehen ist. Daher kommt es in der großen Familie nicht übermäßig oft zu Streit. "Wir hatten vor einem Jahr einen Jungen vom Jugendamt bekommen, dessen Eltern psychisch labil waren. Als er zu uns kam, kletterte er erst einmal auf den Schrank, um alle Töpfe durch die Gegend zu werfen", sagt Martin Hacker. Kurz darauf kommt ebendieser Junge herein und fragt, ob er wohl einen Joghurt haben könnte. Nachdem er gezeigt hat, dass er weiß, dass der Joghurtdeckel in den Plastikmüll gehört, bekommt er den Joghurt und setzt sich grinsend zwischen die Pflegeeltern. Darauf folgt der lautstarke Protest von Anna. Das vierjährige Mädchen, auch noch nicht lange in der Familie, fordert ebenfalls ihren kleinen Snack ein. "Jeder will gleichberechtigt behandelt werden. Das kostet oft viel Nerven, aber das kennt wohl jeder Elternteil ziemlich gut", sagt Martin Hacker. Er hilft auch dem Jugendamt, neue Pflegefamilien zu finden. Voraussetzung für junge Paare ist, dass mindestens ein Teil eine sozialpädagogische Vorbildung hat. Solche Paare können eine Bewerbung für das Gründen einer Sozialpädagogischen Pflegefamilie abschicken. Beweggrund für die meisten Pflegeeltern ist, dass sie selbst keine Kinder bekommen können. Auch wenn das bei Anja Coenen zutrifft, sieht sie das nicht als ihren primären Grund für das Gründen der Pflegestelle an. Ihr Mann lernt die neuen Familien meistens über das Jugendamt kennen. Seine Aufgabe ist es, die Neulinge zu besuchen und kennenzulernen. Nach mehreren Besuchen entscheidet er, ob die Familie geeignet ist, ein Kind aufzunehmen. Er arbeitet eng mit anderen Pflegestellen zusammen. Mit der von ihm gegründeten Plattform Sozialpädagogische Pflegestellen/Erziehungsstellen versucht er immer mehr Kinder aus Heimen in Pflegefamilien zu integrieren. Zusätzlich sind sie immer billiger als die Heime. Ein Grund mehr für das Jugendamt, Kinder in Pflegefamilien statt in Heimen unterzubringen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Herzblut und gute Nerven
Autor
Daniel Müller, Leininger-Gymnasium, Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2010, Nr. 298 / Seite N6
Projekt
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