Die Schweizerin hat große Freude an 6000 kleinen Kaffeerahmdeckeln

Bunt und chaotisch liegen sie auf dem alten Holztisch in der gemütlichen Stube von Marianne Jäggi - Kaffeerahmdeckelchen aus ihrer Sammlung. Dahinter sitzt die 65 Jahre alte Dame in einem Sessel. Ihre blauen Augen strahlen Freude aus, sie hat kleine Lachfältchen. Es duftet nach frischgebackenem Kuchen. Das Wohnzimmer mit Kachelofen und Holzbalken ist so, wie man es sich von einem typischen Appenzeller Holzhaus erwartet. Durch die vielen kleinen Fenster sieht man direkt vom Hügel hinunter auf Abtwil, ein Dorf nahe dem St. Galler Stadtrand.

Der Trend, Deckelchen zu sammeln, stammt aus den frühen 70er Jahren. Man hatte einen eigenen Namen für diese Leute, die "Decheler". Dies kommt vom Appenzeller Wort "Decheli" für Deckelchen. Früher gab es regelmäßig Tauschbörsen, es gibt sie zwar heute noch, sie sind aber seltener geworden, da sich vieles auf Internetplattformen abspielt. Auch die Zahl der Sammler ist in den vergangenen zehn Jahren stark zurückgegangen. Die Jugendlichen beschäftigten sich eben lieber mit Social Media und Computerspielen. Marianne Jäggis erster Deckel, mit dem alles anfing, ist ein grüner Deckel mit rotem Schriftzug und stammt aus dem Jahr 1971. Zu ihrer Sammlung gehören auch Kataloge und Anzeigen aus Zeitungen. Viele ihrer Sammelstücke hat sie in Cafés und Restaurants zu einer Tasse Kaffee bekommen. Andere wurden von Bekannten für sie gesammelt. Die Freude über ein Deckelchen, das noch nicht in ihrem Besitz ist, ist immer groß. Bei einer Sammlung von rund 6000 Stück ist das jedoch nicht häufig der Fall.

"Das ist mein Schönstes", sagt Marianne Jäggi, während sie ein buntes Deckelchen in der Hand hält. "Wenn man genau schaut, kann man ganz viele kleine Sachen sehen. Zum Beispiel das Bundeshaus, das Matterhorn und die Kapellbrücke." Wenn jemand sie fragt, was sie durch die Sammlung gewonnen hat, hat sie immer dieselbe Antwort: "Durch das Sammeln durfte ich großartige Menschen und Kulturen kennenlernen und unvergessliche Momente erleben."

Ohne gemeinsame Sprache schaffte es Marianne Jäggi, mit einer jungen Frau aus Äthiopien ein paar Deckelchen auszutauschen. Heute verbindet die zwei Frauen eine Freundschaft. Sie teilen sich die neuesten Sachen aus beiden Welten über E-Mail mit, früher war es per Post. Dann konnte es gut sein, dass sie mehrere Monate nichts voneinander hörten. Mittlerweile spricht Marianne Jäggi Englisch. "Nicht gut, aber dank einem Englisch-Duden in meiner Büroschublade entstehen einfach geschriebene Nachrichten", sagt sie mit einem Schmunzeln.

Aus einigen Deckelchen sind richtige Kunstwerke entstanden. Mit Wehmut musste sie aber einige Sachen, darunter ein selbstgebastelte Kaffeerahmdeckel-Blumenvase, aus Platzgründen entsorgen. Der Weg der Blumenvase ist ein spezieller: Aus den ersten Deckelchen ihrer Sammlung hatte sie die Blumenvase gebastelt. Die Grundform war aus Plastik, mit viel Kleister und Geduld hatte sie ein schön dekoriertes Unikat geschaffen. Viele Jahre stand die Vase auf der Ofenbank in der Stube. Doch als sie eine kleine Enkeltochter bekam, die gerne herumkrabbelte und kramte, landete die Vase im Estrich. Auf dem Speicher blieb die Vase mehrere Jahre lang, bis zu dem Tag, an dem Jäggi ihn räumen sollte. So begann die Reise der Vase und gelangte schließlich in das Brockenhaus St. Gallen.

Der Geist der Heilsarmee-Brocki-Filialen in St. Gallen ist seit mehr als 100 Jahren unverändert. Die ersten Brockenstuben wurden von lokalen Heilsarmee-Gemeinden gegründet mit dem Ziel, den Warenaustausch zu fördern. In Wohnstuben verteilten die Gründer Kleider und Gegenstände, die sie nicht mehr benötigten, direkt an Bedürftige, heißt es auf der Homepage der Organisation. So entstand der Name Brockenstube.

Das Wort Brocken wird aus der Geschichte der Bibel abgeleitet, in der 5000 Menschen mit Essen versorgt wurden. Die restlichen Essensbrocken wurden in zwölf Körben eingesammelt. In den Brocki-Filialen finden Menschen Gegenstände, die nicht mehr gebraucht werden und für die sie Verwendung haben. Auch Jäggis Vase hat so einen neuen Besitzer gefunden. Eine ältere Dame fand Gefallen an ihr. "Als ich sah, dass meine Vase noch gebraucht wird, spürte ich, dass es die richtige Entscheidung war, sie in ein Brockenhaus zu bringen und nicht einfach im Estrich verstauben lassen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Schweizerin hat große Freude an 6000 kleinen Kaffeerahmdeckeln
Autor
Salome Jäggi
Schule
Kantonsschule , Troggen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2015, Nr. 3, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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