Ständig gehen auf dem Revier neue Notrufe ein

Nachtschicht auf einer Polizeiwache in einem Augsburger Vorort. Ein junger Randalierer, ein älterer Betrunkener und schon wieder ein Unfall mit Alkohol. Aber Polizist Reisner mag seinen Beruf.

059 zur Kreuzung Ecke Ulmer Straße, abgefahrener Pkw-Spiegel." Die Funksprüche sind kaum zu hören, denn sie werden von starkem Hintergrundrauschen übertönt. Auf dem Weg im Polizeibus vom Revier im Augsburger Vorort Bobingen zum Polizeipräsidium im Augsburger Stadtteil Göggingen folgen Funksprüche in kurzen Abständen. "Die Funksprüche richtig zu verstehen dauert Jahre", sagt der Polizist Hans Reisner. Es ist interessant zu hören, was auf den Straßen passiert, doch noch spannender ist, wie man als Mitfahrer im Polizeibus angeschaut wird. Immer wieder sieht man fragende und entsetzte Blicke aus den Autos nebenan.

Das Polizeipräsidium, ein großer Klinkerbau, besteht aus vielen verschiedenen Bereichen, wie zum Beispiel der Polizeiinspektion, der Kriminalpolizei und 20 Zellen im Keller. In der Polizeiinspektion ist jeder Schreibtisch mit mindestens vier Bildschirmen ausgestattet. Auf ihnen sind die Aufnahmen der Überwachungskameras von Autobahnen und Kreuzungen zu sehen wie auch sämtliche Stadtpläne von Augsburg Stadt und Land. An diesem Abend sind etwa zehn Polizisten damit beschäftigt, die Notrufe anzunehmen und sie an die Streifen weiterzuleiten. Ständig gehen neue Anrufe ein. Etwa hunderttausend Notrufe gehen im Jahr ein.

Auf dem Revier in Bobingen beginnt Reisner seine Schicht. Bei der Polizei ist er seit 1993. Die Einsatzannahme des kleinen Reviers ist mit zwei Kollegen besetzt. Insgesamt gibt es vier verschiedene Dienstgruppen mit unterschiedlichen Arbeitszeiten. Während die Ermittlungsgruppe, die zum Beispiel für Einbruchserien zuständig ist, rund um die Uhr erreichbar sein muss, klingelt bei Reisner, dessen Frau auch im Polizeidienst arbeitet, das Diensthandy nur selten in seiner Freizeit. Reisners übliche Einsätze sind Ausrückungen zu Verkehrsunfällen, Streitigkeiten, Ruhestörungen oder Betrugsfällen.

"Meine Waffe habe ich noch nie benutzt, um damit auf einen Menschen zu schießen, nur mal auf Tiere", sagt der sympathische Mann mit der Kurzhaarfrisur. Gefragt nach seinem bisher spannendsten Einsatz fällt Reisner eine nächtliche Begegnung mit einem Wildschwein ein. Zusammen mit einem Kollegen hatten sie auf Streife die Sau angefahren. Als sie aber nach ihr schauen wollten, war sie weg. Die Polizisten suchten im Wald, worauf das Tier auf die beiden zustürmte. Kurzerhand flohen sie in den Streifenwagen und schauten nach einer Weile im Maisfeld nach ihr. Dort entdeckten sie die Wildsau samt ihrer Familie.

In Bezug auf die Mobilität hat sich das Leben der Polizisten im Revier geändert. Sie kommen nicht mehr so häufig mit dem Streifenwagen, sondern öfter mit einem der zwei Polizeifahrräder. Diese werden neben sichergestellten Fahrrädern, die entweder geklaut oder gefunden wurden, im Keller abgestellt. An diesem Abend ist es auf dem Revier ruhig. Erst kurz vor 21 Uhr wird es lebendiger. Ein Jugendlicher hat nach der Trennung seiner Freundin deren Fensterscheiben eingeschlagen. Der junge Mann ist nicht unbekannt. Auch dies ist keine Seltenheit, eine große Anzahl der Täter sind Wiederholungstäter. Zwar hat der durchtrainierte Polizist in den zehn Jahren nur wenige Male Widerstände erlebt, doch erklärt er: "Ein wenig Angst muss dennoch bei jedem Einsatz dabei sein, sonst wird man leichtsinnig, und dann erwischt es einen. Auch bei einem Haftbefehl weiß man nie, wie derjenige reagiert. Oder bei einem Führerscheinentzug kann es fatale Folgen geben, wenn dieser nötig für die Existenz ist."

Schon beim Eintragen des Falls in den Computer kommt der nächste Funkspruch. Ein Betrunkener soll eine Frau angefahren und beleidigt haben. Diese stellt nun Anzeige gegen ihn. Der Unfallbericht wird gelesen, der Fahrer ausfindig gemacht. Schon ist die Streife unterwegs zu ihm. Reisner selbst versucht auch in seiner Freizeit, vor allem wenn er mit dem Auto unterwegs ist, sich vorbildhaft zu verhalten, nur beim Tempolimit außerhalb der Ortschaften falle ihm dies zuweilen schwer. Neben dem Polizeidienst, der oft kräftezehrend ist, arbeitet Reisner auch noch als Selbständiger und verkauft Putzlappen. Dies mache er aber nicht wegen des Geldes, sondern weil ihm dieses Geschäft Ausgleich schaffe. "Man muss auch mal abschalten können und den Polizeijob ruhen lassen", schmunzelt er. Außerdem treibt der ehemalige Fußball- und Kampfsportlehrer regelmäßig Sport.

Während die Streife gerade abgefahren ist, kommt die nächste Einsatzmeldung: Ein verwirrter, offenbar betrunkener Mann steht nur in einem Minirock bekleidet auf der Straße. Weil alle Streifen im Einsatz sind, bittet Reisner die Feuerwehr, dem Mann zu helfen. Dieser kommt aber den Einsatzkräften zuvor. Die Tür des Reviers geht auf, plötzlich kommt der Betrunkene herein. Der Geruch von Alkohol und Schnupftabak verbreitet sich. Mit der Staatsanwaltschaft wird das weitere Vorgehen abgeklärt. Der Mann muss einen Bluttest machen, doch um 22.30 Uhr ist es schwer, noch einen Arzt zu finden. Die Polizistin nimmt die Aussage des Mannes auf.

Der gelernte Autoelektriker Hans Reisner hat bei der Polizei seinen Traumberuf gefunden. Als Vorteil sieht er die hohe Entscheidungsfreiheit, sei es bei Kontrollen oder beim Umgang mit Konfliktfällen. Doch der Beruf beeinflusse das Privatleben. "Man sieht die Welt mit anderen Augen, man ist vorsichtiger gegenüber Mitmenschen und strenger zu den eigenen Kindern", gibt der zweifache Vater zu. Das Wichtigste sei, dass man sich in Menschen hineinversetzen, sie beraten und verstehen müsse.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ständig gehen auf dem Revier neue Notrufe ein
Autor
Sabrina Wolf
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2015, Nr. 9, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180