Ein echter Prozesstag ist wesentlich weniger sensationell

Unter Blitzlichtgewitter wird eine Frau in den Gerichtssaal geführt. Jede Menge Kameras begrüßen sie. Sie hat rotbraune Haare, trägt Kreolen und eine pinke Handtasche. "Das ist sie. Das ist Beate Zschäpe!" Ein Raunen geht durch den Raum. Auf einer Tribüne mit einer zwei Meter hohen, verglasten Brüstung sitzen Zuhörer. Die meisten davon mit Notizblock und Stift ausgerüstet. Unten im Gerichtssaal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) stürzen Journalisten der Nachrichtenagenturen sowie ein Kamerateam auf die Angeklagte zu. Mit einer abweisenden Drehung zeigt sie ihnen demonstrativ die kalte Schulter. Unter den Augen von rund 20 Polizisten strömt ein Heer an Anwälten und anderen Juristen in den Raum.

Mit im fensterlosen Saal ist auch Andrea Titz, Richterin und Pressesprecherin am OLG München. Auffällig gekleidet mit einem schwarzen Rock und pinken, hohen Schuhen beantwortet sie Fragen. "Solch ein Prozesstag kostet ungefähr 150 000 Euro. Die Summe setzt sich zusammen aus den Kosten für die Sicherheitsbeamten, Richter, Staatsanwälte, Vertreter der Nebenkläger, Verteidiger und Sachverständigen", erläutert sie.

Zschäpe hat zwischen ihren Verteidigern auf der linken Seite des Saals Platz genommen. Rot gekleidet, betreten die Vertreter des Generalbundesanwalts den Saal. "Sobald die Bundesrepublik in irgendeiner Weise betroffen ist, muss der Generalbundesanwalt ermitteln. Da es sich beim NSU-Prozess um eine Terrorstraftat handelt, ist das gegeben", erklärt Andrea Titz. "Es waren verschiedene Morde, wovon zwei in München stattfanden. Deshalb ist es auch sinnvoll, den Prozess hier zu führen."

An der Stirnseite öffnet sich eine Tür, und die Richter des 6. Strafsenats, auch Staatsschutzsenat genannt, suchen ihren Platz. Augenblicklich verstummt der Trubel. Alle stehen auf. Sieben Richter, zwei Frauen und fünf Männer, setzen sich. Hinter ihnen Regale voller schwarzer Ordner mit Beweismaterial, die an diesem Tag aber unberührt stehen bleiben.

"Der Beruf als Richter und Staatsanwalt besteht meistens aus Aktenstudium. Dabei hat man welche, die aus 15 Blättern, und andere, die aus mehreren Ordnern bestehen", betont Ken Heidenreich, Oberstaatsanwalt, Abteilungsleiter für Kapitalverbrechen, Pressesprecher und stellvertretender Behördenleiter der Staatsanwaltschaft München II (STA M2). In einigen Funktionen war Andrea Titz seine direkte Vorgängerin, bis sie im Herbst 2012 an das OLG München wechselte. Auch Heidenreich, der in den Zschäpe-Prozess nicht direkt involviert ist, hat Erfahrung in der jeweils anderen Profession gesammelt, er war früher Richter für allgemeines Zivilrecht, da in Bayern ein Wechsel zwischen beiden Berufen obligatorisch ist. Der Norddeutsche lebt, seit er in der sechsten Klasse war, in Bayern. Die Staatsanwaltschaft München II ist eine von zwei Staatsanwaltschaften der Stadt. Weit über den Dächern der Metropole genießt der 50-jährige stellvertretende Behördenleiter den Ausblick von seinem Büro in der Nähe des Hauptbahnhofs. Andrea Titz hat weniger Ausblick aus ihrem Fenster, da die Sicht aufgrund des Nebengebäudes eingeschränkt ist. Vor einigen Tagen noch war sie Vorsitzende Richterin in einem Zivil- und Bausenat, nun ist sie wieder als Strafrichterin tätig. "Drei Viertel meiner Arbeit betrifft die Pressestelle und ein Viertel meine richterliche Tätigkeit. Einen typischen Tag gibt es nicht, das ist das Schöne, dass ich mich jeden Tag auf etwas anderes freuen darf. Denn das Gehalt ist nicht das attraktive an diesem Beruf. Manchmal nimmt man sich etwas Bestimmtes vor, aber dann kommt ein ganz anderes Thema hochgepoppt, auf das man dann reagieren muss", sagt die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbunds. Ihr Büro im siebten Stock des OLG München in der Nymphenburger Straße ist schon in die Jahre gekommen. Auch der Sitzungssaal A 101, in dem der Prozess gegen Zschäpe stattfindet, hat schon bessere Tage gesehen.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl verliest die Namen aller Verteidiger im Eiltempo. Unter der Schar der Juristen ist der TV-Anwalt Stephan Lucas, der im NSU-Prozess als Vertreter der Nebenklage präsent und durch Gerichtsshows auf Sat 1 bekanntgeworden ist. Andrea Titz hat zu diesen Shows ihre eigene Meinung. "Ich finde solche Formate gefährlich, weil es viele Leute gibt, die dadurch glauben zu wissen, wie es bei Gericht abläuft. Die tun so, als ob sie alles wissen würden und blöken dann im richtigen Gerichtsprozess von hinten rein. Dabei ist das eine trügerische Fachkenntnis", warnt sie. "Beim Strafrecht hat man immer eine gewisse Sensationslust, da es als vermeintlich spannend gilt, doch ein echter Prozesstag ist wesentlich weniger sensationell."

Auf der Besuchertribüne sitzen viele Journalisten, alle mit Notebooks und zusätzlichen Akkus ausgestattet. Das Klicken kommt vom Tippen der Redakteure. Von ihrem Laptop abgewandt, mustert eine Frau mit prüfendem Blick den Zeugen. Ein Polizeihauptkommissar um die fünfzig, der mit starkem sächsischen Akzent seine Ausführungen beginnt, ist aufgerufen. "Können Sie den Satz bitte noch mal wiederholen. Ich habe das Ende akustisch nicht verstanden", unterbricht ihn der Richter.

"Als Staatsanwalt ist man nicht immer bei der Polizei, und man geht in der Regel auch nicht mit an den Tatort. Im Krimi wird das anders dargestellt, aber die Realität ist weniger spannend", klärt Ken Heidenreich auf. Und er zerstört noch einen anderen Mythos: "Die Rollenverteilung, dass sich der Staatsanwalt immer über hohe Strafen freut, stimmt nicht. Die Mehrheit der von uns geführten Ermittlungsverfahren wird sogar eingestellt." Von Hoeneß bis Haderthauer war Heidenreich mit medienwirksamen Fällen beschäftigt. "Als Staatsanwalt hat man rund 130 Verfahren im Monat, die bis zum Monatsende bearbeitet werden wollen. Sie dürfen bei uns so viel arbeiten, wie Sie wollen, bekommen aber keine Überstunden dafür angerechnet", sagt er ernst. Das Schwierige an seinem Beruf sei, dass man durchaus nicht vom Urteilsspruch des Richters überzeugt sein kann. "So etwas kommt immer wieder vor, da man von der Schuld des Täters überzeugt ist, wenn man ihn anklagt. Es heißt immer ,Zwei Juristen, drei Meinungen', da ist durchaus was dran", sagt der großgewachsene Familienvater und grinst.

"Gut, dann würde ich jetzt eine Mittagspause von anderthalb Stunden ansetzen", bestimmt der Vorsitzende Richter des NSU-Prozesses. Er wirkt kühl, distanziert und hat Zschäpe während der gesamten Verhandlung nicht einmal angeschaut. "Persönliche Zuneigung oder Antipathie darf einen Richter nicht beeinflussen, obwohl jeder natürlich Gefühle bei seiner Arbeit hat. Wir sind doch keine Gesetzesanwendungsautomaten, wo man oben einen Sachverhalt einfügt und unten die eine richtige Entscheidung rauskommt", sagt Andrea Titz. Die aus der Oberpfalz stammende Frau ist überzeugt: "Das Schlimmste wäre, wenn man einen Fall nur als Nummer ansieht. Man muss die menschliche Komponente immer im Auge haben!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein echter Prozesstag ist wesentlich weniger sensationell
Autor
Marc Bullach
Schule
Justus-von-Liebig-Schule , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2015, Nr. 9, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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