Sie sind nicht geliebt, aber akzeptiert

AGS - Alles geht schief!", spaßt Helmut Arnold (alle Namen der Beamten sind geändert). Er ist Jahrgang 1972, der jüngste Ermittler der "Arbeitsgruppe Straßenkriminalität", der neben zwei Kollegen im Konferenzraum der Polizeiinspektion Schweinfurt sitzt. Die Spezialeinheit hat eine Aufklärungsquote von mehr als 90 Prozent in Stadt und Landkreis. Mehr als 300 Vorgänge werden von der Arbeitsgruppe im Jahr bearbeitet. Das Tätigkeitsfeld ist groß: vom Hooligan des FC 05 Schweinfurt über familiäre Gewalt bis hin zur Hauptdeliktgruppe rund um das Rauschgift. Der Arbeitsalltag der fünf Mann starken Ermittlergruppe spielt sich im Dunstkreis der Straßenkriminalität ab, zwischen Drogenhandel und Beschaffungskriminalität. Die Polizisten verstehen sich blind. "Auch wenn's mal mehr als acht oder zehn Stunden auf Arbeit sind, das macht gar nix!", sagt Arnolds Partner Thomas Dinkel. Leiter Richard Müller gründete die Gruppe 1998. "Der Bedarf war riesig", sagt der Polizeihauptkommissar. Dinkel ergänzt: "Damals haben wir nur den Ameisenhandel aufgegriffen und uns von unten nach oben hochgearbeitet. Heute bekommen andere Abteilungen von uns ihr Grundwissen, weil wir eine jahrelange Szenekenntnis haben, die in dem Umfang nur mühsam aufzubauen ist." Arnold berichtet: "Am Anfang sind wir von der Parfümerie bis zum Elektroladen in alle Läden rein und haben uns den Inhabern vorgestellt."

Dinkel erinnert sich: "Wir hatten auch schon Meisterdiebe hier. Einer hat an einem Tag Ware im Wert von 1400 Euro erbeutet." Eine skurrile Diebstahlserie wurde dank ein paar Turnschuhen geklärt: "Mitarbeiter eines Drogeriemarktes hatten auf einer Überwachungskamera eine alte Frau entdeckt, wie sie erst im Schneckentempo durch die Gänge geschlichen ist, sich dann die Taschen vollgemacht hat und plötzlich blitzschnell weggerannt ist. Kurze Zeit später wurden wir von einem Ladendetektiv eines anderen Marktes gerufen, weil er einen jungen Mann beim Diebstahl erwischt hatte. Als wir ankamen und den Verdächtigten gesehen haben, fiel uns auf, dass der gute Mann die gleichen auffälligen Turnschuhe getragen hat, die uns bei der diebischen Oma im Drogeriemarkt schon so unpassend schienen. Er hat dann gestanden." Arnold lacht: "Der Kerl hat sich für sein Oma-Kostüm aber wirklich Mühe gegeben und sich sogar extra die Beine rasiert."

Neben der Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei ist die Kooperation mit Streetworkern unerlässlich. "Gerade bei Jugendgruppen wie den Cribs und Bloods oder erst kürzlich den Bergl 11, die wir hier noch vor einigen Jahren stark vertreten hatten, sind die Streetworker ein wichtiger Zugang zu den Jugendlichen", sagt Dinkel. Bei den Straftaten solcher Banden handele es sich meist um Graffiti, Sachbeschädigung, Dealen oder Bedrohen anderer. "Öffentlich halten wir zu den Streetworkern natürlich eine gewisse Distanz", betont Arnold. Sein Kollege stimmt zu: "Wir sind trotz unseres zivilen Aussehens in Schweinfurt bekannt wie ein bunter Hund. Größtenteils kennt uns die Klientel. Wir werden zwar nicht geliebt, aber akzeptiert."

Dinkel sagt über sich: "Ich bin ehrlich, aber bestimmt. Knallhart, aber ehrlich." Arnold betont: "Ich bin eher so der Seelenonkel. Das ist meine Form, um Vertrauen zu schaffen." Anfangs habe er viele Sachen aus dem Dienst mit nach Hause genommen: "Wenn ich ein junges Mädchen mit 16 Jahren da sitzen habe und die schon Heroin nimmt, da denkt man doch schon mal, das könnte auch deine Tochter sein." Einige der verhafteten Täter bedankten sich nach der Festnahme bei den Beamten. "Die sind dann oft wirklich dankbar", sagt Arnold, "dass sie mal ein paar Jahre weg von der Straße sind, weil sie genau wissen, dass sie allein den Sprung weg von den Drogen nicht geschafft hätten. Wir freuen uns natürlich total, wenn ein paar von denen es dann schaffen, ein normales Leben zu führen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie sind nicht geliebt, aber akzeptiert
Autor
Franz Seibt
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2015, Nr. 9, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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