Die Spuren im Schnee mit System verwischen

Wenn die letzten Lifte geschlossen sind, geht die Arbeit für Reinhold Harrasser los. Er fährt mit seiner Pistenraupe durch die Nacht, damit die Skifahrer morgens perfekte Verhältnisse bei Brixen vorfinden.

Konzentriert und beide Augen fest auf die Piste vor ihm gerichtet, lenkt Reinhold Harrasser seine Pistenraupe durch die Nacht. Jede Nacht aufs Neue präpariert er die Pisten im Skigebiet Plose bei Brixen in Südtirol, damit die Urlauber am folgenden Tag perfekte Verhältnisse zum Skifahren vorfinden. Für gewöhnlich beginnt sein Arbeitstag um 17 Uhr, nachdem die letzten Lifte geschlossen wurden, und dauert oft bis spät in die Nacht hinein, je nachdem, ob viel Schnee fällt, denn es wird bei jeder Witterung gefahren, ganz gleich ob bei Mondschein oder Schneestürmen.

Langsam, mit rund zwölf Stundenkilometern fährt Harrasser die Piste immer wieder auf und ab. Er folgt einem genauen System, das er über die Jahre perfektioniert hat, um in möglichst wenig Zeit eine möglichst große Fläche zu präparieren. Es erscheint anstrengend, über mehrere Stunden andauernd diesem Prozedere nachzugehen, zumal man nachts nur rund 30 Meter weit sehen kann, ansonsten sitzt man, von einzelnen Punkten in der Entfernung abgesehen, in völliger Schwärze. Einzig die Umrisse der umliegenden Berge und der weltbekannten Dolomiten, die in naher Entfernung in die Höhe ragen, sind am späten Abend noch zu erkennen. Doch dank seiner jahrelangen Erfahrung richtet Harrasser seine blauen Augen stets unverfroren auf die kalte Landschaft vor ihm.

An manchen Tagen hat Harrasser besonders viel zu tun, so wenn zum Beispiel der "Stricker-Sprint" ansteht, eine alljährlich im März stattfindende Jugendveranstaltung mit rund 1000 Teilnehmern. Dann ist Harrasser nicht der einzige Pistenraupenfahrer, der im Skigebiet seine Runden dreht, sondern es sind fünf Pistenraupen unterwegs, und eine kleinere präpariert die Rodelbahn. Auch wenn es für diesen Beruf keine explizite Ausbildung braucht und ein einfacher Führerschein als Qualifikation genügt, ist es nicht einfach, diese Tätigkeit zu erlernen. Geduld, Konzentration und Durchhaltevermögen sind gefragt, damit man diese psychisch anspruchsvolle und anstrengende Arbeit überhaupt ausüben kann.

Der 45-Jährige, der diesen Beruf schon seit 24 Jahren nachgeht, macht das natürlich nicht das ganze Jahr über. "Ich führe tagsüber einen landwirtschaftlichen Betrieb in St. Leonhard, einem nahe gelegenen Ort, nachts präpariere ich hier die Pisten." Seine Pistenraupe fährt mit 430 PS. Ihm zufolge brauche es jede einzelne, ein paar mehr würden aber auch nicht schaden. Während der Fahrt quert plötzlich ein Skifahrer nahe vor dem über 11,5 Tonnen schweren Fahrzeug die Piste. "So was kann sehr gefährlich werden, wenn's blöd läuft, dann stürzt er. Und wenn er dann unters Fahrzeug gerät, sieht's schlecht für ihn aus." Denn das rund 350 000 Euro teure Windengerät fährt mit einem Zugseil, das am Pistenrand eingehängt wird und dann mit 3500 Kilogramm voll gespannt wird. Und vor allem dann werde es kritisch, sagt Reinhold Harrasser, denn trotz Absperrungen, Warnschildern und blinkenden Warnleuchten sind nachts manchmal noch Skifahrer auf den Pisten unterwegs, die nach einer abendlichen Hüttentour zu später Stunde die Abfahrt wagen. "Viele verletzen sich, weil sie gegen das gespannte Seil fahren. Nachts kann man es natürlich nicht erkennen. Einmal musste ein Skifahrer, der ins Stahlseil meiner Pistenraupe gerast ist, mit dem Hubschrauber ins nahe Krankenhaus von Brixen geflogen werden, ein andermal hat sich ein älterer Herr mehrere Rippen gebrochen."

Aufgrund solcher Windenmaschinen hat es auch schon Todesfälle gegeben. Vor einigen Jahren sei eine Urlauberin in einem anderen Skigebiet ums Leben gekommen, da sie genau in dem Moment über das Seil gefahren sei, in dem es voll gespannt wurde. Sie sei in die Höhe geschleudert worden und habe den Aufprall nicht überlebt. "Ich kann froh sein, dass bei mir noch nie etwas derart Schwerwiegendes passiert ist. Vor drei oder vier Jahren ist bei einem meiner Kollegen in einem anderen Südtiroler Skigebiet ein Skifahrer unter eine ähnliche Pistenraupe, wie wir sie gerade fahren, gekommen. Er war auf der Stelle tot." Deshalb ist es für Harrasser wichtig, aufmerksam zu bleiben, auch wenn er stundenlang der gleichen, monotonen Beschäftigung nachgeht. "Sehr anstrengend ist es bei Nebel. Man muss immer aufpassen und weiß nie genau, wo man gerade ist. Dann ist es aufgrund der Anstrengung das größte Problem, nicht einzuschlafen. Wenn man müde ist, muss man dann eventuell kurz anhalten, aussteigen und sich mal mit Schnee einreiben." Und Einsamkeit? Das ist für ihn kein Problem. Normalerweise läuft während der Arbeit das Radio - und zwar ertönt Popmusik und nicht, wie man es vielleicht von einem Südtiroler erwarten würde, die "Kastelruther Spatzen".

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Spuren im Schnee mit System verwischen
Autor
Lukas Gatterer
Schule
Bischöfliches Institut Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2015, Nr. 15, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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