Es herrscht oft ein Riesengeschnatter

Salü, Guäte Morgä", begrüßen Josef und Doris Bissig jeden Kunden herzlich, der durch die Schwingtür ihren kleinen Dorfladen im schweizerischen Bergdorf Isenthal im Kanton Uri betritt. Auf hundert Quadratmetern, was etwa der Gemüseabteilung in einem Supermarkt entspricht, findet die Kundschaft auf dunklen Holzregalen von Gemüse über Hygieneartikel, Haushaltswaren, Getränke, Milchprodukte und Backwaren alles, was sie zum täglichen Leben braucht. "Wir versuchen, ein möglichst breites Sortiment anzubieten, um allen Wünschen gerecht zu werden. Produkte, die wir nicht im Laden führen, können vorher von den Kunden bestellt und abgeholt werden", erklärt der schwarzhaarige, freundliche Mann mit dem Schnauzbart, während er in seinem Büro eine Pause mit Kaffee und Gipfeli genießt. "Nur ganz skurrile Wünsche wie Markenschuhe oder Drachenfrüchte kann ich nicht erfüllen." Der gelernte Elektromonteur und die ehemalige Erzieherin übernahmen den Laden vor 13 Jahren aus dem Wunsch heraus, in ihrem Heimatdorf zu arbeiten und das Berufs- und Familienleben zu vereinen. "Eine Zusatzausbildung mussten wir damals nicht absolvieren, da uns die vorherige Besitzerin angelernt hat." Seither ist das Ehepaar sein eigener Chef. "Ich arbeite an vier halben Tagen in der Woche, was ein ideales Pensum ist, um daneben für unsere vier Kinder da zu sein", sagt die 44-Jährige mit den kurzen braunen Haaren.

Der seit 1913 bestehende Laden stellt neben dem Kauf von Konsumgütern einen wichtigen Treffpunkt im Dorf dar. "Im Laden erfährt man immer das Neuste, trifft andere Bewohner und kann sich während des Einkaufs über den Alltag austauschen. Zudem gehen wir nach dem Einkaufen oft zusammen 'äs Kaffee go näh'", berichtet eine Kundin. Drei Frauen diskutieren über die Zutaten, die sie für das Backen ihrer Pasteten verwenden, während sie vor der Glasvitrine auf ihre Käse-, Backwaren- und Fleischbestellungen warten. "Es herrscht oft ein Riesengeschnatter", schmunzelt Sarah Bissig, die älteste Tochter von Josef und Doris Bissig, während sie mit der Fleischmaschine Schinken aufschneidet und abwiegt. Die 15-jährige braunhaarige Maturandin hilft meist samstagvormittags und in den Ferien ihren Eltern, um etwas Taschengeld zu verdienen. Zusätzlich werden die Ladenbesitzer von vier Teilzeitkräften und einer Studentin, die bei Bedarf aushilft, unterstützt. "Die Bedienung ist immer flott und hilfsbereit", lobt eine 63-jährige Kundin mit einem bekräftigenden Nicken. Gerade für die älteren Bewohner des 540-Seelen-Dorfes ist es wichtig, dass es den Laden gibt, da sie sonst eine lange Fahrt auf sich nehmen müssten, um ihre Einkäufe zu erledigen: "Nach zehn Minuten Fußmarsch bin ich beim Laden, das ist natürlich schon sehr praktisch und bequem", bestätigt die 71-jährige Emilia Bissig. "Ich fahre dann mal mit den Päckli ins Grosstal", informiert Josef Bissig seine Mitarbeiterinnen und verlässt fröhlich pfeifend den Laden. Jeden Samstag beliefert er mit seinem silbernen Opel die abgelegene Haushalte in dem Tal und im Sommer die Alpbetriebe mit vorher bestellten und abgepackten Lebensmitteln. "Das klappt normalerweise wunderbar, nur wenn im Winter Lawinengefahr besteht, kann ich die Ware nicht in das Tal liefern." Trotz der vielen Sonderdienstleistungen, die der Laden anbietet, sind die Aussichten auf sein Fortbestehen stark getrübt.

"Unser Einkommen ist eher knapp, doch da wir bescheiden und günstig wohnen, geht es gut", sagt Doris Bissig und ihr Gesichtsausdruck wird ernst, als sie erklärt, dass leider eine Abnahme des Umsatzes feststellbar sei. Längst nicht alle Dorfbewohner beziehen ihre Waren aus dem Laden, sondern bevorzugen für ihren Einkauf Supermärkte mit vielfältigeren und vor allem billigeren Angeboten. Dabei hängt der Fortbestand des Geschäfts im Wesentlichen von treuen Kunden ab. Da trifft es sich gut, dass die Poststelle seit diesem Jahr in den Laden verlegt wurde und nun groß und gelb für einen Zusatzverdienst sorgt. Doris Bissig hofft auf bessere Zeiten: "Neben der treuen Kundschaft ist zudem wichtig, dass ein Lieferant bereit ist, auch kleinere und damit unrentablere Geschäfte zu beliefern. Wir schauen aber optimistisch in die Zukunft und hoffen, dass wir den Dorfladen noch lange führen können und der Umsatz ein Einkommen für unsere Familie ermöglicht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Es herrscht oft ein Riesengeschnatter
Autor
Bettina Walker, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2010, Nr. 303 / Seite N6
Projekt
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