Mit Hund im Helikopter

Aufgeregt lauscht Denise Mazzini, ob sie die Hunde hört, die heute nach ihr suchen müssen. Im steilen Waldgebiet oberhalb von Runggaditsch im Südtiroler Grödnertal sind nur der Wind und das Zwitschern der Vögel zu hören. Um die Hütte gibt es weit und breit nichts außer gefällten Bäumen und riesigen Steinen. Plötzlich vernimmt die Frau lautes Bellen. Die Hunde kratzen aufgeregt an der Tür der Hütte, in der sie sich für die Übung versteckt hat. Die Suchhunde haben sie gefunden und ihre Aufgabe für heute perfekt erfüllt.

Die Mitglieder der Südtiroler Hundeführer treffen sich in ihren Bezirken mit ihren Kollegen alle zwei Wochen, um zu trainieren. Die 41-jährige Denise Mazzini und ihre zwölf Jahre alte Hündin Malú haben schon viele riskante und gefährliche Einsätze miteinander erlebt. Die studierte Sprachwissenschaftlerin lebt mit ihrer Familie in St. Ulrich in Gröden. In ihrer Freizeit versucht sie so viel Zeit wie möglich mit ihren beiden Töchtern in der Natur zu verbringen. "Einmal ging eines Morgens im Winter mein Piepser los. So schnappte ich mir meinen Rucksack mit der Ausrüstung. Malú war schon ganz aufgeregt. Wir fuhren zum Parkplatz, wo alle schon auf uns warteten und stiegen in den Helikopter, nach einem kurzen Flug waren wir am Einsatzort." Dort angekommen sahen sie nur eine riesige Lawine inmitten der Berge. Alle Einsatzkräfte suchten und suchten, aber keiner der Hunde konnte die vermisste Person finden. "Doch als einer meiner Kollegen zufällig mit der Sonde in den Schnee stieß, fanden wir endlich den Vermissten." Der hatte großes Glück, nur durch Zufall konnte er lebend geborgen werden. "Das kann vorkommen, wenn die Bedingungen manchmal nicht ganz perfekt sind." Für die Hunde ist es am einfachsten, gegen den Wind zu suchen, denn so können sie die Spuren am leichtesten verfolgen.

Nun sind Malú, eine kleine, schwarze Mischlingshündin, die ihren jüngeren Kollegen in nichts nachsteht, und Denise Mazzini an der Reihe, und ihre Kollegen müssen sich verstecken. Malú sprintet los, als sie den Kollegen nach wenigen Minuten gefunden hat, läuft sie zu ihrem Frauchen zurück und springt es an. Die Suche wird als Apportierspiel gestaltet. Das heißt, Malú bekommt eine Futtertasche, die sie zum "Vermissten" bringt. Die Hunde werden darauf trainiert, diese Beutel freiwillig irgendwo abzulegen und später wieder zu holen. Bewältigen sie diese Übung, erhalten sie ein Leckerli aus dem Beutel. Andere Hundeführer arbeiten mit einem Hund der Rasse Bloodhound, von denen es in Südtirol derzeit aber nur zwei gibt. Diese haben eine besonders gute Spürnase. Aber auch andere Rassen sind gut geeignet. Die Hunde sollten einen aufgeweckten Charakter haben. "Auch wenn Malú schon zwölf Jahre alt ist, nehme ich sie trotzdem noch zu den Trainings mit, weil es ihr großen Spaß macht. Die Hündin meiner Mutter dagegen, ,La sifigata', wie ich sie immer nenne, ist schüchtern. Aber wir arbeiten daran, dass sie auch ein guter Suchhund wird."

Plötzlich rennt Candy, der fünfjährige Mischling eines Kollegen, an ihr vorbei. Da fällt Denise Mazzini einer der schaurigsten Einsätze der vergangenen Jahre in Südtirol ein: "Vor rund zwei Jahren wurde eine Person auf dem Ritten vermisst. Da Ritten zu unserem Bezirkskreis gehört, brach Wolfgang mit Candy und weiteren Suchtrupps in das Einsatzgebiet auf. Man wusste, dass die Situation kritisch war, trotz fieberhafter Suche fand man die vermisste Person nicht, als es Nacht wurde, brach man die Suche ab. Doch Wolfgang brach trotzdem am nächsten Morgen mit Candy noch einmal in das Einsatzgebiet auf. Und dort fanden sie die Leiche der vermissten Person im See, obwohl sie dort am vorherigen Tag bereits gesucht hatten."

Leichen haben einen anderen Geruch als lebende Menschen, und deswegen kann es passieren, dass die Suchhunde die Toten nicht aufspüren. Denn sie kennen diesen Geruch nicht, weil die Hunde nicht die Möglichkeit haben, mit Verstorbenen zu trainieren. Doch seit einiger Zeit werden in Österreich Kurse angeboten, bei denen die Hunde und ihre Besitzer auch mit toten Menschen üben können.

Wichtig sei es, die Erfahrungen, die man am Berg macht, nicht zu nahe an sich heranzulassen, auch wenn man Situationen erlebt, die einen noch lange beschäftigen, sagen die Hundeführer. "Mit der Zeit lernt man, damit umzugehen. Wenn man zu einem Einsatz gerufen wird, schauen einen die Menschen an, als ob man Gott wäre, und sie glauben, dass jetzt alles gut wird. Doch manchmal läuft es nicht so, wie man es gerne hätte, und dann muss man eben versuchen, damit irgendwie umzugehen. Ich denke dann immer an die Einsätze, die gut gelaufen sind und bei denen wir Menschen das Leben retten konnten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Hund im Helikopter
Autor
Lisa Bernardi
Schule
Bischöfliches Institut Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2015, Nr. 15, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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