15 Stunden lang rennen, rad fahren, schwimmen

Beat Knechtle setzt völlig durchnässt zur letzten Runde auf dem Rad an. Die kurzen, braunen Haare, einst ordentlich zur Seite gekämmt, stehen wild vom Kopf. Mehr als 15 Stunden sind er und seine Konkurrenten unterwegs, um in Ecuador den Weltmeistertitel im Ultratriathlon über die zweifache Ironman-Distanz zu erlangen. Seit fünf Stunden regnet es ununterbrochen, und die Formel-3-Strecke, auf der das Radrennen durchgeführt wird, ist völlig aufgeweicht. Doch für den 1,77 Meter großen Appenzeller mit fast zwanzigjähriger Wettkampferfahrung ist das kein Grund, aufzugeben. Viele Monate hat er auf diese Tage hingearbeitet und sein Ziel klar vor Augen: Er will einen Podestplatz ergattern.

Zu Hause, am Rande eines Dorfes im Kanton Thurgau in der Schweiz, lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter in einem Reihenhaus. Der Arzt mit einer Habilitation in Allgemeinmedizin arbeitet im Santémed-Gesundheitszentrum in St. Gallen. Er ist Privatdozent an der Universität in Zürich und gehört einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern an, die Leistungssportstudien publizieren. Seit 2013 steht sein Name in den Top drei der weltweiten Forschungen zum Thema "Laufen". Durchschnittlich trainiert er seit seinem 18. Lebensjahr monatlich rund 24 Kilometer Schwimmen, 330 Kilometer Laufen und 2170 Kilometer Radfahren, am liebsten in freier Natur. Nur im Winter und bei Regentagen weicht der Appenzeller ins Homefitnesscenter oder Hallenbad aus, damit er auf sein Trainingspensum kommt. Auch viele Wochenenden investiert er ins Training. Dieses Opfer muss man bringen, wenn man an der Spitze mithalten will. Die Familie steht an zweiter Stelle. Mit dieser Situation hat sich seine Frau Patrizia schon lange abgefunden. Die Velomechanikerin ist das One-Woman-Team ihres Mannes und unterstützt ihn. Auch bei den Wettkämpfen ist sie unentbehrlich. Die dunkelhaarige Frau weiß genau, wie und zu welcher Zeit ihr Mann welches Essen braucht und wann er welche Kleider benötigt.

Der Monsunregen beim Rennen in Ecuador will einfach nicht nachlassen. Laufen ist nicht Knechtles Spezialdisziplin, zum Glück kommt er diese Runde wieder beim Betreuungsstand vorbei, wo er dankend eine Schale Reis entgegennimmt. Dieses Mittagessen seiner Frau lenkt ihn ein bisschen von den Strapazen ab. Die Ernährung während des Wettkampfs ist nicht leicht, der Energieverbrauch bei einem doppelten Ironman ist immens. So isst der Arzt Reis mit Fleisch und Salat und trinkt Mineralwasser. Zwischendurch stehen Früchte und Cola bei ihm oben auf der Favoritenliste.

Von Flüssignahrung hält Beat Knechtle nichts: Denn der vermeintliche Zeitgewinn beim Trinken der Shakes entpuppt sich als Risikofaktor. So führe man sich mit den Shakes zu viel Flüssigkeit pro Zeiteinheit zu, was mit normalem Trinken nicht passieren würde, und das Blut zu stark verdünne. Dadurch riskiere man eine belastungsassoziierte Hyponatriämie, also einen zu niedrigen Natriumspiegel des Blutes. Das sei gefährlich. Deshalb essen die Ultras Hamburger, Reis oder Pizza. Diese Speisen kann man gut auf dem Rad essen, und sie haben einen hohen Energiewert. Die Lebensmittel nehmen sie meist vom Heimatland mit, da die meisten extremen Ultratriathlons nicht in Europa, sondern in Nord-, Mittel- und Südamerika stattfinden, woher auch die meisten Athleten kommen.

Weltweit gebe es nur 300 Athleten, die diesen Extremsport betreiben. Die Mehrheit von ihnen kommt von der Ironman-Strecke, da sie "über den ganzen Zirkus und die Show frustriert sind, die dort ablaufen", wie Knechtle sagt. Dagegen sei die Ultraszene gleich viel ruhiger, familiärer und entspannter. "Die Ultras sagen, sie machen das, weil sie in Ruhe und relativ gemütlich lange Strecken runterspulen können." Das jedoch ist Ansichtssache. Für Beat Knechtle ist Ultratriathlon die ideale Prävention und ein wichtiger Ausgleich zum Alltag. Andere argumentieren, dass es eher sportlicher Selbstmord sei. Hinter Knechtles Leidenschaft steckt aber jahrelanges, intensives Training. Der Arzt musste sich zwei Jahre gedulden, bevor er zu seinem ersten Ultratriathlon zugelassen wurde. Ihm fehlte laut dem Veranstalter schlicht die Erfahrung.

Die Luft ist feucht, der Regen hat fast aufgehört. Die Hälfte der zwölf Teilnehmer hat aufgrund eines Sonnenstichs oder mangelhafter Flüssigkeitsaufnahme aufgegeben. Auch Beat Knechtle macht die Hitze Mühe, er hat schon bei minimaler Anstrengung einen Puls von 180. Doch das bringt ihn nicht weiter aus der Ruhe, er schraubt sein Tempo ein wenig herunter. Nur noch knappe 20 Kilometer hat er zu bewältigen, dann ist er im Ziel. Doch die tiefen Punkte der Berg- und-Tal-Strecke sind immer noch überschwemmt, und das Wasser will einfach nicht abfliessen. Seine Frau steht durchnässt am Streckenrand. Geschickt wirft sie ihm eine Flasche Cola zu. Den Zucker saugt der Körper auf. Die Energie ist förmlich zu spüren. Vor und hinter Knechtle ist niemand zu sehen.

Jeder läuft den Wettkampf in seinem Tempo. Die einzigen Gegner, mit denen man die ganze Zeit zu kämpfen hat, sind der Körper und der eigene Geist. Die Beine sind von Krämpfen geplagt, die Füße geschwollen, der Körper ist nass vom Regen und Schweiß. Die innere Stimme will aufgeben. Die Sonne brennt noch mit letzter Kraft vom Himmel, bevor sie endgültig am Horizont verschwindet.

Der Ultratriathlet setzt zur letzten Runde an. Noch einmal den Hügel hinauf und einmal hinunter, dann sind die ganzen Strapazen geschafft. Am Zielbogen stehen rund 30 Leute, die den Finishern zujubeln. Knechtle sieht die Zeit aufleuchten: 26 Stunden und 56 Minuten. Das ist der zweite Platz! In diesem Moment wirft ihm Patrizia die Schweizer-Fahne zu, in die sich ihr Mann überglücklich hüllt. Die Schmerzen sind vergessen. Nun kann er sich Vizeweltmeister über die 7,6 Kilometer Schwimmen, 360 Kilometer Radfahren und 84,25 Kilometer Laufen nennen.

Doch auf seiner To-do-Liste findet man weitere Ziele wie: zwei zehnfache Ironmans in einem Jahr (Weltrekord), Weltbestzeit im fünffachen Ironman verbessern oder - langfristig gedacht - den Weltrekord als ältester Finisher in einem Ironman zu toppen. Im Moment liegt der bei 81 Jahren.

Informationen zum Beitrag

Titel
15 Stunden lang rennen, rad fahren, schwimmen
Autor
Jenny Meier
Schule
Kantonsschule , Trogen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2015, Nr. 21, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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