Schleuderrad gegen Schneewände

Schneefräsen am Gotthardpass: Die Wände sind 15 Meter hoch, die Strecke ist 15 Kilometer lang Es ist in der scheinbar unberührten Natur, man sieht die Bergwelt, die bezaubert, und es ist völlig abseits von der Alltagshektik und dem Rummel. Das ist für mich Freiheit in den Urner Bergen." So beschreibt Paul Bulgheroni das Schneefräsen auf dem Gotthardpass. "Jedes Jahr, ungefähr eine Woche nach Ostern, begibt sich eine Gruppe von zwei bis vier Personen auf den Gotthardpass, um diesen Alpenpass so früh wie möglich vom Schnee zu befreien. Denn die Route über den Gotthardpass bietet eine Alternative zum Gotthard-Straßentunnel, der, vor allem im Sommer, überlastet ist. Die Passöffnung dient somit der Verkehrsentlastung", erklärt der gelernte Automechaniker, der seit 20 Jahren Kantonsangestellter ist. "Zu meinen Arbeiten beim Kanton Uri gehört das Flicken von Polizeiautos, so bin ich auch zuständig für den Unterhalt der Schneefräsen. Daher war es sinnvoll, diese Maschinen ebenfalls in der Praxis kennenzulernen. Mir wurde dann das Schneefräsen von Kollegen, die bereits Erfahrung mit dieser Arbeit hatten, beigebracht", sagt der 54-Jährige. Der offene Unterstand mit dem Blechdach, wo die traktorähnlich aussehenden Schneefräsen während der Monate, in denen sie nicht gebraucht werden, eingestellt sind, fängt einige Sonnenstrahlen ein. Paul Bulgheroni tippt behutsam auf die Schneefräse und erklärt: "Das ist eine R 1000 von Bucher, sie ist etwa drei Meter hoch.

Der Teil vorne am Fahrzeug nennt sich Vorbau, er enthält ein Schleuderrad, eine Frästrommel und einen Auswurfkamin. Der Kamin hat eine Wurfweite von 30 Metern." Kaum vorstellbar, dass diese Maschine 15 Meter hohe Schneewände bewältigen kann. Paul Bulgheronis grüne Augen strahlen, als er ein Foto mit einer ebensolchen imposanten, fast kitschig wirkenden Schneewand aus der Tasche packt. "Zuerst misst eine Equipe für Straßenausmessung die Straßen aus, damit wir wissen, wo wir Schneefräsen müssen. Beim Fräsen gelangt der Schnee zuerst über die Frästrommel in den Schleuderkasten. Danach wird der Schnee vom Schleuderrad über den Auswurfkamin ins Freie katapultiert. Man beginnt beim höchsten Punkt der Schneewand, fräst dann so Schicht für Schicht weg, bis die Straße vom Schnee befreit ist. Jährlich fräst man auf dem Gotthardpass eine 15 Kilometer lange Strecke. Dieser Vorgang dauert rund 14 Tage." In der düsteren Autowerkstatt des Kantons in Flüelen ziert eine Landkarte des Gotthardgebiets die Wand, Paul Bulgheroni deutet mit dem Zeigefinger auf Hospental, den Ort, wo das Schneefräsen jedes Jahr beginnt. Langsam fährt er mit dem Finger auf der Karte Richtung Süden, überquert die 15 Kilometer lange Strecke von Hospental über den Gotthardpass, stoppt und blickt auf:

"Hier in Airolo, im Kanton Tessin, 15 Kilometer südlich von Hospental, beenden wir jeweils unsere Arbeit." Ein Lächeln ziert sein kantiges Gesicht, man spürt seine Freude, wenn er von der Arbeit spricht. "Nachdem wir unsere Arbeit beendet haben, werden noch einige Straßenausbesserungen vorgenommen, wie beispielsweise Risse, die man korrigieren muss, danach steht der Passöffnung nichts mehr im Weg." Doch das Schneefräsen birgt auch viele Gefahren. Dies hat sich vor zwei Jahren auf dem Klausenpass, einem anderen Urner Pass, gezeigt. "Dort gab es einen tödlichen Unfall. Ich kannte den Verunglückten. Er war gerade bei einigen Vorbereitungen für das Fräsen, als Schnee ins Rutschen kam und ihn mitriss." Nachdenklich sagt er: "Ein Restrisiko bleibt immer, dessen bin ich mir stets bewusst. Doch wir beginnen erst mit dem Fräsen, wenn aus unserer Sicht keine große Gefahr mehr besteht, das heißt nicht zu viel Neuschnee vorhanden ist." Gibt es denn keinen Druck, den Pass so früh wie möglich zu öffnen? "Die Natur bestimmt die Öffnung. Wir können erst dann eingreifen, wenn keine Gefahr mehr besteht." Noch einmal packt der 1,87 Meter große Mann das Foto der in die Höhe ragenden Schneewand hervor: "Der Winter nähert sich, und Tag für Tag, Monat für Monat häuft sich auf dem Gotthardpass eine Schneewand, die ich mit großem Respekt wieder wegfräsen werde."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schleuderrad gegen Schneewände
Autor
Bianca Bulgheroni. Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2010, Nr. 303 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Projektanmeldung

Sie möchten sich für ein medienpädagogisches Projekt der F.A.Z. anmelden? Gleich kostenlos registrieren und das Projektangebot der F.A.Z. nutzen. › Zur kostenlosen Registrierung

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180