Müffelnde Pantoffeln vor dem Winterraum

Die Leute sind herzlich und entspannt, meine Arbeit wird geschätzt, und all das vor dieser großartigen Bergkulisse", sagt Stefanie Arnold, eine schlanke junge Frau aus Altdorf mit kurzen schwarzen Haaren. Die Erzieherin hat sich für ein Jahr Urlaub genommen und arbeitet während einer Saison in einer Berghütte. Ihr Arbeitsplatz liegt auf 2148 Metern über Meer, weit hinten im wilden Meiental im Kanton Uri. Wer zur Seewenhütte gelangen will, muss das Auto nach einer kurvenreichen Anfahrt an der Sustenpassstraße stehen lassen und zu Fuß eineinhalb Stunden zur Hütte aufsteigen. Aber deshalb muss man im Hüttenalltag nicht auf Annehmlichkeiten verzichten: "Es gibt sogar eine Nespresso-Kaffeemaschine", lacht Stefanie. Über diese haben sich auch schon zwei Westschweizer Piloten der Armee sehr gefreut, die ihren Hubschrauber für eine spontane Kaffeepause auf dem Landeplatz gleich neben der Hütte geparkt hatten. Natürlich wird der Landeplatz normalerweise nicht für Kaffeestopps genutzt, sondern für Transportflüge. Wie in vielen anderen Berghütten auch, bringt ein Hubschrauber ein- bis zweimal im Jahr in einem großen Netz Nachschub an Lebensmitteln. Oder er transportiert Baumaterial, wie es vor vier Jahren der Fall war, als die Hütte renoviert wurde und an einem Bach in der Nähe ein Wasserkraftwerk gebaut wurde. Die kleine Turbine liefert Strom für die Hütte. Und seither gibt es moderne sanitäre Anlagen mit Duschen und Schlafräume für vier bis sechs Personen. Keine Spur mehr von einem spartanischen Bergsteiger-Biwak. Während der Sommersaison, die bis Ende Oktober dauert, besteht die Kundschaft vorwiegend aus Tagesgästen und Familien.

Letztere kommen vor allem wegen der Klettergärten mit leichten Routen. Bei den Kindern steht die Tyrolienne hoch im Kurs, ein gespanntes Seil, an dem man sich im Klettergurt einhängt und wie eine Seilbahn nach unten sausen kann. Im Winter ist die Hütte nicht bewirtet, aber der Winterraum für Selbstkocher ist wie bei jeder Hütte des Schweizerischen Alpenclubs immer geöffnet. Walter Gehrig und seine Familie haben die Hütte gepachtet. Der Hüttewart ist ausgebildeter Bergführer. "Als sich vor drei Jahren die Gelegenheit bot, die Seewenhütte zu übernehmen, waren die Kinder alt genug, und wir haben zugesagt. Für mich ist es einfacher, wenn ich im Sommer auf der Hütte sein kann und nicht das ganze Jahr als Bergführer unterwegs sein muss." Für ihn machen vor allem die vielen abwechslungsreichen Arbeiten den Reiz aus. "Einen Teil der Arbeit verrichte ich in der Natur, wenn ich zum Beispiel den Hüttenweg ausbessere. Zum andern Teil bin ich Wirt und erlebe spannende Begegnungen mit Bergsteigern und Touristen." Das sagt auch Stefanie: "Mit den Gästen gibt es oft interessante Gespräche. Obwohl das Arbeiten in einer Berghütte bedeutet, längere Zeit an einem recht entlegenen Ort zu leben, sind wir nicht abgeschieden." Die einheimischen Gäste berichten den neuesten Tratsch aus dem Tal, und ausländische Besucher erzählen von ihren Heimatländern. "Wir haben oft Gäste aus Italien oder Deutschland, aber es waren auch schon Spanier oder Polen hier." Der Kontakt mit den Gästen sei der spannendste Teil ihrer Arbeit. Stefanie wollte schon immer für eine Zeitlang ein einfacheres Leben fern des Alltagstrotts und näher an der Natur führen. Mit dem Job auf der Hütte ist für sie ein Traum in Erfüllung gegangen.

"Ich habe es keine Sekunde bereut." Auf der Seewenhütte wird die Arbeit auch dadurch etwas erleichtert, dass die meisten Gäste von hier aus keine langen Touren unternehmen. So beginnt der Arbeitstag im Vergleich zu anderen Hütten nicht allzu früh. "Die meisten Gäste wollen ihr Frühstück nicht vor sieben Uhr." Trotzdem seien die Tage lang und auch anstrengend, denn es gebe immer etwas zu tun: "Wenn bereits alles geputzt ist und in der Küche schon genug Hände helfen, kann man immer noch die Hausschuhe sortieren." Im Eingangsraum stehen zwei große Schuhgestelle mit den Hausschuhen, wo aus dem einen oder anderen Pantoffel ein strenger Geruch nach Wandererfüßen strömt. Wenn am Abend auch die letzten Übernachtungsgäste zu Bett gegangen sind, bedeutet das noch keinen Feierabend für die Hüttencrew. Der Schlaf muss noch mit einem Abwasch von Hand bis gegen Mitternacht verdient werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Müffelnde Pantoffeln vor dem Winterraum
Autor
Simon Infanger. Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2010, Nr. 303 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180