Gejagt wird nur nach satten Tönen

Jeden Freitagabend erwacht eine kleine Hütte an einem Wäldchen nahe Dibbersen im Kreis Harburg zum Leben. Episch anmutende Hornklänge und satte Akkorde durchbrechen die Stille der hügeligen Landschaft. Ein offenes Kaminfeuer und einige Kerzen tauchen den gemütlich eingerichteten Innenraum der Hütte in ein warmes Licht. Vor dem Kamin dominiert ein schwerer Eichentisch, auf dem Snacks und Weinschoppen stehen. Dieser Eindruck der Ruhe und Beschaulichkeit stellt sich jedoch als Trugschluss heraus - es wird hart geprobt. Die zwölf Amateur-Musiker des Parforcehorn-Bläserkreises Nordheide treffen sich hier zu einer ihrer zwei wöchentlichen Proben. Unter der Leitung von Ute Marx verzeichnet das Ensemble viele Anfragen und Erfolge in ganz Deutschland.

Als Tochter eines hessischen Försters aus Butzbach in der Wetterau habe sie schon als Kleinkind ersten Kontakt mit dem Instrument gehabt, sagt die 47-jährige biologisch-technische Assistentin. Zunächst erlernte sie im Alter von drei Jahren den Umgang mit dem Fürst Pless Horn, mit dem sie ab dem siebten Lebensjahr eine Jagdhorngruppe begleitete. Im Alter von zehn Jahren wurde sie dann auf dem weitaus größeren und schwieriger zu spielenden Parforcehorn ausgebildet. Aufgrund ihrer Fähigkeiten konnte sie schon mit 18 Jahren die Leitung der hessischen Jagdhorngruppe übernehmen. Umzugsbedingt musste sie später jedoch ihre alte Gruppe verlassen und gründete in Bremerhaven eine neue Jagdhorngruppe. Bei einer Hubertusmesse traf sie dann auf den Parforcehorn-Bläserkreis Nordheide. In einer solchen Hubertusmesse gedenken die Christen und vor allem die Jäger unter ihnen des heiligen Hubertus von Lüttich, der im achten Jahrhundert unter anderem in Frankreich gelebt haben soll und als Schutzpatron der Jäger wie auch als Sinnbild der Waidgerechtigkeit gilt. Die Gruppe konnte sie dann bei einem Vorspielen von sich überzeugen. Nach einigen Jahren in der ersten Stimme wurde sie zur Leiterin des Ensembles gewählt.

Das Einzugsgebiet des Ensembles reicht heute von Bremerhaven über Hamburg bis nach Rotenburg an der Wümme. Inzwischen tritt die Gruppe auch in Schweden, Österreich und Portugal auf. Bei der Teilnahme an einer Prozession im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima sei sogar eine päpstliche Erlaubnis für die musikalische Begleitung erforderlich gewesen, erzählt Marx.

Das Repertoire der Gruppe reicht von kunstmusikalischen Konzertstücken des 20. Jahrhunderts aus Oberösterreich, die ausschließlich bei Konzerten gespielt werden, bis hin zu Stücken aus dem Frankreich des späten 17. Jahrhunderts. Letztere werden vorrangig bei Hubertusmessen gespielt. Zwar haben die Hörner verschiedene Aufsteckbögen, mit denen die Stimmungen zwischen "D", "Es" und "F" gewechselt werden können. Doch besitzen die Naturhörner keine Ventile zur Tonbildung, so müssen die Bläser alle Töne über ihre Lippenspannung erzeugen. Diese erfordert einen guten Ansatz und regelmäßiges Proben. Trotz der nicht vorhandenen Ventile ist ein guter Bläser in der Lage, 16 Naturtöne und mindestens sechs zusätzliche Stopftöne zu erzeugen, indem er die Hand in den Sturz oder Schalltrichter des Horns hält. Die Tradition des Parforcehornblasens stammt ursprünglich aus Frankreich; genaugenommen dienten die ersten Parforcehörner zur Verständigung der Jagdgesellschaft zwischen den vorderen Pikören und der Hundemeute mit der jagenden Korona, die bei der Parforcejagd zu Pferde auftrat. So ist auch zu erklären, warum die Stürze der Hörner nach hinten gerichtet sind. Über die jagdliche Komponente verbreitete sich das Musizieren auf dem Parforcehorn in ganz Europa und fand vor allem in Deutschland unter dem böhmischen Grafen Franz Anton von Sporck (1662-1738) großen Zuspruch. Hier wurden auch die konzertanten Einsatzmöglichkeiten des Parforcehorns weiter ausgebildet.

Dass die Uniformen des Parforcehorn-Bläserkreises Nordheide auf den ersten Blick wie aus einer anderen Zeit wirken, ist den Umständen ihrer Entstehung geschuldet: Von den hohen Reitstiefeln über den grünen Mantel bis hin zum Plastron, einer Krawattenform, und grünem Hut ist das Outfit der Bläser ganz dem jagdlichen Ursprung der Musik nachempfunden. So fühlt man sich bei einem Auftritt der Gruppe in einem Schlosshof, einem Dom oder einem alten Konzertsaal sofort in eine frühere Zeit versetzt. Diesen nostalgischen Eindruck genießend, durchlaufen die Zuhörer bei einem Konzert eine Zeitreise von den Anfängen der Hornmusik bis ins 20. Jahrhundert.

Für die Aufrechterhaltung einer historisch wertvollen Tradition wurde der Parforcehorn-Bläserkreis Nordheide 1981 mit dem Kulturpreis des Landkreises Harburg ausgezeichnet. Alle Mitglieder leisten ihren Beitrag unentgeltlich. Dies und der Anfahrtsweg zu den Proben von teilweise eineinhalb Stunden zeugt davon, dass alle zwölf Bläser mit viel Spaß bei der Sache sind.

Die konzertante Moderation der Gruppe und das Anmoderieren der Stücke mit musikalischem und historischem Hintergrundwissen übernimmt der ehemalige Musiklehrer Bertram Kloss. "Gerade die Vielfalt und die Kompatibilität der Hornmusik mit fast jedem Musikstück finde ich wahnsinnig", sagt Kloss. Insgesamt hat die Gruppe bereits drei Langspielplatten, einige Kassetten und drei CDs herausgebracht, die erfolgreich vermarktet werden.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Gejagt wird nur nach satten Tönen
Autor
Friedrich Lukas Wegener
Schule
Ratsgymnasium , Rotenburg an der Wümme
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2015, Nr. 27, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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