Kaffeeklatsch unterm Schilfgras

Oraet labora: Deus aderit sine mora" steht in goldenen Buchstaben auf der hohen Eingangspforte geschrieben, was sich sinngemäß mit "bete und arbeite: Gott hilft ohne Verzug" übersetzen lässt. Hinter ihr erstreckt sich ein großes, mit Reet gedecktes Bauernhaus. "Seit 2012 ist das ehemalige Bauernhaus ein Bauernhaus mit Café", berichtet Annegret Pape stolz. Die Besitzerin des Hauses in Neuenfelde, einem verträumten Dorf im Südwesten Hamburgs, trägt eine blauweißkarierte Bluse und empfängt freundlich jeden ihrer Gäste.

Die Räume, in denen sich das Café befindet, waren einst der Wohnraum ihrer Vorfahren, der Bauernfamilie Quast. Im hinteren Teil des Hauses war früher der Kuhstall, der zu Mietwohnungen umgebaut wurde. Die Familie Quast lebt und arbeitet seit 1720 auf dem Hof "Puurten-Quast". Viele der imposanten mit Reet gedeckten Bauernhäuser stammen aus dieser Zeit und sind typisch für Europas großen Obstgarten, das Alte Land. In dieser Region war es üblich, die Häuser mit der Schilfpflanze Reet zu bedecken. Der Rohstoff war günstig, da er ausreichend vorhanden und einfach zugänglich war. Während früher das Reet auf Flächen an der Elbe geerntet wurde, ist dessen regionale Gewinnung heute stark zurückgegangen. Der Dachdecker der Familie Quast bezieht es aus Ungarn.

In die Vergangenheit weist auch die mit Holzschnitzereien geschmückte Eingangstür an der Vorderseite, die allerdings für die Gäste des Cafés verschlossen bleibt, die dieses durch die seitliche Außentür betreten. "Nur bei drei Anlässen wird die Tür geöffnet: Heirat, Tod und Brand", sagt Annegret Pape. Über der Eingangstür ragt ein Querbalken, in dessen Giebel eine Inschrift eingraviert ist: "Anno 1777 den 6. Dezember ist das vorige Haus abgebrannt und mit Gottes Hilfe durch treue Mühe und Sorge der Vormünder Hein Quast und Jacob Brant dieses neue wieder erbaut 1778 und ist gerichtet den 24. Juli so las dir dein Herr Gott befohlen sein das Haus und alles was darein." Der Querbalken ist das einzige Relikt aus der Zeit vor dem Brand. Zum Glück sei niemand verletzt worden.

"Der größte Nachteil eines Reetdachhauses ist wirklich die Brandgefahr und das schnelle Ausbreiten des Feuers, wenn es im Dachstuhl brennt", erklärt Pape. Außerdem sei die Pflege und Reparatur des Reetdaches aufwendig. Erst kürzlich wurde etwa durch einen starken Sturm ein Teil des Daches beschädigt. Ungefähr alle 30 Jahre müsse dieses ausgebessert werden. Das bedeutet, dass das Dach entweder neu gedeckt oder nur neues Reet auf das alte gelegt wird, was mit den Jahren verrotten kann. Vor einem Jahr musste ein Viertel des Daches aufgrund eines Baumsturzes für ungefähr 60 000 Euro repariert werden. "Da kann man sich ja hochrechnen, wie viel es kostet, das gesamte Dach zu renovieren", sagt Pape.

Dafür bekommt sie Zuschüsse vom Denkmalschutzamt, mit einem Lächeln merkt sie allerdings an, dass diese Beihilfe nur zu einem Bruchteil die Kosten deckten. "Das Reetdach ist ein massiver Kostenfaktor", betont sie. Allerdings biete es auch Vorteile: "Im Haus herrschen immer angenehme Temperaturen. Im Winter hält das Reetdach die Wärme im Haus, und im Sommer bleibt es kühl, da Reet viel besser isoliert als beispielsweise Pfannendächer." Ohnehin spielten die Kosten für das Reetdachhaus für sie nur eine untergeordnete Rolle, da es ihr eine Herzensangelegenheit sei, Traditionen und ihre Familiengeschichte zu erhalten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kaffeeklatsch unterm Schilfgras
Autor
Alexander Prigge
Schule
Friedrich-Ebert-Gymnasium , Hamburg-Heimfeld
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2015, Nr. 27, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180