Junge Chefin mit vielen Ideen

Rebecca Luksch wirbt neue Kunden, hat den Etat im Blick, bietet Piratenführungen und Kriminächte. Und sie bedauert, dass viele nicht wissen, was eine Bibliothek alles zu bieten hat.

Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee, freudiges Stimmengewirr, durchbrochen von fröhlichem Kinderlachen. Nebenan Jugendliche, die gemeinsam Hausaufgaben machen oder im Internet surfen. Eine Frau erklärt gerade, wie man die neuesten E-Books auf einen Tablet-PC oder Smartphone herunterladen kann, und weist auf die große Auswahl an Hörbüchern und Zeitschriften hin. In der Spieleecke hat es sich eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern gemütlich gemacht. Während der Junge die Holzeisenbahn aufbaut, betrachten Mutter und Tochter ein Bilderbuch über einen mutigen Raben. An der Plakatwand hängen Einladungen zum Konsolenspiele-Nachmittag, zu einem Bilderbuchkino und einer Erlebnisnacht. Dies sind keine Beobachtungen in einem Café, Einkaufszentrum oder Jugendhaus, sondern Momentaufnahmen aus der Stadtbibliothek Süßen im Filstal in Baden-Württemberg.

Seit zwei Jahren leitet Rebecca Luksch die Bibliothek. Um dies in so jungen Jahren erreichen zu können, begann die 24-Jährige direkt nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste an der Stadtbibliothek Reutlingen und erwarb gleichzeitig die Fachhochschulreife. Während dieser Zeit wuchs ihre Leidenschaft für die Bibliotheksarbeit, und sie beschloss, ein dreijähriges Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart anzutreten. "Eigentlich wollte ich immer nur arbeiten. Ich hatte gar keine Lust mehr zu lernen, aber um meinen Traum vom selbständigen und eigenverantwortlichen Arbeiten verwirklichen zu können, musste ich wohl oder übel studieren."

Trotz der großen Leidenschaft für ihren Beruf zögere sie jedes Mal beim Beantworten der Frage, wo sie denn überhaupt arbeite. Denn oft schauten die Leute schon bei der Erwähnung des Wortes "Bibliothek" skeptisch und steckten sie sofort in eine Schublade: "Einmal meinte sogar eine Bankangestellte zu mir: ,Es muss ja schön sein, wenn man mit Lesen sein Geld verdienen kann.' Die Menschen haben leider oft keine Vorstellung von der Arbeit in einer Bibliothek oder von deren Angeboten", schmunzelt die junge Frau.

Mitten in Süßen, direkt neben dem Marktplatz, bildet die Stadtbücherei mit der Volkshochschule und den "Stadtsenioren" im Süßener Kulturhaus einen beliebten Treffpunkt. Besucht man Rebecca Luksch an ihrem Arbeitsplatz, fällt einem sofort auf, wie lebendig es in der Bibliothek zugeht, vor allem in dem gemütlichen Lesecafé, einem separaten Raum mit Sonnenterrasse. Mütter veranstalten dort ihren wöchentlichen Kaffeeklatsch, während die Kinder zum Beispiel in der nahe gelegenen Musikschule lernen. Andere machen es sich in den Sesseln bequem und lesen Tageszeitung oder blättern in einer Zeitschrift. Mehr als 20 Abonnements werden im Lesecafé von der Bücherei kostenlos zur Verfügung gestellt. Beliebt ist auch der Kaffeeautomat.

Im Eingangsbereich neben der Verbuchungstheke befinden sich die Spiele. Das Angebot reicht von klassischen Gesellschaftsspielen bis hin zu Konsolenspielen für Nintendo 3DS, Wii oder PlayStation. "Viele Menschen wissen gar nicht, dass es in einer Bibliothek mehr gibt als Bücher. Vielleicht sollten wir uns in Medien- und Informationszentrum umbenennen. Wir haben ein breites Angebot an Filmen und Blu-Ray, Hörspielen, Musik-CDs, Konsolenspielen und Zeitschriften - und das als relativ kleine Bibliothek", berichtet die junge Frau stolz. "Genau wie andere müssen wir uns an aktuellen Trends orientieren und schauen, dass wir den Anschluss nicht verpassen. Daher bieten wir auch gemeinsam mit anderen Bibliotheken in der Region die sogenannte 24/7-Online-Bibliothek an, über die man kostenlos elektronische Bücher, Hörspiele, Zeitschriften und mehr herunterladen kann." E-Books werden immer beliebter. Marktforscher rechnen bis 2017 mit einem E-Book-Anteil am Gesamtumsatz von 16 Prozent.

Die Stadtbücherei Süßen arbeitet eng mit den umliegenden Kindergärten und Schulen zusammen. Angeboten werden beispielsweise Medienboxen, die individuell nach Thema und Altersstufe zusammengestellt und ausgeliehen werden können. Geschätzt werden die altersgerechten Führungen für Schulklassen und Kindergartengruppen. "Die Kinder sollen bei den Führungen etwas lernen, aber es geht vor allem darum, dass sie Spaß dabei haben und die Bibliothek als einen Ort kennenlernen, an dem man sich gerne aufhält", erklärt Rebecca Luksch. Die Führungen sind so konzipiert, dass es für jede Altersstufe ein eigenes Konzept mit einem thematischen Schwerpunkt gibt, die aufeinander aufbauen. Bei der Piratenführung etwa werden die Zweitklässler als Mannschaft angeheuert und dürfen sich auf der bisher unerforschten Insel "Bibliothekaria" auf die Suche nach einem Schatz begeben. Beim ersten Landgang haben die Kinder die Aufgabe, Beute zu machen, und sie lernen die Vielfalt der Insel kennen. Danach gibt es noch verschiedene Aufgaben zu lösen wie das Finden von Buchstabenzetteln und das Zusammensetzen zu einem Wort, wodurch die Kinder den Standort des Schatzes herausfinden. Die Schoko-Goldtaler werden immer mit Stolz entdeckt. Die passende Musik und Verkleidung sorgen dafür, dass der Bibliotheksbesuch zu einem packenden Erlebnis wird.

"Unsere Veranstaltungen bilden einen wichtigen Teil unseres Kultur- und Bildungsauftrags. Außerdem können wir dadurch Menschen auf uns aufmerksam machen und Kontakte knüpfen", sagt die Bibliothekarin. Dazu gehören Autorenlesungen mit lokalen und deutschlandweit bekannten Schriftstellern. In den vergangenen Jahren lasen Bestsellerautoren wie Jörg Maurer oder Petra Durst-Benning in Süßen. Darüber hinaus gibt es Bibliothekserlebnisnächte, Vorlese- und Bastelstunden, Spielenachmittage oder Sommerleseclub-Aktionen. "Das liebe ich vor allem an meiner Arbeit. Sie ist so unglaublich vielfältig, und man kann seiner Kreativität freien Lauf lassen. Dieses Jahr habe ich zum Beispiel Lust auf eine Kriminacht, nächstes Jahr auf Papierschöpfen mit Kindern. Natürlich ist das auch immer eine Frage des Geldes", erklärt die junge Führungskraft.

Als Leiterin der Bibliothek trägt sie die Verantwortung für das Budget, das von der Stadt zur Verfügung gestellt wird. Jedes Jahr muss sie Gelder beantragen, die im Gemeinderat diskutiert und verhandelt werden, um dann im Haushaltsplan der Stadt festgeschrieben zu werden. "Eigentlich unterscheidet sich eine Bibliothek gar nicht so sehr von einem normalen Unternehmen. Ich muss mich darum kümmern, dass genügend Geld da ist, es sinnvoll und zielgerichtet einsetzen, mich um meine Mitarbeiter kümmern und für ein angenehmes Arbeitsklima sorgen. Es geht darum, Kunden zu gewinnen und zufriedenzustellen, ebenso wie Stakeholder, die erwarten, dass das Geschäft gut läuft. Das ist die Herausforderung, die gleichzeitig motiviert und Spaß macht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Junge Chefin mit vielen Ideen
Autor
Corinna Luksch
Schule
Justus-von-Liebig-Schule , Göppingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2015, Nr. 33, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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