Raketenabstürze und blinde Mechaniker

Achtung bitte, in fünf Minuten sind wir im Fernsehen!", ruft der Sendeleiter im Studio 7 der Pro Sieben Sat 1 Media AG in Unterföhring bei München. Zehn Menschen eilen geschäftig durch die Halle und bereiten alles für die Liveausstrahlung vor. Kameraposition, Toneinstellung und Licht werden festgelegt, damit die Sendung um 19.05 Uhr reibungslos abläuft. Was man im Fernsehen nicht sieht, ist der Bereich hinter den Kameras, mit Tischen und Schaltpulten für das Licht. An der Decke sind Hunderte von Scheinwerfern, die auf Knopfdruck eine komplett neue Lichtkulisse erzeugen. Moderator Stefan Gödde probt vor der Kamera seinen Text. Währenddessen wird der 39-Jährige von seiner Stylistin gepudert, damit seine Haut im hellen Studiolicht nicht glänzt. Auf einem Bildschirm ist das Intro der Sendung zu sehen. Nach einem Einstieg zum aktuellen Thema, dem Absturz der Raumsonde "Cygnis", begrüßt Gödde die Zuschauer: "Und damit herzlich willkommen bei ,Galileo'."

Bei der Moderation wechselt er sich mit Aiman Abdallah und Funda Vanroy ab, die seit 2012 als erste weibliche Moderatorin dabei ist. Davor hat sie schon vier Jahre als Reporterin für "Galileo" gearbeitet. Es gibt fast keine außergewöhnliche Wasserrutsche, die sie noch nicht getestet hat. Auch am Projekt "Don't stop gaming" hat sie teilgenommen, bei dem es darum ging, wer am längsten nahezu ununterbrochen am Computer spielen kann. "Ich glaube, ich kann mit gutem Gewissen sagen, ich habe den besten Job der Welt. Ich erlebe so viele Geschichten und komme an Orte, die man sonst niemals erreichen würde", sagt die 37-Jährige, der man ihr Alter keineswegs ansieht.

Der erste Beitrag läuft. Der Wissenscountdown, ein kurzer Film, bei dem in der Ecke des Bildes ein Countdown angezeigt wird, der die verbleibende Zeit herunterzählt. Dieses Mal beantwortet er Fragen zum Absturz einer Rakete am Vorabend. "Dadurch versuchen wir auch immer aktuelle Themen zu behandeln, die man vielleicht zwar den ganzen Tag schon hört, aber noch nicht aus diesem Blickwinkel betrachtet hat. Manchmal bringen wir auch Themen, denen die Hauptnachrichten sonst keine große Beachtung schenken", erklärt Rosi Bundz. Mit ihrer Praktikantin Harriet Hanekamp ist die Redakteurin mit der extravaganten Steckfrisur für den heutigen Wissenscountdown zuständig. Für den 110-Sekunden-Beitrag waren sie mit Recherche, Schnitt und Vertonung einen ganzen Tag lang beschäftigt. "Wir werden meistens nie vor fünf Uhr fertig, es gab auch schon Tage, da haben wir den Beitrag erst um halb sieben ins Studio geschickt", sagt sie, als sie ihr Mittagessen während des Schnitts hinunterschlingt.

Bevor ein Beitrag in der Sendung erscheint, muss er erst von den CvDs abgenommen werden. "CvD bedeutet Chef vom Dienst. Je zwei von ihnen planen jede Sendewoche die Sendung am Abend", erklärt Sonja Braun und streicht sich ihre roten, langen Haare aus dem Gesicht. Die junge Frau ist keine der 13 CvDs und rund 22 Redakteure der "Galileo"-Redaktion, sondern Redaktionsassistentin und hauptsächlich für Organisatorisches zuständig. "Ich mache aber auch etwas für die Sendung. Ich setze zum Beispiel die Bauchbinden, das ist der Text, der bei einem Interview ins Bild fährt und den Namen des Gesprächspartners zeigt. Ich darf auch manchmal die deutsche Übersetzung in einem Beitrag sprechen. Ich spreche meistens Kinder", sagt sie und lacht.

Wie die Sendung ihren Namen erhielt, weiß sie leider nicht. Funda Vanroy hingegen hat auf einer Hochzeit durch einen ehemaligen Mitarbeiter vom Mythos zur Entstehung des Namens erfahren: "Damals, als die Sendung gegründet wurde, sollte sie anders heißen. Irgendwas aus dem Weltall. Dann kam der Chef und sagte: Ich hatte einen Traum. Die Sendung heißt ,Galileo'." Den anderen habe der Name gar nicht gefallen. "Aber weil es der Chef war, heißen wir nun 16 Jahre später immer noch so." Im Studio wird die nächste Szene vorbereitet. Was im Fernsehen als neue Szenerie erscheint, ist im Studio mit einem Umschwenken der Kamera getan. Das Studio besteht aus einer Schleife, die auf der Vorderseite einen Tisch bildet und hinten in den Hintergrundbildschirm übergeht, auf dem meist das Logo, ein blauer Kreis mit dem oval eingefassten Schriftzug "Galileo", zu sehen ist. Moderator Gödde sagt den nächsten Beitrag an. Es geht um ein Scheindorf aus dem Zweiten Weltkrieg. Am Ende der Anmoderation verspricht er sich. Ein kleiner Fauxpas, der Gelächter hervorruft, nachdem die Kamera aus ist. Für Funda Vanroy müssen einige Dinge zusammenkommen, damit sie gerne vor der Kamera steht: "Es fängt damit an, dass ich in der Maske ankomme und von allen herzlich begrüßt werde. Wenn ich dann den ersten Schritt ins Studio mache, muss die Atmosphäre stimmen. Ich rufe dann immer sehr laut hallo, und die Crew schreit genauso laut zurück. Dann merke ich, dass es genau so richtig ist."

Für den nächsten Beitrag wird im Studio ein Tisch mit einer Karaffe Wasser und einem Glas aufgebaut. Stefan Gödde bekommt die Augen verbunden. Er probt nun, das Wasser blind in das Glas zu kippen. Es wird dabei festgelegt, dass er es gleich bei der Aufnahme absichtlich verschüttet. Das alles dient zur Einstimmung auf die erstaunliche Geschichte eines blinden Kfz-Mechanikers im nächsten Beitrag. "Als Reporter für ,Galileo' musst du super flexibel sein. Man berichtet heute über eine unglaublich traurige, morgen über eine glückliche Geschichte und übermorgen über einen faszinierenden Lebensweg. Es gibt so viele verschiedene Dinge zu erleben, und es wird einem nie langweilig", sagt Funda Vanroy. Die Zeit, die für jeden Beitrag vor Ort aufgewendet wird, ist immer unterschiedlich. "Wir haben manchmal nur ein oder zwei Tage für einen Beitrag, an denen wir das dann durchrocken, aber wir waren auch schon mal zwei Wochen für einen Beitrag weltweit unterwegs." Aus den vielen Reportagen, die sie bereits für "Galileo" gedreht hat, sind der schlanken braunhaarigen Moderatorin drei besonders im Gedächtnis geblieben: "Das Aufregendste: Wasserrutschen. Das Verrückteste: 108 Stunden wach bleiben. Das Coolste: 36 Stunden zocken."

In dieser Sendung sind keine Beiträge mit ihr zu sehen, stattdessen handeln die letzten zwei Beiträge von Vitaminbomben und dem Superschurken Dschingis Khan. Nachdem der letzte Beitrag gelaufen ist, verabschiedet sich Stefan Gödde in die Kamera: "Ihnen und euch noch einen schönen Abend." Die Lichter der Scheinwerfer gehen aus, und auf dem Hintergrundbildschirm ist nur noch allein das Logo zu sehen. Als Letztes erlischt auch das.

Informationen zum Beitrag

Titel
Raketenabstürze und blinde Mechaniker
Autor
Marius Eckert
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2015, Nr. 33, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180