100 Fotos in drei Minuten

Es ist ein eiskalter und belebter Tag am Augsburger Königsplatz. Am neu gestalteten Verkehrsknotenpunkt, dessen imposantes Dach schon von weitem sichtbar ist, treffen sich alle fünf Straßenbahnlinien der Stadt. Mitten unter den Passanten ist Annette Liebmann, Journalistin der "Stadtzeitung" Augsburg, mit ihrer Kamera unterwegs auf der Suche nach Plakaten der CSU, von denen Fotos gemacht werden sollen. Die 46-Jährige hat sich warm eingepackt, trägt Anorak, Winterstiefel und fingerlose Handschuhe, um besser fotografieren zu können.

Die Fotos dienen als Anschauungsmaterial für ihren Artikel, der die Problematik behandelt, dass die CSU ihre Plakate farblich dem Augsburger Stadtlogo angepasst hat, was andere Parteien anprangerten. Während sie sich eine Zigarette anzündet, läuft sie in Richtung der ersten Plakate und schießt auf einen Knopfdruck an die 30 Bilder. Innerhalb von drei Minuten macht sie 100 Fotos, von denen später im Büro nur zwei den Artikel bebildern. "Trotzdem ist es immer wichtig, so viele Fotos wie möglich zu machen, um später die besten auswählen zu können", sagt die Journalistin, die seit sieben Jahren bei der "Stadtzeitung" arbeitet.

Nach ihrem Studium der Diplompädagogik hat sie ein Zeitungsvolontariat absolviert. Seit zwölf Jahren arbeitet sie nun als Redakteurin. Zurück im Büro, begibt sie sich sofort an ihren Arbeitstisch, der mit allerlei Textmarkern, Kugelschreibern und Ausdrucken von Artikeln bedeckt ist, denn Annette Liebmann arbeitet immer noch "am liebsten mit Papier und Textmarker". Am Computer sortiert sie die Fotos aus, die zu dunkel oder zu hell geraten sind. Danach kopiert sie einige ihrer älteren Artikel zu diesem Thema in ein Layoutprogramm und markiert wichtige Stellen. "Bevor ich schreibe, schaue ich immer, dass ich umfassend informiert bin", betont die Frau mit den hellbraunen Haaren. Mit hoher Geschwindigkeit löscht Annette Liebmann große Teile des Eingefügten heraus und passt die übrigen Teile an den Rest an.

Der entstehende Artikel soll später in den Augsburg-Teil der "Aichacher Zeitung" kommen. Aichach ist die 20 Kilometer von Augsburg entfernte Kreisstadt des Landkreises Aichach-Friedberg in Bayern. Die "Aichacher Zeitung" enthält täglich eine Lokalseite über Augsburg, die von der Stadtzeitung produziert wird. Die kostenlose "Stadtzeitung", die sich ausschließlich über Werbung finanziert, erscheint dagegen nur einmal wöchentlich im Wirtschaftsraum Augsburg sowie im Landkreis Aichach-Friedberg mit einer Auflage von knapp 300 000. Sie ist in mehrere regionale Bereiche wie Neusäß, Gersthofen oder Königsbrunn aufgeteilt, die zusätzlich zu Augsburg auch den Landkreis mit Neuigkeiten versorgen. Die Augsburg-Seite der "Aichacher Zeitung" beinhaltet einige Artikel wie diesen, der regionales Interesse erregt und auch für Aichacher interessant sein kann.

Während im Büro von Annette Liebmann vier Kollegen mit weniger zeitlichem Druck im Nebenzimmer ausschließlich Texte für die "Stadtzeitung" bearbeiten, die bis Montag fertig sein müssen, arbeiten sie und ihr Kollege Markus Höck mit flotterem Tempo. Sie müssen täglich die gesamte Augsburg-Seite der "Aichacher Zeitung" druckfertig erstellen.

Bei der weiteren Arbeit am Artikel verändert sich auch die Atmosphäre im Büro. Während sich Annette Liebmann anfangs noch gelegentlich mit ihrem Kollegen Marcus Höck, der mit ihr für die "Aichacher Zeitung" zuständig ist, unterhalten hat, macht sich nun Stille breit. Einzig und allein das Tippen und gedämpfte Stimmen aus den umliegenden Büroräumen dringen durch. Nach einer Stunde ist Annette Liebmann mit dem Artikel fertig.

Kurz nach der Mittagspause kommt per E-Mail eine Eilmeldung herein: ein Brand in einem landwirtschaftlichen Anwesen in Langweid, einem kleinen Ort nördlich von Augsburg. Die beiden Redakteure überlegen kurz, ob ein Einsatz vor Ort sinnvoll wäre, entscheiden sich aber dagegen, denn der Ort ist zu weit entfernt, um auch Leser in Aichach zu interessieren. Als Annette Liebmann ihr E-Mail-Programm öffnet, um außer dem Brand nach anderen Neuigkeiten zu suchen, tauchen zehn neue E-Mails auf, von denen sie die Hälfte sofort löscht. "Man ist mit der Zeit in vielen Mailverteilen und empfängt meist über einhundert E-Mails pro Tag. Um eine Überlastung zu vermeiden, ist man viel mit Löschen unwichtiger Mails beschäftigt."

Dann geht noch ein Anruf ein, der Aufmerksamkeit erfordert. Ein Herr möchte seine Präsentation "Auge in Auge mit Afrika" zu Werbezwecken auf der Augsburg-Seite ankündigen. Höck versucht, "es noch als kleine Meldung unterzubringen", da der Mann hartnäckig einen Platz auf der Seite verlangt. Höck studiert noch einmal nachdenklich das Layout. "Er hat eigentlich kein Anrecht auf einen festen Artikel auf der Seite ohne Voranmeldung und Bezahlung, da es ja als Werbezweck dient", erklärt er. Nach dem Telefonat dreht Annette Liebmann sich zu ihm um und lächelt ironisch: "Nicht alle verstehen, wie es bei einer Tageszeitung zugeht."

Informationen zum Beitrag

Titel
100 Fotos in drei Minuten
Autor
Leon Petermann
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2015, Nr. 33, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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