Meck Meck und Pip Pip

Humor ist der Knopf, der maßgeblich verhindert, dass dir der Kragen platzt", sagt Bernd Dombrowski, der sich seit 40 Jahren im münsterschen Karneval engagiert. Der Gründungspräsident des Jokus-Fördervereins setzt sich seit 20 Jahren für den karnevalistischen Nachwuchs ein. "Die Vereine, die sich im münsterschen Karneval um hervorragende Jugend kümmern, bekommen von uns den Förderpreis verliehen", erklärt er. Der Förderpreis beträgt immer 1111,11 Euro.

In Münster gibt es 36 Karnevalsgesellschaften, aufgeteilt auf zehn Stadtteile. Das Besondere an den Gesellschaften ist, dass jede eine andere Eigenart besitzt. In Wolbeck wird zum Beispiel nicht "Helau", sondern "Meck Meck" gerufen und bei den Witten Müsen "Pip Pip". Dombrowski, der selbst Präsident der Amelsbürener Karnevalsgesellschaft ist, sagt: "In Münster gibt es keine Karnevalsprinzessin, und so habe ich mir eine nette Begleitung für den Prinzen ausgedacht, die Lady Karneval." Inzwischen wurde die Lady Karneval schon zum 30. Mal gekürt.

Kritische Geister meinen, im Westfalenland könne man wegen einer gewissen Schwerfälligkeit nicht so gut wie im leichtlebigen Rheinland Karneval feiern. Das sieht Dombrowski natürlich anders. Aber die Jugend müsse doch für den Karneval gewonnen werden. "Nachdem wir die ersten Preise verliehen hatten und es sich langsam rumsprach, wollten plötzlich alle Vereine unseren Preis", erklärt der ehemalige Getränkegroßhändler, "so haben sich immer mehr Vereine für die Jugend eingesetzt und sie gefördert."

Der Jokus-Förderverein verteilt im Kindergarten Süßigkeiten. "Da wir im Kindergarten Orden nicht für angemessen hielten, entwickelten wir einen Kinderliederreigen, also ein kleines Liederbuch für die Kinder." Er hält ein Exemplar hoch. Ansonsten werden natürlich Orden verliehen. "Der Coerder Carnevals Club hat auf seinen Orden die Originale aus Münster", erzählt der begeisterte Sammler. "Das sind einmal der Kiepenkerl, Professor Landois, der Tolle Bomberg, der Türmer, der Schutzmann Felix Marie und die Appeltiewe." In seinem Keller, der einem kleinen Karnevalsmuseum gleicht, zeigt Dombrowski auf die Orden. "Irgendwann waren keine Originale mehr übrig, und der Verein benutzt nun für seinen aktuellen Orden Fiffi Gerritzen, den Mittelstürmer des FC Preußen Münster. Dabei wurden aber die Originale der Leierkastenmann und der Briefträger vergessen." Er blickt durch seine Brille mit den auffällig gelben Bügeln und sagt verschmitzt: "Ich habe den Verein dann darauf aufmerksam gemacht."

Die vielen Orden zieren von oben bis unten die Wände. Da ist kaum noch Platz für weitere. In einer beleuchteten Glasvitrine lagern Narrenkappen, jede wird einzeln angestrahlt. "Diese hier war zum Beispiel meine erste, die ich im Elferrat getragen habe", sagt er stolz. "Sie ist somit mein Beginn einer langen Karnevalsmitgliedschaft." Dombrowski wendet sich einem Foto zu, das den pinkfarbenen Cadillac von Elvis Presley zeigt, der aus 45 000 Rosen besteht. "Das war das erste Motiv unseres Umzugswagens in Münster vom Jokus-Förderverein. Wir hatten viele schöne Motive, unter anderem sogar einen originalen Stadtbus aus Paris von 1908." Er berichtet weiter: "Einmal hatten wir sogar den Pharao Tutanchamun als Motto. Den Kopf konnte man aufklappen, und innen drin stand ich, der Präsident, und ein Reporter von Antenne Münster. Ich habe während des Umzugs ein Interview gegeben." In schönen Erinnerungen schwelgend, verlässt er sein kleines Museum. "Seit 1983 hat sich der Karneval sehr verändert", bedauert er. "Es gibt immer mehr Vorschriften, und es wird immer teurer. Die Karnevalisten müssen zunehmend in die eigene Tasche greifen." Jeder Wagen, der am Umzug teilnimmt, müsse eine TÜV-Plakette vorweisen, die um die 250 Euro koste. Hinzu komme, dass die Zugmaschine und der Prunkwagen verkleidet 20 Zentimeter über der Straße sein müssen, damit Kinder, die Süßigkeiten sammeln, nicht daruntergeraten können. Auch muss jeder Wagen, der eine Musikanlage besitzt, eine Gebühr an die Gema zahlen. Wer über 80 Dezibel an Lautstärke kommt, fliegt raus und darf nicht weiterfahren. "In Münster gibt es auch noch das Verbot von Alkohol", sagt Dombrowski, "damit ist Münster die einzige Gesellschaft, die den Alkoholkonsum auf dem Wagen verbietet." Die Karnevalisten, die häufig schon morgens angetrunken sind und auf dem Wagen dann noch weiter trinken, seien kein gutes Vorbild für die Jugendlichen. "Die Schweinerei dabei ist, dass viele bei Kälte und Regen den Wagen bauen und sich wirklich Mühe geben und sich dann nicht mal ein Bier genehmigen dürfen", schimpft er. "Der Wagen, der mit Alkohol erwischt wird, wird gestoppt und ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Umzug verbannt. Zudem, würden wir niemals Alkohol vom Wagen runterreichen oder gar damit werfen. Wir unterstützen das Motto ,Voll ist out'."

All diese Vorschriften, Verbote und die hohen Kosten machen seiner Ansicht nach den Karneval zunehmend kaputt und nehmen ihm ein Stück der ausgelassenen Stimmung. Aber es gebe ja noch den Knopf, der maßgeblich verhindere, dass der Kragen platze. Den sollte man nie vergessen zu drücken.

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Meck Meck und Pip Pip
Autor
Jana Nicolaus
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2015, Nr. 39, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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