"Dat wie so sünd"

Mit dem eigenen Kind spreche ich weniger plattdeutsch." "Ja, leider", stimmt die 49-jährige Beate Geers, Leiterin des Kindergartens St. Ludger, ihrer 53-jährigen Kollegin Marlene Hinrichs zu. Dieses Phänomen ist typisch, wenn es um das Aussterben einer Sprache geht. Im kleinen Dorf Neuscharrel, das im nördlichen Oldenburger Münsterland liegt, bemüht man sich, die plattdeutsche Sprache zu bewahren. "Eben weil Plattdeutsch eine anerkannte Sprache ist, ist es wichtig, dass diese nicht verlorengeht", sagt Geers.

Niederdeutsch wird in den nördlichen Regionen Deutschlands gesprochen. Vor gar nicht langer Zeit bestimmte das Niederdeutsche die sprachliche Kommunikation. "Ich konnte kein Hochdeutsch, als ich zum Kindergarten gekommen bin", sagt die gebürtige Neuscharrelerin, und ihre blondhaarige Mitarbeiterin fügt hinzu: "Mit uns hat niemand Hochdeutsch gesprochen." Marlene Hinrichs lebt im 15 Kilometer entfernten Breddenberg, daher kann es vorkommen, dass einige plattdeutsche Worte von ihr anders ausgesprochen werden. Unter anderem haben die Schulen dazu beigetragen, diese alteingesessene Sprache vergessen zu lassen, denn dort gibt es nur die hochdeutsche Sprache. "Damals lernte ich Hochdeutsch für die Schule erst im Kindergarten", bestätigt Marlene Hinrichs.

Heutzutage stehen die beiden Erzieherinnen vor einer ganz anderen Aufgabe. "Erst mal mussten wir überhaupt passendes Material für die Kinder finden. Es gibt momentan nur wenige plattdeutsche Bücher für Kinder." Dabei versprachen sie sich auch Hilfe von einigen Großeltern. "Diese haben wir gefragt, ob jemand bereit ist, mit den Kindern Platt zu sprechen. Dazu erklärten sich dann Hedwig Ewen und Agnes Fuhler bereit." Hedwig Ewen hat selbst ein Enkelkind, das den Kindergarten besuchte. Außerdem sind Agnes Fuhler und sie gut befreundet, da beide in Neuscharrel wohnen.

Mit Freude berichten die Erzieher: "Die Kinder hatten großen Spaß. Hedwig und Agnes haben plattdeutsche Geschichten vorgelesen, mit ihnen plattdeutsche Spiele gespielt und Lieder auf Plattdeutsch gesungen." Das Projekt trug schnell erste Früchte. Beate, die zwei Töchter hat, erzählt: "Vor allem das Lied ,Dat wie Neischarreler sünd' haben viele gesungen." Marlene schmunzelt: "Wenn die Kinder dann gespielt haben, zählten sie plötzlich auf Plattdeutsch."

Aber auch die Eltern waren begeistert, unter anderem diejenigen, die selber kein Plattdeutsch beherrschen. Die Kinder sprachen sogar einige Sätze auf Platt, sangen ihnen auch manchmal etwas vor oder trugen am Nikolaustag ein einstudiertes Gedicht vor.

Insgesamt haben 15 Kinder mehr als vier Jahre lang an dem Projekt teilgenommen. Mit einem traurigen Gesichtsausdruck äußert Beate jedoch: "Aus privaten Gründen konnten die zwei ehrenamtlichen Großeltern das Projekt nicht weiterführen." Beide Erzieherinnen wünschen sich für die Zukunft, dass das Projekt wieder neu starten kann, vielleicht auch mit anderen Freiwilligen.

Es gibt aber Hoffnungen für die Zukunft der plattdeutschen Sprache. Schulen und Kindergärten werden bereits staatlich gefördert, wenn sie sich um den Erhalt der plattdeutschen Sprache bemühen. Auch Beate ist optimistisch: "Ich glaube nicht, dass die Sprache ausstirbt, wenn diese so weitergegeben wird. Es gibt auch noch einige Eltern, die mit ihren Kindern plattdeutsch sprechen." Oftmals verstehen diese Kinder jedoch die Sprache nur, sprechen sie selbst aber nicht. Marlene Hinrichs wünscht sich den Erhalt der plattdeutschen Sprache und will sich weiter dafür einsetzen: "Wat ik vör de plattdütsche Sproke moken kann, dat will ik daun."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
"Dat wie so sünd"
Autor
Michael Engbers
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2015, Nr. 39, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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