Wir können uns nicht ewig hassen

Drei deutsche Schüler sprechen in Paris mit Verfolgten des Nationalsozialismus. Ein Gespräch über Widerstand und Versöhnung. Wir sprechen zu euch nicht als Feinde, denn man darf euch nicht für die Fehler der Generation eurer Großeltern verantwortlich machen." Liliane und Daniel Franck nicken zustimmend. "Eure Großeltern können euch nicht die Geschichte vermitteln, wie wir es können. Sie haben anderes erlebt." Rachel Cheigam schaut die drei Jugendlichen, die, mit Diktiergerät, Papier und Stiften ausgerüstet, an ihrem Wohnzimmertisch sitzen, ernst an. "Habt ihr eure Großeltern jemals gefragt, welche Verantwortung sie an den Verbrechen der Nazi-Diktatur tragen?" Es herrscht nachdenkliche Stille. Durch eines der geöffneten hohen Fenster lässt sich das Hupen eines vorbeifahrenden Autos vernehmen, ansonsten ist es ruhig in der Pariser Avenue. Die drei 17- bis 18-jährigen Gymnasiasten aus Ganderkesee blicken in die Runde. Ja, sie hätten sich mit der Rolle ihrer Großeltern auseinandergesetzt. Deswegen seien sie ja heute auch gekommen. Niklas Beier, Julian Sieling und Philipp Glahé haben ihre Facharbeit über die Rolle der Deutschen in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Dazu wollten die Schüler auch mit denen sprechen, die am eigenen Leib erfahren haben, was es bedeutet, zum Spielball nationalsozialistischer Interessen zu werden. Die Adressen der Zeitzeugen haben sie von ihrer Geschichtslehrerin bekommen und nach einem intensiven Briefwechsel und vielen Telefonaten das Treffen in Paris organisiert. Das Kinn auf seine großen, mit Altersflecken bedeckten Hände gestützt, pflichtet der 84 Jahre alte Daniel Franck seiner Vorrednerin bei: "Es ist wichtig, miteinander zu reden, wenn man verhindern möchte, dass sich die Geschichte wiederholt." - "Ach Daniel, nimm doch die Hände vom Mund! Die drei Messieurs können doch kein Wort verstehen." Rachel, mit 93 Jahren die Älteste im Raum, tadelt ihren ehemaligen Mitstreiter im jüdischen Widerstand mütterlich. Die kleine Gesprächsrunde lacht herzlich. Die Atmosphäre ist entspannt. Auch der Umgang der beiden Widerstandskämpfer Rachel und Daniel und dessen Frau Liliane mit den drei Jugendlichen ist weitaus lockerer, als man hätte denken können, wenn drei jüdische Zeitzeugen drei Nachfahren der deutschen Tätergeneration gegenübersitzen. "Wir waren uns wirklich unsicher darüber, was uns bei dem Gespräch erwarten würde", geben die Jugendlichen zu. "Nie zuvor haben wir mit Opfern des Nationalsozialismus gesprochen, uns fehlt hier jegliche Erfahrung. Sicherlich, wir wurden von unserer Geschichtslehrerin vorbereitet, in der Theorie ist doch manches anders als in der Praxis." Gefürchtet haben sich die drei vor allem davor, in ein Fettnäpfchen zu treten oder zu unsensibel zu sein, das Gespräch sollte immerhin in Französisch geführt werden.

Flink kratzen die Minen der Kugelschreiber über das Papier, als Daniel erzählt, warum er sich dazu entschlossen hatte, der Résistance beizutreten. "Ich war 16 Jahre alt, als ich begriff, dass die Deutschen gekommen waren, um mich zu verhaften." Die Wehrmacht hatte Nordfrankreich längst besetzt, als Daniel im Sommer 1942 von einem Bekannten gewarnt wurde. Er hatte gesehen, dass deutsche Soldaten gekommen waren und ihn suchten. Viel Zeit blieb ihm nicht. Er war Jude, obwohl er seinen Glauben nie ausgeübt hatte. Daniels Eltern starben früh, sodass er als Waisenkind bei einer christlichen Familie nahe Paris aufwuchs. Zusammen mit einem Freund entschied er sich zur Flucht. Diese Entscheidung führte ihn letztendlich zur Résistance. Wochenlang irrten die beiden jüdischen Männer durch Frankreich und schlugen sich schließlich bis zur Grenze nach Südfrankreich, der sogenannten "Zone Libre", durch. Im Gegensatz zum Norden war der südliche Teil Frankreichs nicht von den Deutschen besetzt. Hier herrschte das vom Deutschen Reich abhängige "Vichy-Régime", das vielen als Überbleibsel der unabhängigen französischen Republik erschien. Über Freunde in Vichy knüpfte Daniel erste Kontakte zu einer Schleuser- und Schmugglerbande, die zum Ausgangspunkt für seinen politischen Widerstand wurde. "Ihr jungen Leute habt doch sicher Hunger, oder?" Rachel lächelt freundlich und schlägt eine Pause mit Kaffee und Kuchen vor. Während Rachel und Liliane in der Küche verschwinden und Daniel mit den Gästen den Tisch deckt, bleibt Zeit, den Blick durch das gemütliche Wohnzimmer Rachels schweifen zu lassen.

Hier scheint die Zeit in den sechziger Jahren stehengeblieben zu sein. Es gibt einen großen antiken Bücherschrank und viele Familienbilder: Männer mit weißen Rauschebärten auf alten Fotografien finden sich ebenso wie farbige Bilder kleiner Kinder in kunstvollen Rahmen. Auch mischen sich einige Zeitungsartikel unter die Fotografien. Mit zitterigen Händen schenkt Daniel Kakao ein. Derweil belädt Rachel die Teller mit Kuchen. Es entspinnt sich ein Gespräch, das ausnahmsweise nichts mit den Greueln des Zweiten Weltkriegs, sondern mit alltäglichen Problemen zu tun hat. Als das Papier abermals den Tisch bedeckt, geht es um das bewegte Leben Rachels. Ebenfalls Jüdin, wurde sie 1917 in St. Petersburg als Tochter eines russischen Juweliers geboren. Aufgrund der zunehmenden Repressalien ihrer bürgerlichen Familie gegenüber floh diese vor den Bolschewiken nach Litauen. Nach einigen Jahren in Berlin ließen sich Rachels Eltern 1924 in Paris nieder. Selbstbewusst wie sie war, brach Rachel gegen den Willen ihrer Familie ihre Schulausbildung ab, um Sportreporterin zu werden. Das politische Engagement der Französin begann mit einem Einkauf auf dem Wochenmarkt. Als Jüdin erkennbar durch den Judenstern auf ihrer Kleidung wurde sie von einer Mitarbeiterin des Krankenhauses in ihrem Viertel gewarnt: Die Deutschen würden bereits kranke Juden abtransportieren. Unverzüglich machte sich Rachel auf den Heimweg und brachte ihre Eltern mit ihren Geschwistern aus Paris heraus und in Sicherheit. Sie selbst wollte Paris jedoch nie verlassen. "Ich wusste, dass die Deutschen den Krieg verlieren würden. Ich wollte den Tag in Paris erleben, an dem es so weit sein würde." Bald schloss sich die 23-jährige Journalistin einer militärisch-politischen Gruppierung des jüdischen Widerstands an, die darauf fokussiert war, Juden vor der Verhaftung und Deportation zu retten. Sitzt man heute neben der alten Dame, so kann man kaum glauben, wie diese freundlich lächelnde zierliche Frau, die mit ihrem weißen Haar und ihrer altmodischen Brille dem Idealbild einer Wunschoma entspricht, vor 66 Jahren an Sabotageakten gegen die deutsche Wehrmacht beteiligt war. Der Gedanke scheint absurd, dass diese Französin, wie auch ihr jüngerer Freund Daniel, die drei deutschen Jugendlichen 1944 mit Waffengewalt bekämpft hätte. Noch vor einigen Jahren wäre für Rachel ein Gespräch wie das heutige kaum denkbar gewesen. Doch inzwischen hat sich viel verändert. Deutsche Jugendliche und Historikerinnen suchen sie mittlerweile auf, um das Unrecht aufzuarbeiten, das von ihrem Volk angerichtet wurde. Die Stimmung beim Abschied ist emotional. Als die tiefbewegten Jugendlichen Rachel die Hand reichen wollen, nimmt diese sie in den Arm und bedenkt sie mit zwei Wangenküssen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wir können uns nicht ewig hassen
Autor
Philipp Glahé, Gymnasium, Ganderkesee
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2011, Nr. 3 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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