Vor dem Verbrennen enthauptet

Daumenschrauben, Teufelsbuhlschaften und gefolterte Kinder: Stadtführungen erinnern an die Spuren der Hexenverfolgung im mittelalterlichen Augsburg. Eine Reise in finstere Zeiten.

Eine kleine Gruppe von Männern und Frauen unterschiedlichen Alters trifft sich vor dem Augsburger Rathaus. Unter ihnen ist Petra Zillner mit schwarzem Mantel, roter Hose und einem Stirnband, unter dem die kurzen, graumelierten Haare hervorschauen. Im Gegensatz zu den anderen trägt sie Wanderschuhe, die ihr das Laufen auf den gepflasterten Gassen der Altstadt erleichtern, und einen Rucksack, aus dem sie Karteikarten und eine Sammelmappe hervorholt.

Die schlanke 50-Jährige ist die Stadtführerin der Gruppe, die sich unter dem Motto "Hexen in der freien Reichsstadt - Das Zaubereydelikt ist zu verfolgen" auf eine zweistündige Führung durch das mittelalterliche Augsburg begibt. Ihr folgen alle die Stufen hinter dem Rathaus hinunter zum Elias-Holl-Platz. Mit lauter, selbstbewusster Stimme erzählt Petra Zillner, dass sich hier das Eisenhaus, das frühere Gefängnis, befand. Ob allerdings bei den Verhören der als Hexen beschuldigten Frauen wirklich die Wahrheit herauskam, ist fragwürdig, denn sie wurden gefoltert, bis sie gestanden, Hexen zu sein, um den Schmerzen ein Ende zu bereiten. Die Teilnehmer, die vorher noch Tuscheleien austauschten, verstummen, als ihre Stadtführerin ihnen unbeschönigt die Foltermethoden erklärt, von den Daumenschrauben bis hin zu Brustreißern. Unter diesen Qualen gaben die Frauen drei Dinge zu: die Teufelsbuhlschaft oder in anderen Worten den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, den Teufelspakt, einen schriftlichen Vertrag mit dem Teufel, und die Teilnahme am Hexentanz, die im Ausfliegen auf Mistgabeln, Besen, Ofengabeln oder sonstigen Gegenständen bestanden haben sollte.

Petra Zillner hat schon die unterschiedlichsten Gruppen zum Thema "Hexen" durch Augsburg geführt. Heute begleitet sie Mitarbeiter einer Bedachungsfirma aus Meitingen im Landkreis. Die ernste Stimmung wird locker, als die Gruppe erfährt, wer von ihnen damals als Hexe betrachtet worden wäre. Obwohl niemand rothaarig ist, hätte eine von ihnen, eine braunhaarige Frau um die 40 Jahre, dennoch aufgrund ihres Muttermals auf der Stirn im Mittelalter Schwierigkeiten bekommen. Dies galt nämlich als Teufelsmal, und je näher es sich an der Scham befand, desto größer war die Gefahr, als Hexe verurteilt zu werden.

Auf dem Weg zum Haus einer "Hexe" in der Altstadt geht Petra Zillner wieder voraus. Die ehemalige Beamtin bei der Deutschen Bahn hat ihren Beruf nach der Geburt ihrer beiden Söhne aufgegeben. Vier Monate lang hat sie eine Ausbildung zum offiziellen Fremdenführer gemacht und mit einer Prüfung abgeschlossen. Voraussetzungen dafür sind das gute Beherrschen einer Fremdsprache, bei Frau Zillner ist dies Französisch, Interesse an Geschichte und keine Angst, vor einer Gruppe zu sprechen.

Angekommen an der nächsten Station der Zeitreise, dem früheren Haus einer Hebamme, berichtet Petra Zillner vom Schicksal der Hannah Eberle. Diese wurde engagiert, das Kind der Frau eines Arztes auf die Welt zu bringen. Die Frau wurde allerdings schwer krank und starb kurze Zeit später. Ihr Mann beschuldigte die Hebamme, sie habe seine Frau durch eine Suppe vergiftet, und zeigte sie an. Dieser Fall zog die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich, so kamen weitere Anschuldigungen hinzu. Es meldeten sich die Familien, deren Kinder gestorben waren, nachdem sie von der Hebamme zur Welt gebracht wurden. Frau Eberle wurde gefoltert und gestand daraufhin, sie sei eine Hexe. Zillner zeigt die Kopie des Gerichtsurteils der Hebamme. Diese wurde "begnadigt", das heißt, sie wurde vor dem öffentlichen Verbrennen enthauptet.

Während der ganzen Führung blickt die Stadtführerin kein einziges Mal auf ihre Karteikärtchen. Das ist das Resultat intensiven Übens. Nachdem die Führungen erstellt worden sind, was bis zu einem halben Jahr dauern kann, probt Petra Zillner den Text. Bei einer Probeführung erfährt sie, ob die Geschichten gut ankommen oder die Zuhörer langweilen und ob die Wegstrecke, die sie sich vorab überlegte, passt. Danach wird die Führung noch einmal angepasst.

Aus 50 Personen bestand die größte Gruppe, die Petra Zillner geführt hat. Es sei schwer gewesen, alle mitzureißen. Lächelnd erinnert sie sich hingegen an eine Führung über Detektive mit Kindern, in der sie so getan hat, als käme sie aus dem Mittelalter und kenne keine Straßenbahnen, Handys und andere moderne Dinge. Sie hatte dies so ernsthaft dargestellt, dass ein kleiner Junge sie am Ende mit großen Augen fragte: "Und wie kommst du denn jetzt wieder nach Hause?"

Die Themen der Stadtführungen werden teils vorgegeben, teils nach Interesse der Fremdenführer erstellt. Petra Zillner berichtet, dass sie sich schon als kleines Mädchen für Hexen interessiert habe, und es sei perfekt, dass nun die Führung darüber von der Regio Augsburg Tourismus GmbH genehmigt wurde. Diese entscheidet, ob ein Thema Aussichten auf Erfolg hat und ob sich der Aufwand zur Erstellung lohnt. Über die Augsburger Hexenprozesse berichten derzeit nur drei Fremdenführer, die Tour wurde, wie jede andere auch, gemeinsam entworfen. Die Fremdenführer teilen ihr Fachwissen untereinander, da jeder ein Spezialist für eine andere Epoche ist. Das fehlende Wissen wird danach recherchiert, ob im Internet, der Stadtbibliothek, der Staatsbibliothek oder einem Antiquariat. Allerdings wird nur das Rahmenthema gemeinsam erarbeitet, da jeder Fremdenführer den Schwerpunkt auf ein anderes Schicksal legt, wenn er dieses interessanter findet.

Frau Zillner befasst sich lieber mit den eher unbekannten Hexen, um diese vor dem Vergessen zu bewahren, und mit den Kinderprozessen, da sie diese persönlich als besonders grausam und abnorm empfindet. Über einen der Kinderprozesse berichtet sie, nachdem die Sonne bereits untergegangen ist. Der kalte Wind lässt die Gruppe frösteln, während sie an der Stelle stehen, an der sich die schreckliche Geschichte zutrug. Mehr als 30 Kinder befanden sich im städtischen Gewahrsam, die Anschuldigungen waren alle die gleichen: Die einen sollen das Bier verdorben, andere verzauberte Dinge ins Ehebett der Eltern gestreut oder am Hexentanz teilgenommen haben. Die Kinder befanden sich über zwei Jahre im Hospital und in Einzelhaft und wurden vom Schlafen abgehalten, da nachts der Teufel kommt. Durch den extremen Schlafmangel wurden sie jedoch aggressiv, dies verschlimmerte ihre Lage noch. Als das Festhalten der verdorbenen Kinder zu teuer wurde, sollten sie hingerichtet werden.

Unerwarteterweise wurden sie aber nach Heidelberg verlegt und verbrachten dort weitere eineinhalb Jahre, bis ihnen die Möglichkeit eröffnet wurde, bei Besserung des Verhaltens entlassen zu werden. Da ihre Eltern sie nicht mehr zu sich nehmen wollten, mussten sie weitere zwei Jahre in Gewahrsam ausharren, bis ihnen eine "Unbedenklichkeitsbescheinigung" ausgehändigt wurde. Ihre Eltern brachten sie nach fünfeinhalb Jahren Haft in andere Städte, und niemand hörte jemals wieder von den Kindern.

Es folgen Berichte weiterer Hexenprozesse. Am Dom im Licht der Straßenlaternen endet die Führung. Die Teilnehmer sind nachdenklich, einige sogar etwas geschockt von der brutalen Realität der freien Reichsstadt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vor dem Verbrennen enthauptet
Autor
Lea Geßler
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2015, Nr. 51, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180