Neues jüdisches Leben in einem alten Zuhause

Zwei große Hände neben dem Eingang eines weiß-roten Fachwerkhauses lassen erahnen, dass es sich um kein gewöhnliches Haus handelt, das da am Rande der Esslinger Altstadt Im Heppächer 3 steht. Tafeln helfen weiter: "Synagoge" und "IRGW-Gemeindezentrum" steht da, eine Abkürzung für Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg. Sie hat in dem Haus mit der bewegten Geschichte ein neues altes Zuhause gefunden. "Es gibt heute tatsächlich eine ungefähr 200 Köpfe große jüdische Gemeinde in dieser Stadt", sagt Georg Wötzer, Gründer des seit zehn Jahren bestehenden Vereins "Freunde Jüdischer Kultur Esslingen". Zwar steht Esslingens Vergangenheit schon lange in enger Verbindung mit dem Judentum, allerdings mit Unterbrechungen, denn es existierte nicht immer eine jüdische Gemeinde.

Eine erste Gemeinde wird im 13. Jahrhundert erwähnt, erklärt Wötzer. "Aufgrund der geographischen Lage der Stadt am Neckar gab es Handelsverbindungen bis in den Orient und ans Schwarze Meer. Das machte die Stadt auch für Juden attraktiv." Diese erste Gemeinde ist bekannt für den berühmten Esslinger Machsor, ein jüdisches Gebetsbuch. Dessen erster Teil wird in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und der zweite in der Staatsbibliothek Breslau aufbewahrt. Außerdem existiert ein zweiter Esslinger Doppelmachsor, der sich in New York und Amsterdam befindet. Es zeigt auch, welches Ansehen die jüdische Bevölkerung hatte: Zum einen zeugt der hohe technische und künstlerische Aufwand, mit dem das Buch gestaltet ist, von Wohlstand, zum anderen wurden die Bilder von Mönchen illustriert. Der Gemeinde scheint es gutgegangen zu sein.

Doch änderte sich dies mit dem Auftreten der ersten Pestwelle. Die Juden galten als verantwortlich, wurden verfolgt und in der Stadt ermordet. Die zweite jüdische Gemeinde vom 19. Jahrhundert bis 1941 wurde bald nach ihrem Entstehen voll in das bürgerliche Leben Esslingens integriert. "Umso unfassbarer sind die Ereignisse im Dritten Reich", findet Wötzer. Der größte Teil der Juden wurde ermordet. Zu den Opfern gehörten auch die meisten Angehörigen des jüdischen Waisenhauses in Esslingen und dessen Leiter Theodor Rothschild, nach dem das Haus, heute Sitz der Stiftung Jugendhilfe aktiv, benannt ist. Ebenso viel Wandel erfuhr das Gebetshaus der Esslinger Juden. Die Synagoge, ein ehemaliges Schneiderzunfthaus, wurde am 10. September 1938 geschändet und später enteignet. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente sie als Jugendheim und Kunstgalerie. Das änderte sich durch den Verein der "Freunde Jüdischer Kultur Esslingen". "Es wurde immer viel geredet und nichts getan", ärgert sich Georg Wötzer. Mit Unterstützung des Vereins übergab die Stadt das Haus der IRGW, die das Gebäude wieder als Versammlungsort nutzt. Der Verein zählt etwa 40 Mitglieder, er fördert den interkulturellen Austausch und setzt sich für die Bewahrung von jüdischem Geist und jüdischer Kultur ein. Viele Veranstaltungen finden auch im Theodor-Rothschild-Haus und in der Synagoge statt. Sie sind für Interessierte offen.

Wie kam Wötzer auf die Idee, den Verein zu gründen? "Als kleines Kind erlebte ich die Folgen des Zweiten Weltkrieges im zerstörten Stuttgart. Damit entstand auch mein Interesse für das Schicksal der Juden in dieser Zeit. Außerdem waren meine mütterlichen Vorfahren oberschwäbische Viehhändler, die mit Sicherheit engen Kontakt zu ihren jüdischen Berufskollegen hatten." Und, so sagt der 68-Jährige, der Dozent für Musiktheorie und Computermusik an der Musikhochschule Stuttgart war: "Ich hatte selbst jüdische Studenten, die aus Russland stammten und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu uns kamen."

Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 ist die jüdische Gemeinde in Esslingen stark gewachsen; ihre Mitglieder sind hauptsächlich russischer Abstammung. So besteht die Gemeinde aus zwei Gruppierungen: Da sind die orthodoxen, russischstämmigen Juden, die strikt traditionell sind. Sie beten auf Hebräisch, der Vorsänger leitet den Gottesdienst, in dem er zusammen mit der Gemeinde die liturgischen Texte singt. Die orthodoxen Juden stellen die Mehrheit im jüdischen Zentralrat, und auch der Esslinger Rabbi Yehuda Pushkin ist orthodox.

In der Synagoge finden aber auch liberale Gottesdienste statt, das liberale Judentum entstand im frühen 19. Jahrhundert in Deutschland, und die meisten deutschen Juden waren vor der Schoa liberal. Zu Festen wie Jom Kippur oder Pessach kommen viele Gläubige in die kleine Synagoge. Sie ist mit Tischen, Stühlen und einem Thoraschrein ausgestattet.

Im Alltag ist es für die Esslinger Juden nicht immer leicht, ihren Glauben zu leben. Während es in der Stuttgarter Synagoge ein koscheres Restaurant gibt, ist es hier schwieriger, an koschere Nahrungsmittel heranzukommen. Früher gab es koscheren Weinanbau oder Absprachen mit Bäckereien. Koscheres Gebäck zu bekommen war einfach: Gefäße wurden mit heißem Wasser gesäubert und vom Rabbi überprüft; nach alten Rezepten, die die Speisevorschriften einhalten, wurde dann gebacken. Koschere Lebensmittel werden heute aus Straßburg oder Frankfurt beschafft oder übers Internet bestellt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Neues jüdisches Leben in einem alten Zuhause
Autor
Alena Eberspächer, David Jauch
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2015, Nr. 51, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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