Mancher Texthänger ist eine Denkpause

Manche rufen "Text" oder "Ulf" oder machen Handzeichen. Die meisten Schauspieler aber beherrschen ihren Part. Falls nicht, hilft Ulf Wolter diskret weiter. Er ist Souffleur in Stuttgart.

Es wird dunkel im Saal. Die Gespräche verstummen. Dann wird die Bühne des Staatstheaters Stuttgart hell. Leise klappt Ulf Wolter sein Soufflierbuch auf und schaltet seine kleine Leselampe an, die er an sein Buch klemmt. Er zückt seinen Bleistift und folgt aufmerksam dem Stück. Der 71-Jährige streicht mal hier ein vergessenes Wort an und markiert sich dort einen verdrehten Satz. "Ich lese immer mit und schaue auf die Bühne, um jederzeit eingriffsbereit zu sein", erzählt der Kölner. Dass er kaum eingreifen muss, weiß er nach 21 Jahren Erfahrung. "Die Schauspieler sind Profis. Sie können ihren Text, wir beginnen sechs bis acht Wochen vor der Premiere zu proben und das zwei Mal täglich."

Zu Beginn der Probenzeit hilft er mit dem Text aus, damit die Schauspieler ihre Einstellung zur Rolle finden. "Natürlich können sie normalerweise ihren Text, aber sie müssen in ihre Rolle schlüpfen, diese überstreifen wie ein Kleidungsstück. Dabei ist es schwierig, einen fremden Text zu seinem eigenen zu machen", sagt der Mann, der mehr als 120 Stücke betreut hat. "Damit ein Schauspieler durch eine Textlücke nicht aus seiner Rolle fällt, helfe ich ihm bei Unsicherheiten." Die einen Schauspieler rufen zum Beispiel "Text" oder "Ulf". Andere fordern durch Handzeichen oder Blickkontakt die ihnen fehlenden Worte. Diese versucht er emotional zu soufflieren. Mit fortlaufender Probenzeit muss er immer seltener Teile des Textes soufflieren, sondern vermehrt Textfehler erspüren.

"Können die Schauspieler ihren Text besser, markiere ich während der Probe nur noch Wortdreher, vergessene Wörter und Sätze in meinem Soufflierbuch", erklärt der grauhaarige Mann, der eine Brille sowie einen Dreitagebart trägt. "Solange der Inhalt stimmt, ist das für mich in Ordnung." Bei Klassikern wie Kleist allerdings ist es wichtig, dass jedes Wort an seinem Platz ist. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, bekommt der Schauspieler manchmal nach der Probe einen Zettel mit der Korrektur. Eine Korrektur bekommen die Akteure auch nach der Vorstellung. Allerdings erst vor der darauffolgenden. Meistens sind die Schauspieler noch so in ihrer Rolle, dass sie die Anmerkungen erst später annehmen können. Andere wiederum fragen selbst nach, ob etwas gefehlt hat.

Hin und wieder fehlen allerdings nicht nur Worte, sondern auch Schauspieler. "Einmal habe ich bei einem Kinderstück souffliert, bei dem die Hauptdarstellerin krank wurde. Zum Glück sprang eine Schauspielerin ein, sie kannte jedoch den Text nicht", berichtet Wolter, "ich habe ihr deshalb per Funk den gesamten Text sowie die ganze Handlung souffliert. Ich habe sie durch das Stück geführt und ihr zum Beispiel eingesagt: Jetzt legst du dich unter die Decke, stellst dich schlafend und entfernst dabei deine Kette. Dann wachst du wieder auf und sagst erschrocken: oh! Meine Kette fehlt!" Wolter saß mit einem sogenannten Mikroport, Theaterjargon für das Funkgerät, auf einem Balkon.

Meistens sitzt er aber in der ersten Reihe, um alles gut im Blick zu haben. Doch er hat auch schon anderes erlebt: "Bei einem Stück war die Hauptdarstellerin bis zur Hüfte in einen Erdhügel eingegraben. Sie konnte sich nicht bewegen und bei Textbedarf keine Zeichen geben. Deshalb war mein Platz nicht wie sonst vor der Bühne, sondern ich saß hinter dem Hügel auf einem Hocker und war mit einem Seil mit der Schauspielerin verbunden. Sobald sie etwas wissen wollte, zog sie daran und drehte leicht ihren Kopf. So konnte ich ihr bequem ins Ohr einsagen - ohne dass das Publikum etwas mitbekommen hat", schmunzelt er. "Ich habe auch schon im Kostüm auf der Bühne souffliert, dafür saß ich leider noch nie im Souffleurkasten. Das war noch vor meiner Zeit."

Wolter arbeitete zehn Jahre als technischer Zeichner, machte sein Abitur nach und unterrichtete Deutsch für Ausländer, bis er ein Café in Köln eröffnete. "Abwechslung ist für mich wichtig. Außerdem mache ich Ungewöhnliches gerne." In seinen Stuttgarter Anfangszeiten arbeitete er in zwei Theatern als Techniker und Bühnenbildner. Im Gegensatz zu diesen Theaterberufen gibt es für den Souffleur, der früher überwiegend ein Frauenberuf war, keine bestimmte Ausbildung. Der Quereinstieg ist die Regel. Es ist wichtig, Geduld, Konzentration und Aufmerksamkeit mitzubringen sowie die Fähigkeit, während der Proben still sitzen zu können. Die allerwichtigste Eigenschaft eines guten Souffleurs, da ist sich Wolter sicher, sei allerdings: "Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe." Denn der Souffleur gibt den Schauspielern manchmal auch Sicherheit, wenn es ernst wird. "Viele Schauspieler sind froh, dass ich bei den Vorstellungen da bin, auch wenn sie den Text perfekt können", sagt er, der große Gelassenheit ausstrahlt. "Einmal zum Beispiel sprang die Regieassistentin bei einer Aufführung für mich ein. Im Nachhinein erzählte mir die Schauspielerin, dass sie richtige Schweißausbrüche und Angst bekommen hätte, als sie die Bühne betrat und gemerkt hat, dass ich abwesend war."

Gibt es komplizierte Monologe, so geht er diese nochmals mit den Schauspielern durch, da Monologe schwierig zu soufflieren seien. Monologe ließen mehr Freiheit für inhaltsgemäße Improvisationen, und manchmal stelle die Sprache ein Problem dar: "Momentan begleite ich ein Stück mit einem Monolog auf Bayerisch. Für mich wäre es unmöglich, diesen Dialekt authentisch einzusagen." Schwierig ist es ebenso, zu erkennen, ob der Schauspieler eine Denkpause macht oder ob er einen Texthänger hat. "Man kann sich nie hundertprozentig sicher sein, man muss das intuitiv empfinden. Ich warte deshalb lieber eine Zehntelsekunde, bis ich eingreife." Meistens zieht er vor, zu schweigen.

Natürlich ist es schon vorgekommen, dass ein Akteur Teile seines Textes vergessen oder das Stichwort für einen Einsatz verfehlt hat. In solchen Fällen wird der Souffleur aktiv. Er versucht durch Blickkontakt oder Gesten, den Schauspieler auf sein Versäumnis aufmerksam zu machen. Reicht das nicht aus, sagt er dessen Text ein. Dabei flüstert er jedoch nicht, wie die allermeisten denken, sondern spricht in normaler Lautstärke: "Das Flüstern wäre in einem stillen Saal viel zu auffällig. Leises, aber deutliches Sprechen hingegen fällt weniger auf, da ich zur Bühne hin rede. Das merken die Zuschauer meist nicht, und die Schauspieler verstehen mich besser."

Falls ein Darsteller einmal ganz den roten Faden verliert, greift er kurz ins Bühnengeschehen ein. "Bei einer Vorstellung zum Beispiel sollte sich die Akteurin nach den beruflichen Perspektiven ihres Gesprächspartners, eines angehenden Tenors, erkundigen. Das hatte sie allerdings vergessen", berichtet der Mann, dessen Lieblingsvorstellung immer die Letzte ist. Daraufhin hat Wolter sie laut gefragt, welche beruflichen Perspektiven der Tenor habe. Durch diese Stütze konnte sie fehlerlos weiterspielen. "Ich habe aber damit keine negativen Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil, das Publikum denkt dann, es sei so inszeniert." Meistens schaffen die Schauspieler es, durch Improvisation ihre Gedächtnislücken zu überspielen.

Doch auch wenn kein Texthänger dazu führt, bleibt Herr Wolter nicht unbemerkt. Manchmal wird er von Zuschauern angesprochen, die sein Lämpchen entdeckt haben. Viele bemerken, dass er nichts eingesagt hat. Da muss Ulf Wolter lachen: "Das ist doch mein Ziel."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mancher Texthänger ist eine Denkpause
Autor
Luisa Klein
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2015, Nr. 57, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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