Sie war 17, als eine KZ-Aufseherin sie blind schlug

Ich glaube nicht an Gott, ich glaube sehr an Menschen", erklärt Sarah Bialas, die ein Leben hinter sich hat, das für viele nur Geschichte ist. Leicht gleitet ihr glasiges linkes Auge zur Seite, als ihr Blick über den gedeckten Wohnzimmertisch schweift. Sie war 17 Jahre, als eine KZ-Aufseherin sie auf dem linken Auge blind schlug. Es duftet nach Kaffee in ihrer kleinen, sauberen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Ihre lockigen, gescheitelten Haare sind mit einer goldenen Spange nach hinten gesteckt. Das runde Gesicht ist von tiefen Falten gekennzeichnet. Sie trägt goldene Ohrstecker und einen goldenen Davidstern um den Hals. Am vierten Dezember 1927 wurde Stefania im polnischen Czestochowa, 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, geboren. Als Kind kletterte sie gerne auf hohe Bäume, spielte Fußball und raufte sich in der Schule. Ihre langen braunen Zöpfe verrieten jedoch, dass sie ein Mädchen ist. Dieses Leben endete schlagartig im September 1939, als die Deutschen in Polen einfielen. Bilder dieser Zeit begleiten sie heute noch in ihren dunkelsten Albträumen. Ein junger deutscher Wehrmachtssoldat, der ein schreiendes Kind in die Flammen eines brennenden jüdischen Hauses wirft, ist eines davon. Ihre Familie wurde zwangsumgesiedelt. Warschauer Judengetto nannte sich ihr neues Zuhause. Alle Frauen mussten den Beinamen Sarah annehmen. Es war Wunsch der Mutter, dass alle diesen Namen behielten. Sarah war gerade zwölf Jahre alt, als sie ihrer Familie entrissen und ins Arbeitslager verfrachtet wurde. In Viehwagen fuhren sie Stunden, Tage, Wochen, sie wusste nicht, wie lange. Die Hitze war unerträglich, und es gab kein Wasser. Die Aufseher der Waggons machten sich einen Spaß daraus, und als die Menschen verzweifelt nach Wasser schrien, schütteten sie das Wasser über ihre Köpfe. Sie mussten sich gegenseitig ablecken, um wenigstens das Brennen in der ausgetrockneten Kehle zu lindern. Im Arbeitslager mussten ihre dünnen, kleinen Kinderarme schwere Maschinen stemmen und herunterziehen, stemmen, ziehen. Es gab keine Post mehr von zu Hause, immer weniger zu essen, 14 Stunden Arbeit und zehn Minuten Pause am Tag.

So ging es viele Jahre. Irgendwann dachte sie nicht mehr nach. Sie funktionierte nur noch wie eine Maschine. Und dann die Befreiung 1945. Das Elternhaus stand leer. Stille. Mama tot, Papa tot, Oma tot, ermordet in den "Duschen" irgendeines KZ. Schwester und Kind erschossen. Der Rest der Familie und Freunde war spurlos verschwunden, für immer. Man hört das Rauschen der Autos, unten auf der Straße. Das Abendlicht fällt durch die großen Fenster in das kleine Wohnzimmer. Die schwarzen Schatten werden immer länger. Barfuß lief sie mit einem Freund aus dem Getto von Warschau bis Regensburg, da dort eine Sammelstelle für Juden sein sollte. Sie hatte keinen Ausweis, kein Geld. Ihr Bauch wölbte sich so, dass sie ihre Füße nicht mehr sehen konnte. Sie wunderte sich, wieso sich das wenige Essen nur an ihrem Bauch ansetzte. Vier Tage vor der Geburt ihres ersten Kindes ging sie zum ersten Mal zum Arzt, da sie nicht gewusst hatte, dass sie schwanger war. Kochen, Backen, Wäschewaschen, dies waren alles Neuheiten, die sie noch nie gemacht hatte. Sie heiratete den Mann, mit dem sie nach Deutschland gekommen war, und ging mit ihrer kleinen neuen Familie nach Paris zu einer Verwandten ihres Mannes. Sarah war froh, Deutschland verlassen zu können, weil sie Angst davor hatte, dass sie einem Menschen vertrauen könnte, der vielleicht ihre Familie umgebracht hatte. Dieser Schmerz, diese Ungewissheit waren unerträglich. In Frankreich bekam sie noch Zwillinge. Sie war die einzige aus ihrer Mädchengruppe aus dem KZ, die je Kinder bekommen hat. Nach einem halben Jahr starb einer der Zwillinge. Mit einem Taschentuch tupft sie ihre feuchten Augen immer und immer wieder ab. Sie atmet tief ein und aus bevor sie fortfährt. Es gäbe so viele Apfelsinen in Palästina, dass man sie sogar von den Bäumen sammeln könne, hatte ihr ein Junge im KZ heimlich bei der Arbeit erzählt. Seither hatte sie davon geträumt wie von einem Paradies. Einmal in ihrem Leben wollte sie nach Israel und die Apfelsinen selbst pflücken. Im Juli 1949 ging sie mit ihrem Mann und den beiden kleinen Kindern nach Israel. "Ich war zu Hause!", Tränen kullern ihr über die faltigen Wangen. Sie bekam einen Ausweis, brauchte keine Arbeitserlaubnis, alles war plötzlich so viel einfacher, sie wurde zum ersten Mal mit offenen Armen aufgenommen. Dort gewann sie Freunde fürs Leben und hatte seit langem das Gefühl, endlich wieder eine Familie zu haben. Nach elf Jahren betrat sie zum zweiten Mal deutschen Boden und zog in eine Wohnung im Ostteil Berlins. Schicksal. Sie hatte wenig Geld, Probleme mit der Sprache, ihr Mann ließ sich scheiden und ging weg. Sarah arbeitete in einer Fabrik und lernte Deutsch. Sie musste immer wieder gegen den Antisemitismus ankämpfen, auch ihre Kinder litten und wurden von Mitschülern als "Kinder einer Judensau" verhöhnt. Nervös zupft sie mit den zittrigen Fingern an der Tischdecke.

Dann setzt sie sich aufrecht hin und erzählt von ihrer Leidenschaft zu Büchern. "Ich spreche fünf Sprachen, Jiddisch, Polnisch, Französisch, Hebräisch und Deutsch", sagt sie stolz. Als sie 45 Jahre alt war, begegnete sie einem deutschen, christlichen Mann, den sie liebte. Ihre Kinder waren erwachsen. Sie konnte noch einmal ein neues Leben beginnen. Ihr zweiter Mann war jedoch zuckerkrank. Kurz nach der Wende endete sein Leben, liebevoll in ihren Armen gehalten. Heute lebt die 82-Jährige allein. Sie glaubt an die Menschen, an die, die gegenüber auf dem Balkon ihre Zigarette rauchen, oder die, die im Wohnzimmer sitzen und Kaffee trinken

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie war 17, als eine KZ-Aufseherin sie blind schlug
Autor
Nora Maria Gehrke. Freie Waldorfschule Kreuzberg, Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2011, Nr. 3 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180