Wo oooaaaiii eine Sprache ist

OrenbetäubenderLärm erfüllt den Probenraum. 64 Musiker stimmen ihre Instrumente und wiederholen schwierige Stellen - und das in voller Lautstärke. "Bei diesem Konzert spielen 33 Streicher, 12 Holzbläser und 11 Blechbläser. Dazu kommen noch zwei Harfen, eine Pauke und fünf Schlagzeuge", erläutert Heinz Brückmann. Der 61-Jährige spielt Quer- und Piccoloflöte beim Orchester des Mainfranken-Theaters in Würzburg und organisiert Aushilfen, falls ein Musiker nicht spielen kann. Was normalerweise einen ganzen Theatersaal bis in den letzten Winkel füllt, wirkt in dem Probenraum, der nur ein wenig größer als der Orchestergraben ist, übertrieben laut.

Der Raum liegt in einem Gebäude hinter dem Mainfranken-Theater. Mit einem alten, geräumigen Aufzug gelangt man an den Werkstätten des Theaters vorbei nach oben in den dritten Stock. Die Musiker warten auf den Dirigenten des Konzerts, den Generalmusikdirektor des Mainzer Theaters, Hermann Bäumer. Als er den Raum betritt, schweifen seine blauen Augen zuerst prüfend über das Orchester, dann nimmt er seinen erhöhten Platz inmitten des im Halbkreis angeordneten Orchesters ein. Sofort kehrt Ruhe ein. Sein Stuhl ist erhöht, wie ein Barhocker.

Der 49-Jährige begrüßt alle zur Hauptprobe für das Konzert und sagt das erste Stück an. "6 vor 4" lautet die kryptische Ansage, die den Musikern vertraut ist. "In den Noten stehen außer Taktzahlen auch Ziffern, A bis Z oder 1 bis 100. In diesem Fall 6 Takte vor Ziffer 4", erklärt Brückmann.

Er gibt ein Zeichen und das Orchester beginnt, aufeinander abgestimmt, eine Musik zu spielen. Plötzlich bricht der Dirigent ab. "Die Pauken sind mir zu laut, ihr müsst unter die Melodie kommen. Noch mal ab 2 vor 1." Mehrmals vergleicht der Dirigent die Musik mit einem anderen bekannten Stück oder mit greifbareren Dingen, wie bei dem Stück "Tanz der Stunden" aus der Oper La Gioconda von Amilcare Ponchielli. "Man muss das Rieseln der Sanduhr hören können."

In der Probe werden nicht alle Stücke des Konzerts vollständig gespielt, sondern nur Ausschnitte. Wenn der Dirigent zufrieden ist, sagt er ein neues Stück an, so auch "La Valse". "Das ist ein Ballett, ein Tanz, ihr müsst auch so spielen, dass man darauf tanzen kann." Immer wieder bricht er die Probe ab, um das Spiel bestimmter Instrumente zu korrigieren. Häufig lässt er dazu nur einzelne Instrumente spielen. Manche Musiker notieren sich seine Anmerkungen mit Bleistift auf ihren Notenblättern. Es ist nicht immer einfach in Worte zu fassen, wie eine Melodie korrigiert werden soll, deswegen singt Hermann Bäumer sie ab und zu vor: "Es gehört mehr oooaaaiii, nicht oooaaauuuuu." Manchmal antwortet ihm dann einer der Musiker mit seinem Instrument, um sicherzugehen, dass er es das nächste Mal richtig macht.

Zu dem letzten Stück vor der zwanzigminütigen Pause stehen manche Musiker auf und gehen hinaus, sie werden nicht mehr gebraucht. Dies geschieht zum Teil auch während einer Opernaufführung. "Manchmal werden Musiker nur zu einer Szene benötigt. In Don Giovanni zum Beispiel wird zu einer Szene eine Mandoline benötigt, die schleicht sich dann für ein paar Minuten in den Orchestergraben und wieder hinaus", erklärt Heinz Brückmann.

Bei so einem Solo darf dann natürlich nichts schiefgehen, um das zu erreichen muss ein Musiker auch zu Hause lange üben. Es wird nicht nur zu Hause geübt, sondern mit dem Orchester vor einer Aufführung in der Regel auch bis zu acht Mal. Darauf folgen noch die Haupt- und die Generalprobe, zu denen eventuell auch die Sänger anwesend sind. Wenn da einer fehlt, bringt das den ganzen Ablauf in Gefahr. Es ist auch nicht immer einfach, kurz vor Aufführungen noch einen Ersatz zu finden. "Wenn die Musiker sich bei mir krankmelden, telefoniere ich mit den umliegenden Theatern oder Musikern, die gerade in der Nähe sind."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo oooaaaiii eine Sprache ist
Autor
Maren Banse
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2015, Nr. 57, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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