Vom Eigentor zum Adler auf der Brust

SheniaMinevskaja spielt Handball in der Nationalmannschaft. Ein Gespräch über Integration und Pläne nach dem Profisport mit der 22 Jahre alten Sportlerin, die manche anerkennend Mutti nennen.

Ob sie es will oder nicht, Shenia Minevskaja ist kaum zu übersehen. Mit ihren 1,83 Meter und leuchtend weißblonden Haaren fällt die 22 Jahre alte deutsche Handball-Nationalspielerin schon von weitem auf. Doch beim verabredeten Termin in Zagreb ist sie im Hotel der deutschen Mannschaft weit und breit nicht zu sehen. Ignoranz? Im Gegenteil: Minevskaja spielt mit dem deutschen Team gerade bei der Europameisterschaft der Frauen in Kroatien; während die Gesprächspartner in der Hotellobby warten, hat sie eine Mannschaftsbesprechung. Und das Team hat einfach Priorität. "Ja", sagt sie, nachdem sie sich mehrmals für die Verspätung entschuldigt hat, "ich habe als Kind auch ein bisschen Tennis gespielt, geturnt und Taekwondo ausprobiert, aber mir ist auch beim Sport das Team sehr wichtig. Denn da hilft man sich gegenseitig, jeder ist für jeden da."

Shenia Minevskaja ist dezent geschminkt, trägt Jeans und eine weiße Bluse. Entspannt setzt sie sich, antwortet offen, ausführlich und freundlich. Sie erzählt, wie wichtig der Teamgeist gerade beim Spiel Deutschland gegen Gastgeber Kroatien gewesen sei: "In Varazdin war die ganze Halle gegen uns. Da versucht man dann, durch eine starke Mannschaftsleistung diesen Nachteil zu kompensieren." Es sei natürlich schade für Kroatien, dass Deutschland das Spiel gewonnen habe, allerdings "waren wir durch die Atmosphäre in der Halle eben ganz besonders motiviert".

Bei der Europameisterschaft 2014 hat sie im deutschen Team erstmals größere Spielzeiten und damit auch mehr Verantwortung. Das freut sie sehr. Aber die deutsche Mannschaft habe mit Blick auf die eigenen Erwartungen mit Platz 10 enttäuschend abgeschnitten, sagt Minevskaja, und fügt selbstkritisch hinzu: "Natürlich bin ich auch mit meiner Leistung überhaupt nicht zufrieden, viele kleine Bausteine haben nicht zusammengepasst." Längerfristig möchte sie eine Führungsspielerin in der Nationalmannschaft werden. Sie scheint auf dem besten Weg dahin. Clara Woltering, Torfrau und Kapitänin der deutschen Frauen bei den Spielen in Kroatien, sagt: "Shenia ist mehr als nur talentiert. Und trotzdem ein totaler Teamplayer. Sie kümmert sich um alles. Wir nennen sie deshalb einfach nur Mutti." Die Karriere der Nationalspielerin Minevskaja begann mit einem klassischen Eigentor. Sie ist fünf oder sechs Jahre alt. "Als mir der Ball zugespielt wurde, dribbelte ich und rannte los. Die Leute schrien ,Shenia! Shenia!', was mich zusätzlich anspornte. Dann warf ich den Ball tatsächlich ins Tor, freute mich riesig und sah nur Kopfschütteln. Ich hatte ins eigene Tor getroffen." Über die deutschen Jugend- und Juniorenmannschaften ist "Sheni", wie sie auch genannt wird, dann 2012 in der deutschen A-Nationalmannschaft angekommen. "Es ist ein sensationelles Gefühl, den Adler auf der Brust zu tragen und die Nationalhymne zu hören. Dafür arbeitet man ja."

Diese Arbeit im intensiven Leistungssport mit zwei Trainingseinheiten täglich sieht man der jungen Frau nicht an. Früher seien Handballerinnen groß und vor allem sprungstark gewesen, erklärt sie. "Heute muss man vielseitig, beweglich, flexibel, Alles-Könner sein." Karmela Ana , eine 16-jährige Zuschauerin in der Arena Zagreb beim Länderspiel Deutschland gegen Frankreich, meint: "Würde ich Shenia auf der Straße begegnen, würde ich sie eher für ein Model halten."

Minevskajas Mutter Svetlana war zweifache Handballweltmeisterin, ihr Vater Andrej Minevski siegte mit der Mannschaft der GUS bei der Olympiade 1992 in Barcelona. "Ja, ich komme aus einer handballverrückten Familie", bestätigt Shenia lachend, "mein Vater spielt heute, mit 45 Jahren, noch immer aktiv." Der Lebensweg der talentierten Spitzensportlerin wird sachlich geplant. Die Eltern hatten keine Berufsausbildung, waren zwar offiziell als Studenten eingeschrieben, betrieben in der UdSSR nur ihren Sport und unterstützen ihre Tochter darin. "Aber sie haben mir von Beginn an mitgegeben, Schule und Berufsausbildung ernst zu nehmen." Es sei halt schön, mit dem Handball zu reisen und ein paar Euro zu verdienen, "aber reich wird man davon nicht, zumal im Frauensport viel weniger verdient wird, als bei den Männern. Und es gibt eben ein Leben nach dem Handballsport."

Nach Stationen in Trier, Rostock und beim Thüringer HC spielt Shenia derzeit Handball bei den "TusSies" der TUS Metzingen. Parallel dazu studiert sie in Tübingen Sportwissenschaft, mit dem Profil Gesundheitsförderung. Die Verbindung von Studium und Leistungssport sei dort gut möglich. "Die Universität ist sehr kulant und nimmt Rücksicht auf mein Engagement im Handball."

1992 in Minsk geboren, kam Shenia als einjähriges Kind nach Deutschland. Die Eltern hatten Profiverträge bei deutschen Handball-Vereinen. Regelmäßig besucht Shenia ihre Familie in Weißrussland, "meine beiden Omas, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen". Und zu Hause spricht sie mit den Eltern noch immer Russisch, allerdings oft "in einer kuriosen Mischung mit deutschen Vokabeln". Wenn Nationalmannschaftskollegin Nadja Nadgornaja, die in Kiew geboren ist, ihr Russisch höre, schlage sie die Hände überm Kopf zusammen.

In Deutschland besuchte Shenia nach ihrer Ankunft bald den Kindergarten, lernte so spielerisch Deutsch, war immer beim Training der Eltern dabei. An Probleme als Migrantin erinnert sie sich nicht. Sie fühlte sich schnell zu Hause. "Meine Mutter stellte mich vor die Wahl zwischen einer allgemeinen und einer katholischen Grundschule. Ich entschied mich für die katholische. Als meine Mutter fragte, wieso, antwortete ich angeblich, dass in der anderen Schule zu viele Ausländer seien." Vor allem aber der Mannschaftssport Handball unterstützt die Integration. "Hier werden Barrieren gebrochen, die Verständigung ist einfacher, auch ohne viele Worte kann man schnell kommunizieren, ist aufeinander angewiesen."

Das gilt aber nicht nur für den Handball. "Im Sport gibt es keine Grenzen, die Internationalisierung ist längst Alltag geworden, alle profitieren davon. Wir haben in der Frauen-Nationalmannschaft von der dänischen Mentalität unseres Trainers Heine Jensen gelernt, die deutschen Männer werden aktuell von einem Isländer trainiert; ein deutscher Trainer arbeitet für das polnische Nationalteam. Davon profitieren alle, weil jeder Trainer den bestmöglichen Erfolg will."

Das bestätigt Georg Clarke, ehrenamtlicher Vizepräsident des Deutschen Handballbunds, der die Nationalmannschaft in Kroatien begleitet und für Jugend, Bildung und Schule verantwortlich ist: "Auch in unserem Verband möchten wir die Veränderung der Gesellschaft durch Migration zu einem Mittelpunkt der Aktivitäten machen. So wollen wir bereits ab der Grundschule auch einen Beitrag zur Integration leisten und gleichzeitig Sportler mit Migrationshintergrund unseren Handballvereinen zuführen. Shenia Minevskaja ist ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Integration." Spätestens bei der Weltmeisterschaft 2017 in Deutschland könnte "Mutti" dann vielleicht sogar die angestrebte Führungsrolle in der deutschen Nationalmannschaft spielen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Vom Eigentor zum Adler auf der Brust
Autor
Matea Banovic, Lucija Zabjacan
Schule
18. Gymnasium , Zagreb
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2015, Nr. 63, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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