Sein Temperament lässt einen schwindelig werden

Warm werden und fit bleiben." Das ist das Lebensmotto von Edi Bscheid aus Brunnthal bei München. Mit 82 Jahren ist er Fußballer, Rasenkraftsportler und Kapitän der deutschen Senioreneishockey-Nationalmannschaft. Kurz gesagt, ein absoluter Vollblutsportler. Doch sein Aufgaben- und Sportlerportfolio weist noch mehr schweißtreibende Aktivitäten auf.

1948 gründete Eduard Bscheid mit 16 Jahren zusammen mit ein paar anderen Dorfjungen den TSV Brunnthal. "Meine Freunde und ich wollten schon immer einen eigenen Verein haben, und so einigten wir uns auf einen Fußballclub", erzählt der stets braungebrannte Sportler. "Viele Jahre habe ich auf fast allen Positionen gekickt, darunter auch eine lange Zeit in der ersten Mannschaft, bis ich mit 36 den Jüngeren das Feld überließ." Anschließend spielte er in der Ehrenliga für die Spielgemeinschaft Münchner Osten sowie für Unterhaching weiter.

Auch abseits des Platzes hat er sich engagiert und dem Verein in allen nur vorstellbaren Funktionen gedient. "Nach meiner aktiven Laufbahn war ich beispielsweise Vorstand, Abteilungsleiter, Betreuer oder aber auch Seelenstreichler für die jungen Spieler. Für sie hatte ich aufgrund meiner Erfahrung stets einen Ratschlag parat. Auch heute noch bereite ich die E-Jugend des TSV Brunnthal auf den Merkur Cup vor, außerdem helfe ich bei der Pflege des Rasens und bei der Maulwurfsjagd im Strafraum mit."

In schwierigen Phasen stand Bscheid dem Verein zur Seite und half tatkräftig mit. "Nachdem dem Verein aufgrund von Platzmangel ein Mitgliederschwund drohte, stellte ich dem TSV Brunnthal sogar meinen eigenen Grund bereit." Der Mann sprudelt nur so vor Energie, während er von seinen Erlebnissen berichtet. Für seine Verdienste sowohl auf dem Platz als auch als Funktionär wurde er von der Gemeinde mit der Goldenen Ehrennadel Brunnthals ausgezeichnet.

Doch sein Herz schlägt neben dem Fußball auch noch fürs Eishockey, denn der Sportler ist nicht nur beim TSV Brunnthal Gründungsmitglied: "Auch an der Entstehung des ETC Siegertsbrunn war ich beteiligt."

Heute ist Bscheid der älteste Eishockeyspieler Deutschlands und Kapitän der Deutschen Senioreneishockey-Nationalmannschaft. "Schon zu meiner aktiven Zeit wurde ich vor 2000 Zuschauern Landesligameister, und nun habe ich seit einigen Jahren die Ehre, unsere deutschen Farben beim riesigen Turnier in Weißrussland zu repräsentieren." Mit wachem Blick erzählt der Linksaußen stolz über die inoffizielle Weltmeisterschaft der Senioreneishockey-Nationalmannschaften, bei der sowohl ehemalige Weltklassespieler als auch aktuelle Landespräsidenten mitspielen. "Ich durfte schon Manndecker gegen den Bruder des russischen Staatspräsidenten Dimitrij Medwedew spielen, war aber auch schon im Zweikampf mit dem weißrussischen Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko." Angefangen hat alles im Jahr 2008, als er das Team erstmals als Betreuer zum Turnier nach Minsk begleitete. "Ich war sprachlos", erzählt er, nachdem er schließlich in der Weihnachtszeit die Zusage bekam, selbst als Spieler an diesem Ereignis teilzunehmen und sich das Trikot mit dem Adler auf der Brust überstreifen durfte. Man spürt, wie ihn dieses Ereignis auch heute noch bewegt. "Da ging ein Traum für mich in Erfüllung."

An den Moment, als er knapp einen Monat später zum ersten Mal die Schlittschuhe schnüren und das Eis als Nationalspieler betreten durfte, kann er sich noch genau erinnern. Gegen Finnland führte er auch gleich einen Penalty aus. "Mir ist das Herz in die Hose gerutscht, und ich habe sehr geschwitzt, aber es war so ein Moment. . .", schildert er die spannenden Sekunden bei seinem Versuch, den finnischen Torhüter im 1 gegen 1 zu bezwingen. Doch mit seiner ganzen Routine konnte er schließlich abgeklärt den Puck im Tor des Gegners plazieren. "Die 6000 Zuschauer in der Halle machen einen Mordslärm, doch das muss man ausblenden, genauso wie die vielen Menschen, die vor dem Fernsehmonitor in Weißrussland sitzen, wo die Spiele übertragen werden." Momente, die er nie vergessen wird. Mittlerweile spielt der Oldie seit etlichen Jahren nun auch beim ERSC Ottobrunn, der ihm zu Ehren an seinem 80. Geburtstag den "Edi-Bscheid-Cup" veranstaltet hat.

Doch als sei dies noch nicht genug, ist der Mann auch noch erfolgreicher Rennrad- und Skifahrer, hat schon an Marathons teilgenommen und ist seit einigen Jahren im Rasenkraft-Dreikampf aktiv. Dieser Sport besteht aus den Disziplinen Hammer- und Gewichtwerfen sowie Steinstoßen, die sowohl als Einzelwettbewerb oder als Dreikampf ausgetragen werden können. "Ich gehe immer noch bei den bayerischen Seniorenmeisterschaften für die Leichtathletikabteilung des TSV Unterhaching an den Start." In unterschiedlichen Disziplinen wuchtet er Diskus, Hammer, Stein und Kugel so weit, dass es schon zu etlichen bayerischen Meistertiteln für ihn reichte.

Bscheids Temperament lässt einen fast schwindlig werden. "Außerdem bestreite ich die deutschen Rasenkraftmeisterschaften für den TSV Grafing." Und seine Erfolge können sich durchaus sehen lassen: "Vergangenes Jahr konnte ich in der Disziplin Gewichtwerfen triumphieren, und beim Dreikampf und beim Steinstoßen konnte ich zwei weitere Podiumsplätze erzielen und wurde jeweils Zweiter." Im Jahr 2013 gelang ihm das Kunststück, in allen drei Disziplinen deutscher Seniorenmeister zu werden. "Des Weiteren absolviere ich jedes Jahr mein Sportabzeichen, bei dem ich in den fünf Disziplinen Schwimmen, Sprung, Laufen, Werfen und Radfahren eine Prüfung ablege", fügt Bscheid noch lachend an.

Unterstützung erhält er bei all seinen Unternehmungen von seiner Frau, mit der er 55 Jahre verheiratet ist. Die beiden haben zwei Kinder und fünf Enkel. "Manchmal, wenn ich im Winter bei acht Grad minus kurz vor 22 Uhr ins Eisstadion zum Training aufbreche, sagt sie: ,Tu dir das doch nicht an'." Doch sie könne es ihm einfach nicht ausreden, und, wenn man Edi Bscheid selbst erlebt, weiß man auch, warum. Auf die Frage nach seinem Tagesablauf antwortet der ehemalige Bäcker: "Tagsüber engagiere ich mich in der Heizölfirma meines Sohnes und befülle Tanks, ich beantworte Kundenfragen, arbeite im Büro oder fahre mit den Lkw umher." Wie er trotz der Arbeit immer noch fit bleibt? Das ist für ihn ganz einfach: "Morgens schnappe ich mir die Rollerblades und laufe kilometerweit durch die Gegend, und nach der Arbeit schwinge ich mich noch für 40 bis 50 Kilometer auf mein Rennrad."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sein Temperament lässt einen schwindelig werden
Autor
Jona Gilch
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2015, Nr. 63, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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