Alten Büchern mit neuem Leinen den Rücken stärken

Buchbinderin Nadine Mädicke hat sich den Traum einer eigenen Werkstatt erfüllt. Hier konserviert sie alte, kostbare Bücher und gestaltet liebevoll gebundene Fotoalben und Märchenbände.

Damit die Arbeit leicht von der Hand geht, erklingen Schlager von Marianne Rosenberg aus dem Radio. Auf dem alten Werktisch scheint alles seine Ordnung zu haben. Rechts ein großer Topf, darin ein dicker Borstenpinsel, links ein elfenbeinfarbenes Falzbein, dazu eine blaue Dose mit Planatol-Leim, bunte Leinenstücke, zwei Holzplatten und mittendrin auf der breiten Werkbank das große, leicht vergilbte und in die Jahre gekommene Buch. Nadine Mädicke beginnt, einen neuen Einband für das alte Stück auszuarbeiten. Zuerst löst sie den Buchblock aus der schmuddelig gewordenen Decke mit einem Messer behutsam heraus und versetzt ihn mit neuen Vorsätzen vorne und hinten.

Dann beginnt sie, die passend geschnittenen neuen Buchdeckel aus Graupappe und die Rückeneinlage mit rotem Leinen zu überziehen, die sie dafür mit unverdünntem Dispersionsleim sorgfältig einpinselt. Die Buchdeckel werden fest angedrückt. Der überstehende Rest wird mit dem Falzbein eingerieben.

Fertig ist der Ganzgewebeband, in den der alte Buchblock nun eingehängt wird. Dazu werden die Vorsätze nur dünn mit einem Leim-Kleister-Gemisch bestrichen, das Buch wird dann vorsichtig erst auf die eine, dann auf die andere Seite auf die Decke gesetzt und zwischen den beiden Holzplatten mit einem schweren Gewicht kurz festgepresst.

Nadine Mädicke ist Buchbinderin und hat sich in Kaiserslautern ihren langgehegten Traum von einer kleinen Werkstatt erfüllt. Hier konserviert sie alle möglichen historischen Artefakte. Neben dieser traditionsreichen Arbeit kreiert die 31-Jährige Neues, speziell auf die Wünsche ihrer Kunden ausgerichtet. So entstehen nicht nur liebevoll gebundene Kochbücher oder besondere Märchenbände zum Verschenken, sondern auch kunstvolle Fotoalben, zum Beispiel für einen runden Geburtstag mit den ersten Kindheitsfotos als Erinnerung.

Neben diesen persönlichen Aufträgen reichen auch eine Handvoll Geistliche regelmäßig die Aufträge der Kirche weiter. Ihnen verdankt die junge Buchbinderin eine ihrer ehrenvollen Aufgaben: die Überarbeitung des Ehrenbuchs des Speyerer Doms. Es war eine neue Kassette, die benötigt wurde, um das Buch mit den Unterschriften vieler herausragender Persönlichkeiten weiterhin geschützt aufbewahren zu können. Politiker wie Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker, aber auch die ehemalige Königin Sophia von Spanien und der verstorbene Papst Johannes Paul II. hinterließen ihre Unterschriften in dem kostbaren Unikat.

Es war ihr Wunsch nach kreativem und anspruchsvollem Arbeiten, der Nadine Mädicke dazu veranlasst hat, den Beruf der Buchbinderin in der Einzel- und Sonderfertigung zu ergreifen. Schon während ihrer dreijährigen Ausbildung an der Technischen Universität Kaiserslautern hatte sie die heimliche Vorstellung, irgendwann einmal auf eigenen Füßen zu stehen. "Meine Familie fand es exotisch, dass ich mich selbständig gemacht habe." Mittlerweile hat sie ihre eigene Familie gegründet und ist glücklich mit ihrem zwölfjährigen Sohn Lukas und ihrer zweijährigen Tochter Lotta. Obwohl sie jahrelang alleinerziehend war, wollte sie ihren Traum von der Selbständigkeit nicht aufgeben. Unterstützung fand sie in ihrem Ehemann Jens, der als Architekt tätig ist und dessen Büro direkt neben der Buchbinderei zu finden ist. Weit zum Arbeitsplatz haben die beiden es also nicht, denn ihre Wohnung liegt direkt über der Werkstatt.

"Nadine ist eine mutige und zielstrebige Frau", sagt ihr Mann. Und deswegen versucht sie auch, sich mit einem alten Handwerk Zukunftsperspektiven zu schaffen. Dafür hat sie ihre Werkstatt bunt und knallig eingerichtet und ihrem Arbeitsplatz bewusst einen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt. Verspielt und modern soll ihre Buchbinderei sein. Nicht zuletzt seien doch viele Buchbinder in der Gestaltung ihrer Werkstatt und ihrem Lebensstil im Mittelalter stehengeblieben, erklärt sie.

Lisa, die 18-jährige Schülerin, die ein Praktikum bei ihr macht, um später einmal Restauratorin zu werden, stimmt ihr zu. Daher auch das liebevoll dekorierte Schaufenster, in dem Origami-Figuren aus japanischem Falt- und Blumen aus Seidenpapier die Buchbindearbeiten und alten Werkzeuge schmücken. So sieht man auf den ersten Blick, dass hier eine Frau arbeitet, der man sofort glaubt: "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht."

Voller Überzeugung steht die zierliche Buchbinderin hinter ihrem schweren Werktisch, und ihre dunklen Augen strahlen. Hier gehört sie hin, die starke Frau, mit dem frechen Kurzhaarschnitt, in Jeans und Strickjacke, die Füße in glitzernden Boots fest auf dem Boden. Manchmal denkt sie über ihren größten, noch unerfüllten Traum nach, einmal eine therapeutische Werkstatt zu leiten. Die zugleich meditative und beruhigende Arbeit des Buchbindens soll denjenigen, die in ihrem Leben an Mut verloren haben, aufzeigen, zu was sie mit ihren zwei Händen fähig sind.

Informationen zum Beitrag

Titel
Alten Büchern mit neuem Leinen den Rücken stärken
Autor
Torben Grub
Schule
Staatliches Gymnasium am Rittersberg , Kaiserslautern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2015, Nr. 69, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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