Wulstwickeln beherrschen nur wenige

Da haben Sie sich ja ein anstrengendes Hobby ausgesucht" - Sätze wie diesen hört Silke Seibt oft, wenn sie auf Märkten in ganz Deutschland mit ihrem Stand unterwegs ist. "Den Leuten ist oft gar nicht bewusst, dass das immer noch ein echter Handwerksberuf ist. Viele reduzieren einen als Korbflechter auf das reine Flechten von Körben. In Wirklichkeit ist die Arbeit allerdings weitaus vielfältiger, als die Berufsbezeichnung das vermuten lässt." In der kleinen Werkstatt der selbständigen Korbflechtermeisterin, die eine braune Schürze aus robustem Leder trägt, liegt der würzige Geruch der Weiden. Mit Schlageisen, Friem und Schere entstehen in Handarbeit aus Weidenbündeln Kunsthandwerk und Möbelstücke. "Die meisten meiner Werkzeuge sind von alten Korbflechtern, die den Beruf nicht mehr ausüben." Dazu gehört das schwere Schlageisen, mit dem die Geflechtslagen beim Herstellen einer geflochtenen Seitenwand immer wieder zusammengeklopft und verdichtet werden.

Während in der Werkstatt in Bad Königshofen Weidenbündel auf ihre Verarbeitung warten, arbeitet die 44-Jährige routiniert an einem ergonomisch geformten Einkaufskorb. Im Bauch der Werkbank, auf der sie beim Flechten sitzt, lagern ihre übrigen Werkzeuge. Nachdem sie sich mit ihrem früheren Beruf als Krankenschwester nicht mehr identifizieren konnte, wagte sie den Schritt. "Ich hab mir einfach irgendwann gedacht, bevor ich 40 werde, möchte ich noch mal was machen, das mir auch wirklich Spaß macht. Als Spätberufene war ich bereits 39, als ich meine Gesellenprüfung gemacht habe." Silke Seibt machte die dreijährige Ausbildung in Lichtenfels an der letzten Korbfachschule Deutschlands. "Meine drei, damals jugendlichen, Kinder waren am Anfang gar nicht begeistert dass ihre Mutter jetzt noch eine handwerkliche Ausbildung macht. Aber als sie dann meine ersten Stücke gesehen haben, waren eigentlich alle begeistert und haben mich unterstützt."

Nach der Ausbildung hat sie sich 2008 selbständig gemacht und später die Meisterprüfung abgelegt. Während sie mit geübten Handgriffen Reihe um Reihe des zweifarbigen Korbs flechtet, erzählt sie von ihren ersten Märkten: "Am Anfang hab ich jeden Markt angenommen, alles, was sich mir angeboten hat. Ich habe schnell gemerkt, dass nur Märkte etwas bringen, wo das passende Publikum ist. Eben Leute, die so ein Handwerk noch zu schätzen wissen." Inzwischen wird sie oft zu besonderen Märkten, wie etwa in das Bienenmuseum Weimar, eingeladen. Sie ist eine der wenigen, die noch die Wulstwickeltechnik beherrschen. So gibt sie Kurse zur Technik des Strohflechtens. "Da geht es in Weimar natürlich hauptsächlich um klassische Bienenkörbe."

Es klingelt. Eine Kundin hofft, ihren geliebten alten Wäschekorb noch einmal wiederbeleben lassen zu können. Mit geschultem Auge untersucht die Handwerksmeisterin den maroden Korb. "Mit einem neuen Griff und einem stabileren Fuß wird der die nächsten Jahre sicher noch überleben." Zurück an der Arbeit, sagt Silke Seibt: "Viele meiner Kunden haben schon besondere Vorstellungen und Erwartungen. Einige bringen Stücke zum Reparieren, die für sie einen sehr hohen persönlichen Wert haben, andere erfreuen sich an der Besonderheit meiner Arbeit."

Sie deutet auf zwei geflochtene Handtaschen mit liebevoll gearbeiteten Lederdeckeln. "Eine Frau wollte zum Beispiel eine geflochtene Tasche fürs Theater. Ein Mann bestellte einen extra ergonomisch geformten Rucksack zum Fahrradfahren, weil da die Luft so angenehm durchwehen kann." Kunden, die anfangs nur einen einfachen Korb bei ihr kauften, haben ihr sogar Aufträge zur Gartengestaltung gegeben. "So was ist natürlich besonders interessant und macht mir richtig Spaß. Ich schaue dann vor Ort, wie ich meine Arbeit in Einklang mit der Landschaft oder eben den lokalen Gegebenheiten bringen kann." Inzwischen lautet die Berufsbezeichnung Flechtwerkgestalter. "Heutzutage hat man nur mit Körben eigentlich keine Chance mehr. Man muss mit Formen, Farben, Materialien und Mustern experimentieren. Die Geschmäcker sind heute einfach sehr speziell."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wulstwickeln beherrschen nur wenige
Autor
Franz Seibt
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2015, Nr. 69, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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