Knallrot, viel zu klein und voller Leben

Es gibt Zeitungen, Lakritz, Klatsch und Tratsch und gute Laune. Zwillingsbrüder betreiben in Dublin einen Kiosk. Der eine betreut die Abendkunden, der andere hält es mit den Morgenkunden.

Meistens muss man nicht danach suchen, die skurrilsten Orte und Geschichten findet man vor der Haustür. So zum Beispiel beim Kiosk um die Ecke. Kurz vor der Innenstadt Dublins im studentischen Ranelagh steht so ein Kiosk in einer ehemaligen Garage, in der früher Kutschen abgestellt wurden. Der Kiosk heißt "The Orchard", übersetzt "Die Plantage". Das Lädchen heißt seit 1930 so, denn früher gab es hier eine Apfelplantage. Es ist ungefähr drei Meter breit, fünf Meter lang und knallrot gestrichen. "Hätten wir den Kiosk nicht genauso übernommen, sondern neugebaut, hätten wir natürlich anders gebaut, nicht so klein", sagen die Besitzer. John und Martin Foyle sind eineiige Zwillinge. Oft werden sie von ihren Kunden verwechselt. Sie sind Mitte fünfzig, haben schwarze Haare und tragen Brillen. Sie sprechen so schnell, dass man eine Zeitlang braucht, bevor man sie versteht. Unruhig laufen sie beim Sprechen auf und ab. Dennoch bleibt die Atmosphäre locker, da ihr Spott, ihre Ironie und die Art, wie sie mit ihren tiefen Stimmen Geschichten erzählen, das Gespräch herzlich wirken lässt. Ihr Laden liegt direkt an der Hauptstraße, daher wird die Popmusik, die drinnen gespielt wird, fast vollständig vom Lärm der Autos übertönt.

Jeder Zentimeter des Ladens ist ausgenutzt. Als Erstes fällt die riesige Theke mit Süßigkeiten auf, die fast zwei Meter lang ist und mit mehr als 100 Riegeln und Süßem bestückt ist. Sogar Kaubonbons mit Milchgeschmack gibt es. Von oben bis unten sind die Regale vollgestopft mit Suppen, Nudeln, Magazinen, Süßigkeiten und einer Kaffeemaschine. Der Besitzer passt gerade so hinter die Theke. Es riecht nach Zeitungspapier, denn hier gibt es alles: von "Le Monde" bis zur F.A.Z. und natürlich irische Zeitungen. John kramt eine Packung Zigaretten für einen Kunden hervor. Das irische Gesetz schreibt vor, dass Zigaretten außer Sichtweite des Kunden hinter der Theke plaziert werden müssen. Dies macht den Platz hinter dem Tresen noch kleiner. Der Verkauf von Zigaretten ist immer noch die Haupteinnahmequelle, obwohl heutzutage immer weniger Leute rauchen.

Seit ihrer Jugend helfen die Brüder im Kiosk ihrer Eltern mit, seit 21 Jahren gehört er ihnen. Da kommen einige Geschichten zusammen. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt John die Geschichte von einer Frau, die eines Tages atemlos in das Lädchen hereingerannt kam. Sie musste unbedingt zu einer Hochzeit. Verzweifelt fragte sie nach einer Sicherheitsnadel, denn das Riemchen über ihrer Schulter war gerissen, das Kleid sei buchstäblich auseinandergefallen. Die Situation wurde mit einem Tacker gerettet. Die Dame sahen sie nie wieder.

John und Martins Kunden haben viel Vertrauen in die beiden: John verrät, dass sie an verschiedenen Verstecken im Laden Ersatzschlüssel für die Nachbarn im Laden aufbewahrt haben, falls sich jemand aussperrt, der Klempner untertags kommt oder das Schulkind seinen Schlüssel vergessen hat. Wenn man so viel Kontakt mit Kunden hat, hört man Klatsch und Tratsch: Geburten, Todesfälle und Trennungen. So wissen die beiden auch, wer mit wem nicht kann. "Es ist manchmal komisch, wenn Nachbarn, die sich nicht ausstehen können, das uns vorher erzählt haben, sich dann in unserem Laden begegnen und versuchen, sich in dem winzigen Lädchen zu ignorieren."

Die Frage, ob die Zwillinge schon oft verwechselt worden sind, bringt John zum Kichern. Ja, das passiere oft. John bekommt schon mal Dinge anvertraut, die eigentlich an seinen Bruder gerichtet sind. Nicht immer sei es leicht, sich da herauszuwinden. "Die Leute denken auch, dass, weil wir gleich aussehen, wir die gleichen Charaktereigenschaften haben." Sie sind aber durchaus unterschiedlich. Martin ist der Abendmensch, John der Morgenmensch. Und jeder hat seine eigene Kundschaft. Das fällt John immer wieder auf, wenn er mal für Martin abends einspringt. Grüßt und spricht er sie an wie die Morgenkunden, reagieren die Abendkunden oft konsterniert. Sie wollen nicht plaudern, sondern nach einem harten Arbeitstag einfach nur in Ruhe gelassen werden oder ins nächste Pub gehen.

Sogar ein Musikvideo wurde in dem Laden schon gedreht. Eine Popband, sie heißt "#1", hat den Kiosk benutzt, um das Video zu ihrem Lied "Sharon shouldn't" zu drehen. Das Video hat schon fast 22 000 Klicks im Internet. Im Video steht die ganze Band in dem Shop und tanzt mit ihren E-Gitarren. John und Martin stehen gelassen hinter der Theke.

"Das Beste daran, einen Laden zu haben, ist gleichzeitig auch das Schlechteste." Damit meinen die beiden die Unabhängigkeit. Keiner sage einem, was man machen soll, man sei sein eigener Chef. "Falls etwas schiefgeht, ist es unsere eigene Schuld. Schwierige Entscheidungen müssen wir allein treffen. Das kann manchmal etwas entmutigend sein."

Von draußen hört man ein Grölen. Jugendliche Rugbyspieler in lila-gelb gestreiften Trikots laufen singend vorbei. Sie sind auf dem Weg zu einem Spiel. Jugendliche sind die Hauptkunden der Brüder, denn in der Nähe gibt es einige Schulen. Im Kiosk wird viel gelacht, das passt zu Irland. "Die Iren sind gelassen und nehmen alles nicht immer so ernst", bestätigen die beiden. Worauf sie stolz sind, ist, dass ein Lotterieschein, der 100 000 Euro gewann, bei ihnen verkauft wurde. In der Zeit des sogenannten Celtic Tiger, wie das Wirtschaftswunder in Irland genannt wird, hatten sie sogar bis mitternachts auf, so groß war damals die Nachfrage. Als 2008 die Wirtschaftskrise kam, hätten sie nicht schnell genug reagiert. Die Nachfrage nach ihren Produkten war nicht mehr so groß. Dennoch bestellten sie immer noch so viel Vorrat zum Nachfüllen der Regale wie in den guten Zeiten. Sie blieben dann auf ihren Produkten sitzen. "Aber uns geht's gut", lacht John. Die enge Tür öffnet sich, drei Schulkinder verlangen nach Lakritzschnecken und Colagummis. Nur ungern verlässt man das quirlige Zwillingspaar und den charmanten, überfüllten Laden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Knallrot, viel zu klein und voller Leben
Autor
Freya Tacke
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2015, Nr. 75, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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