Man sitzt dem anderen fast auf dem Schoß, das stört hier niemanden

In Ranelagh, einem Viertel von Dublin, findet man Er Buchetto, das von außen auffällig und unscheinbar aussieht: ein kleines Café mit einer grell lilafarbenen Fassade, das so wirkt, als ob es innen überhaupt keinen Platz gibt. Drinnen merkt man, dass es noch kleiner als erwartet ist. Die Wände sind erbsengrün gestrichen. Die Besitzerin, Nikki Mitton, eine blonde, zierliche Dublinerin Ende 30, hat den Platz gut ausgenutzt. In jeder noch so kleinen Ecke sind Sitzmöglichkeiten. Die Stühle sind mit lilafarbenem Polsterstoff überzogen und teilweise abgeschabt. Das Café ist so eng, man sitzt dem Nachbar fast auf dem Schoß, aber das stört hier niemanden.

Von irgendwo spielt leise Jazzmusik, ein Filmposter von "Diebe haben's schwer" (1958) hängt an der Wand, und es riecht nach Brownies, die an der Theke auf Tellern liegen. Auf einer Tafel hängt eine handgeschriebene Speisekarte. Ein weißhaariger Mann sitzt mit einem Kaffee in der einen und einer Zeitung in der anderen Hand neben der Theke. Zwei Männer um die 30 in Jeans sitzen vor Suppe und Sandwiches, die hier "Panini" heißen. Eine 40-Jährige mit Hornbrille tippt etwas in ihren Laptop, während sie ihren Kaffee schlürft. Eine 20-Jährige mit modernem Kurzhaarschnitt liest ein Buch. Vor ihr steht ein vor langer Zeit geleerter Teller und eine leere Tasse, aber die Kellner machen nichts, um sie wegzuschicken; sie lassen sie lesen. Fast alle Gäste bleiben stundenlang und genießen ihr Essen in Ruhe. Kurz vor 15 Uhr kommen an diesem Montag ein Mann und eine Frau, die Panini und Tomatensuppe bestellen. Es gibt viele Arten von "Panini", die man bestellen kann, man kann sich auch sein eigenes machen lassen. Wer Süßes vorzieht, für den gibt es Gebäck.

Nikki Mitton trägt eine graue Sporthose und Sportschuhe. Ihre Regenjacke ist dunkelgrün und nass vom Regen. Sie schaut einen mit ihren wachen, grauen Augen an. "Er Buchetto" war nicht ihre Idee. Es sei schon ein Café gewesen, bevor sie es übernommen habe. Lange hat sie in Europa gelebt und ist viel nach Italien gereist. Sie arbeitete in der Filmbranche als "location manager", das heisst als jemand, der Drehorte für Filme findet. Ihr letzter Film war "Tristan und Isolde" von Kevin Reynolds. Dieser Film spielte im Westen von Irland, in Connemara. Irgendwann ist ihr das Reisen zu viel geworden: "Ich wollte wieder in meiner Gegend verwurzelt sein", bekennt sie. Wie ist sie auf die Idee gekommen, ein Café zu kaufen? "Mein Schwager rief mich an, als ich in Südafrika war, und sagte, dass dieses Café verkauft werden würde, weil der Besitzer mit seiner Frau zurück nach Italien wollte. Ich kam hierher und habe mich augenblicklich in das Café verliebt." Das war im Jahr 2004. Anfangs hatte sie schon Existenzängste, da sie viel wagte. Aber sie wusste, dass sie nicht zurück konnte. "Ich habe gekämpft und niemals zurückgeblickt." Seit damals hat sie nur weniges verändert. Vor allem das italienische Flair des Ortes wollte sie bewahren. Die fünf Angestellten sind Italiener. So auch Francesca Samperi. Sie hat dunkle, langgelockte Haare. Ihre Augen funkeln vor Lebensfreude. Sie ist verwandt mit dem Regisseur Salvatore Samperi. Ihre Cousine ist Maria Grazia Cucinotta, die Darstellerin der Beatrice in dem Film "Il Postino". Ihr Heimatort ist die im Film dargestellte sizilianische Insel. Francesca arbeitet seit April hier. Ob sie einen Lieblingstag hat, kann sie nicht sagen. "Eigentlich finde ich es hier immer gut. Nur wenn niemand kommt, dann gibt es nichts zu tun, und die Zeit vergeht zu langsam." Sie schätzt die freundliche Atmosphäre. "Wir haben ausgefallene Gäste, viele davon sind regulars, Stammkunden. Auch wenn wir ein kleines Geschäft sind, sind wir eine große Familie." Zum Beispiel kann man hier den jungen Regisseur John Carney treffen, der eine Auszeichnung für seinen Film "Begin again" mit Keira Knightley und Adam Levine bekommen hat, den Journalisten Colm, der stets drei Zeitungen gleichzeitig liest, und das Ehepaar Eileen und John, die hier jeden Samstag am gleichen Tisch sitzen, um gemeinsam Kreuzworträtsel zu lösen.

Seit sie das Café übernommen hat, hat Nikki Mitton kaum etwas verändert. Einmal hat sie probiert, die Tomatensuppe von der Karte zu nehmen. Ihre Kunden seien aber so unzufrieden gewesen, dass sie sie sofort wieder ins Menü aufnehmen musste. Die Frage, ob das Café immer halb voll sei, verneint sie mit einem Lächeln. Nein, am Wochenende und am Abend, wenn das Café eine Weinbar ist, fänden die Besucher oft keinen Platz.

Die Tür wird jäh geöffnet. Eine junge Frau kommt eilig hinein und bestellt zwei Paninis "to go". Die Gäste schauen erschreckt von ihren Laptops und Büchern auf, um Sekunden später wieder in ihrer eigenen Welt zu versinken.

Informationen zum Beitrag

Titel
Man sitzt dem anderen fast auf dem Schoß, das stört hier niemanden
Autor
Nick Carswell
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2015, Nr. 75, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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