Fahrrad überm Bett

Die Wohnung des Stuttgarters Wolfgang Ehehalt ist ein Gesamtkunstwerk, weiße Wände gibt es nicht, dafür aber ein blaues Geweih über der Tür.

Ein altes verrostetes Herrenrad hängt schräg an der Wand über einer am Boden liegenden Matratze. Die weiße Bettwäsche steht im Kontrast zu den Wänden, an denen die unzähligen Bilder keinen Quadratzentimeter mehr frei lassen. Der 75-jährige Künstler Wolfgang Ehehalt hat seine Wohnung im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt im Laufe seines Lebens zu einem eigenen Kunstwerk werden lassen. Außer der Matratze und den vielen Werken, die in dem quadratischen Schlafzimmer des Malers Platz einnehmen, befindet sich noch ein Bistrotisch mit einem Stuhl, dessen Sitz ein Fahrradsattel ist. An einer weiteren Wand hängt ein Selbstporträt des Künstlers, auf dem er provokant seine Zunge rausstreckt.

Nach der Schule bewarb sich Wolfgang Ehehalt an der Kunstakademie in Stuttgart und studierte dort einige Jahre. Nach Abschluss des Studiums wurde er freischaffender Künstler und begann seine Wohnung, die auch Atelier und Galerie ist, zu gestalten. Mit dem Verkauf seiner Werke kann er seinen bescheidenen Lebensstil gut bestreiten. Da er keine Familie hat und nur sich selbst versorgen muss, reicht sein Einkommen aus und er kann sich vereinzelte Reisen in weit entfernte Länder leisten. Seine grauen Haare und dezente Kleidung in gedeckten Farbtönen stehen im Kontrast zu der bunten, auffälligen Wohnung. Der Junggeselle zeigt auf die Frage nach Frauen in seinem Leben auf das über dem Bett hängende Fahrrad und sagt: "Ist ja klar, dass da jede wegrennt, wenn sie das sieht." Ein weiterer Raum, der vom dunklen Flur abgeht, ist hell und etwas kühl. In der Mitte steht ein großer Tisch, der von Farbdosen, Pinseln und alten Farbpaletten überflutet ist. Auch steht dort benutztes Wasser, das durch die vielen Farben mittlerweile lila gefärbt ist. Nicht nur das Wasser hat eine andere Farbe angenommen, auch der Tisch ist von bunten Pinselstrichen und Farbklecksen bedeckt. Kaum ein einziger Bereich der weißen Wände ist nicht bedeckt. Über der Tür hängt ein blaues Geweih, ein bunt glänzender Hahn befindet sich auf einem Rahmen, in dem ein Nest auf zerbrochenen Eierschalen liegt. Einige seiner Werke sind "reine Sachen aus Abfall". Alle Objekte sind verkäuflich und jederzeit zu besichtigen. "Jeder darf kommen, der Interesse hat an meinen Sachen", sagt er mit strahlenden Augen hinter seiner Brille.

Inspiration bekommt der Künstler auch von seinen vielen Reisen, die bevorzugt nach Afrika, aber auch nach Mexiko oder Bali führen. Jede Reise ist geprägt durch die dabei entstehenden Tagebücher: Sie bestehen aus zusammengebundenen DIN-A4-Seiten, die sich im Laufe seiner Aufenthalte durch eigene Zeichnungen oder Dinge wie Geldscheine oder Zigarettenschachteln füllen. Fotografien lehnt er rigoros ab, seine Eindrücke, die er in Skizzen festhält, sind ihm viel wichtiger. Daraus entstehen, wieder in Stuttgart angekommen, figurative Objekte, die durch Fundstücke seiner Reisen bestimmt sind. Die Gemeinsamkeit, die alle diese Kunstwerke miteinander verbindet, ist eine kleine, schwarze Fliege, die sich in jedem Stück befindet. Diese Fliege ist Ehehalts symbolische Unterschrift. Sie entstand bei dem Versuch, eine Skizze von einem Möbelstück zu zeichnen. Eine Fliege saß dabei auf dem zu zeichnenden Objekt und wurde zum Markenzeichen.

Betritt man die kleine Küche mit Dachschräge, findet man einen runden Tisch vor, an dem ein Stuhl und ein Sessel gestellt sind. Tritt man hinter den Stuhl, bilden dieser, der Tisch und der Sessel eine gerade Linie, die von einer Variation aus grauen Streifen durchlaufen wird. Die Linie verläuft über die Möbel am Boden weiter und hinauf bis zur Decke der hinter dem Stuhl liegenden Wand. Auch die Schräge in der Küche hält nicht davon ab, auch dort Kunst anzubringen.

Auch beim Verlassen der Wohnung wird man von Kunst begleitet. Im Flur ist das Licht gedämpft. Der Geruch von frischer Farbe und Holz liegt in der Luft. Neben der Tür befinden sich entlang des schmalen Flurs Masken afrikanischer Art, die durch verschiedene Brauntöne und aufwendige Muster geprägt sind. Die Gemälde, Collagen und Bilder gehen über das Innere der Wohnung hinaus. Steigt man die Treppen hinunter, kann man auch hier noch Werke betrachten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fahrrad überm Bett
Autor
Hannah Dietrich
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2015, Nr. 81, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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