Kunst aus Pigmenten, Eiern, Spucke

Die Ziegen sind meine großen Meisterinnen. Ich habe von ihnen Ausdauer, Geduld und die Versenkung in mich selbst gelernt", sagt der Südtiroler Künstler Egon Moroder Rusina. Früh zeigte sich, dass er ein Freigeist ist. In jungen Jahren brachten ihn seine gesellschaftskritischen, provokanten Kunstwerke beinahe ins Gefängnis. Einmal wurde er wegen einer Videoinstallation vom Staatsanwalt wegen Schmähung der Staatsreligion und Obszönität angeklagt, später aber freigesprochen. Ein andermal wurde eine Hexenverbrennungsinstallation aus einer seiner Ausstellungen zerhackt. Ein weiteres Erlebnis, das seine Jugend prägte, war eine Reise mit Freunden: In einem VW-Bus und ohne Führerschein sind sie damals bis nach Afghanistan gekommen.

Seit 30 Jahren verbringt Rusina den Sommer allein mit drei Ziegen und zwei Hühnern am Rande der Cuëcenes-Schlucht auf mehr als 2000 Metern Seehöhe in Gröden im Wald. Den einzigen Schutz vor den Naturgewalten bieten ihm sein Zelt und ein Unterschlupf aus Ästen, den er gebaut hat. Die spartanische Einrichtung bereitet ihm keine Schwierigkeiten: Über Jahre hatte er nämlich in der Garage seines Nachbarn auf einer Matratze geschlafen. Er lebte dort wegen eines Streits mit seinen Eltern. Sie waren nicht damit einverstanden, dass der einstige Kunstlehrer seine Stelle gekündigt hatte und mit dem Malen anfing. Der eigenwillige 65-Jährige bezeichnet sich nicht als Eremiten, denn er mag die Gesellschaft. "Wenn man sich selbst kennt, ist man nie einsam." Deshalb unternimmt er dieses Abenteuer. Er will sich selbst finden und jeden Winkel seiner Persönlichkeit erkennen. "Anfangs war es schwer, die monotone Situation auszuhalten, da wir vom Konsum abhängig sind und es uns Schwierigkeiten bereitet, ohne jeglichen Luxus zu überleben. So konzentriert man sich aber auf das Wesentliche: Gedanken und Erlebnisse. Materielle Dinge seien eine Illusion, ein Trugbild, einfach nur unbedeutend, behauptet er. Das Malen ist für ihn ein Werkzeug, das ihm hilft, sich auf das Wichtige im Leben zu konzentrieren. Es ist ein Ritus, eine Meditation. "Alles um mich herum löst sich auf. Ich gerate in einen Schwebezustand, der mich die Einheit des Weltraums erkennen lässt." Der zottlige Grödner hat früher Motive abgezeichnet, heutzutage malt er abstrakt und zeichnet seine Gedanken. Er ist von der östlichen Philosophie geprägt und kann nur bei schönem Wetter malen, weil er seine Farben aus Pigmenten, Eiern und Spucke herstellt und diese in seinem Zelt einen großen Gestank verbreiten würden. "Diese Bilder müssen fast zwei Jahre unter einer Glasscheibe ausgestellt werden, weil der Gestank die Kunstinteressierten sonst vertreiben würde", sagt er lachend.

"Meinen Tagesablauf bestimmt die Natur. Ich lebe wie ein Tier in der Wildnis, denn ich habe Ängste, die ich vorher nicht gekannt habe. In der Natur ist man nie zu hundert Prozent sicher. Diese Ängste bringen dir einen riesigen Respekt vor der unendlich großen Macht der Natur bei."

Bei schlechtem Wetter hat er die Zeit des Nichtstuns früher mit einer Flasche Wein überbrückt; das hat sich aber geändert, weil er sich die Geduld von den Ziegen abgeschaut hat und nun im Halbschlaf meditiert. "Wenn mich Leute fragen, ob sie in mein Atelier kommen dürfen, sage ich: ja! Wenn du gute Beine hast, dann komm mit mir auf 2000 Meter Höhe, dort liegt mein Atelier." Seine Werkstatt im Zentrum von St. Ulrich nennt er übrigens "Gruselkabinett", weil sie voller Skelette und toter Tiere ist, die er über die Jahre gefunden hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kunst aus Pigmenten, Eiern, Spucke
Autor
Maximilian Oberhollenzer
Schule
Bischöfliches Institut Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2015, Nr. 81, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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