Sieben Sportler und ein Tänzer aus Tahiti

Ein Fotografenpaar aus Oldenburg vermietet Zimmer, um tolle Menschen im Haus zu haben und eine Weltreise zu finanzieren. Ihre Gäste kommen als Fremde und gehen als Freunde, sagen sie.

Maike Klock ist Ostfriesin. Und sie liebt das Reisen. Um Spanisch zu lernen, packt die Kulturwissenschaftlerin ihren Koffer und fliegt nach Teneriffa. Dort sucht sie nach einer Wohngemeinschaft. Nachdem sie auf eine E-Mail-Anfrage keine Antwort bekommen hat, fährt sie direkt zu einer im Internet angegebenen Adresse und klingelt an der Haustür. Florian Frisch, der in der friesischen Stadt Varel aufgewachsen ist, hat die WG gegründet, vor deren Tür Klock jetzt steht. Die Wohnung dient ihm und seinen zwei Geschäftspartnern, die im Online-Business tätig sind, als Arbeitsdomizil. Freie Zimmer werden an Urlauber vermietet. Doch die Besucherin ist keine Urlauberin. Die 29-Jährige will auf unbestimmte Zeit einziehen. Kurzerhand beraten sich die WG-Bewohner und stimmen ab. Am nächsten Tag steht Maike Klock erneut vor der Haustür - diesmal mit einem Koffer in der Hand. "Nach 15 Monaten hat sie mich geküsst", sagt Florian Frisch zehn Jahre später und lächelt. "Solche tollen Dinge passieren, wenn man die Tür aufmacht."

Jetzt sind Maike und Florian Frisch verheiratet und als Fotografenduo tätig. Seit vergangenen Juni machen sie die Tür besonders häufig auf. Über die Internetplattform Airbnb vermieten sie ein Gästezimmer in ihrem Loft in der Oldenburger Innenstadt. "Vor der Anreise hat man ein wenig E-Mail-Kontakt mit den Gästen. Eigentlich lässt man sich aber sowohl als Gast als auch als Gastgeber überraschen, mit wem man sich eine Wohnung teilen wird. Gerade das ist das Spannende an der ganzen Sache", erklärt der 36-jährige Florian Frisch.

Die Fotografen sind selbst einige Male mit Airbnb verreist. Sie fragten sich, was sie anders machen würden, wenn sie ihren eigenen Loft vermieteten - und probierten es aus. Maike Frisch empfängt jeden ihrer Gäste mit einer festen Umarmung. "Kaffee oder Tee?" ist die erste Frage, die einem Besucher gestellt wird, nachdem er zahllose Stufen erklimmen musste, um in die Wohnung zu gelangen. "Es ist doof, wenn man im Urlaub leise durch ein Wohnzimmer schleichen muss. Deshalb sagen wir unseren Gästen, sie sollen sich ganz wie zu Hause fühlen. Sie dürfen Klavier spielen und kochen, wann immer sie wollen", sagt Florian Frisch und trinkt einen Schluck Cola. "Bei uns kann man sich sowieso nicht leise fortbewegen", pflichtet seine Frau ihm lachend bei und deutet auf den Holzfußboden, der bei jedem Schritt knarrt.

Ein weitläufiger Raum mit einer Decke aus dunklen Holzbalken beherbergt die Küche sowie den Ess- und Arbeitsbereich. In der einen Ecke steht ein Klavier, in der anderen ein charmant anmutender, weißer Buffetschrank. An den Wänden hängen in gleichmäßigen Abständen große Schwarzweiß-Fotografien von Menschen in der Natur. Die Kühlschranktür ist zugepinnt mit Fotos. Über dem Esstisch hängen Bilder an einer Wäscheleine. Eine Holztreppe mitten im Raum führt hinunter in den Wohn- und Schlafbereich für Gäste und Gastgeber.

Das Gästezimmer der Frischs kostet 39 Euro je Nacht und sieben Euro für jeden weiteren Gast. "Das Geldverdienen ist ein netter Nebeneffekt, aber ausschlaggebend war für uns die Aussicht darauf, tolle Menschen im Haus zu haben", erklärt Fotograf Frisch. Er und seine Frau finanzieren damit eine Weltreise, die sie im Juli antreten werden. Dann werden die Gastgeber wieder zu Gästen, wenn sie bei anderen Airbnb-Nutzern Unterschlupf finden. "Eine Kaffeekasse gibt es bei uns übrigens nicht. Tee oder Kaffee anzubieten ist für uns eine Form von Gastfreundschaft", fügt Maike Frisch hinzu und umfasst den Griff der Teekanne. "Noch eine Tasse Kräutertee gefällig?"

Überwiegend kämen Buchungsanfragen aus Deutschland. Es seien aber auch schon Gäste aus den Niederlanden, Österreich, Belgien, Israel und Tahiti angereist. "Ein Balletttänzer aus Tahiti war bei uns", sagt sie fröhlich. Verschiedene Anlässe treiben Menschen zu den Frischs. Einige wollen jemanden in Oldenburg besuchen, aber kein Hotel mieten. Andere haben ein Seminar oder ein Vorstellungsgespräch in der Stadt. Dann gebe es noch jene, die die niedersächsische Universitätsstadt bloß erkunden wollten. "Einmal übernachteten sieben junge Squash-Spieler bei uns. Sie waren für ein Turnier angereist. Der ganze Wohnzimmerfußboden lag nachts voller Menschen, denn eigentlich ist im Gästezimmer nur Platz für zwei. Am nächsten Morgen haben wir alle in Pyjamas Kaffee getrunken. Das hat richtig Spaß gemacht", erzählt sie.

Eines hätten ihre Gäste gemeinsam: die Neugier auf Menschen. "Oft haben wir gehört, dass unsere Gäste Hotels zu steril fänden. "Mit Airbnb reist man auf einer persönlicheren Ebene. Gast und Gastgeber interagieren miteinander", meint Florian Frisch und rückt seine Brille zurecht. "In einem Loft kann man gar nicht verhindern, dass man einander begegnet." Allerdings habe es schon ein Missverständnis gegeben: Ein niederländisches Pärchen habe die Beschreibung des Inserats nicht gelesen, so dass sie nicht drauf gefasst waren, Maike und Florian Frisch ständig über den Weg zu laufen. "Sie haben sich das einfach anders vorgestellt. Wir waren leicht irritiert, als sie die meiste Zeit ihres Aufenthalts allein im Gästezimmer verbrachten", sagt die Fotografin. "Mit den meisten Gästen sitzen wir abends aber oft zusammen und unterhalten uns. Mit Interessierten machen wir ein Fotoshooting", erklärt ihr Mann. "Unsere Gäste kommen als Fremde und gehen als Freunde." Seine Frau fügt hinzu: "Es wäre total anstrengend, sie überhaupt als Gäste zu sehen. Dann wäre man ja Gastgeber. Sobald sie über die Türschwelle treten, sind sie eigentlich schon Freunde - oder eben Mitbewohner."

Im September habe eine junge Frau aus Süddeutschland das Gästezimmer für zwei Wochen gebucht. Sie studiert in Oldenburg, fand aber noch keine WG. Die Suche habe sich auch weiterhin schwierig gestaltet, wie Maike Frisch erzählt. "Da wir uns prima verstanden, boten wir ihr an, einfach bei uns wohnen zu bleiben. Und das tat sie. Jetzt leben wir wieder in einer WG." Ihr Mann nickt. "Wie gesagt: Tolle Dinge können passieren, wenn man die Tür öffnet."

Stephie, die Studentin, schlafe im Wohnzimmer, das im unteren Stockwerk des Lofts liegt. In einer Nische desselben großen Raumes steht das Ehebett der Frischs. Es ist bloß durch einen weißen Vorhang vom Wohnbereich getrennt. "Unseren Gästen steht ein durch Wände und Türen abgetrenntes Zimmer zur Verfügung. Aber wenn sie ins Bad wollen, müssen sie an unserem Bett vorbei", erklärt Maike Frisch. "Gut, dass wir einen gesegneten Schlaf haben."

Fast die Hälfte der Zeit, in der sie ihre Unterkunft vermieteten, teilen sie ihren Loft mit Nicht-Oldenburgern. "Privatsphäre wird überbewertet", sagt Florian Frisch. "Naja", gibt seine Frau zu bedenken. "Florian und ich arbeiten zusammen. Seit zehn Jahren verbringen wir fast jeden Tag miteinander. Außerdem sind unsere Gäste gar nicht den ganzen Tag im Loft. An Zweisamkeit mangelt es uns also nicht." Eine weiße Katze tapst über das Sofa und lässt sich auf dem Klavierstuhl nieder. "Man kann übrigens auch den gesamten Loft mieten", sagt Maike Frisch. "Wir ziehen dann zu unseren Eltern oder gehen selbst auf Städtereise. Unsere beiden Katzen Sila und Indy mietet man allerdings mit. Wenn wir ausziehen, kümmern sich unsere Gäste um sie."

In ihrem Bekanntenkreis hören die Frischs oft Aussagen wie "Um Himmels Willen, wie könnt ihr bloß wildfremde Menschen in eure Wohnung lassen? Das tut man doch nicht." Die Frischs entgegnen: "Wir tun das - und wir finden es großartig."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sieben Sportler und ein Tänzer aus Tahiti
Autor
Alina Buxmann
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2015, Nr. 85, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180