Nach der Vorlesung in den Schönheitssalon

An der elitären privaten Yeditepe-Universität in Istanbul werden Studenten zu Klienten. Das ist für die Stipendiaten nicht immer einfach. Ich wollte immer schon auf die Yeditepe-Universität gehen." Özge Findik sitzt mit überschlagenen Beinen auf einer dunkelgrün lackierten Bank inmitten des dunklen Pinienwäldchens auf dem Campus der Yeditepe Üniversitesi in Istanbul. Fröhliches Stimmengewirr durchdringt die Wipfel der noch jungen, schlanken Bäume, in deren Schatten es sich kleine Studentengruppen gemütlich gemacht haben. Die 19-jährige Özge studiert im zweiten Semester Philosophie an der 1996 gegründeten privaten Hochschule, die ihren Namen Yeditepe - auf Deutsch "sieben Hügel" - der Lage auf einem der sieben Hügel Istanbuls verdankt. Vor dem Studium besuchte das hübsche, zierliche Mädchen ein Gymnasium des türkischen Istek-Verbands, eines privaten Verbands von Bildungs- und Kultureinrichtungen, unter dessen Trägerschaft auch die Yeditepe-Universität steht. "Mein Gymnasium hat schon früh Ausflüge hierhin organisiert, um uns die Uni zu zeigen und Werbung zu machen", sagt Özge. Freunde und Familie sprachen immer wieder von den "großartigen Möglichkeiten", die eine so junge, moderne Universität mit Lehrkräften internationalen Ranges bietet. Als ihr Bruder schließlich das Studium in Yeditepe begann, stand auch für Özge fest, welche Uni sie einmal besuchen wollte: "Ich war überglücklich, als ich bei der nationalen Hochschulaufnahmeprüfung ÖSS eine so hohe Punktzahl erreichte, dass ich Yeditepe würde besuchen können. Und nicht nur das, sie boten mir sogar noch ein Stipendium an." Von diesem Glück können andere ÖSS-Absolventen nur träumen. Ausschließlich Bewerber mit den besten Prüfungsergebnissen haben die Gelegenheit, sich überhaupt an der Yeditepe-Universität zu bewerben. Nicht zu unterschätzen ist aber vor allem die finanzielle Komponente: Selbst wenn die angehenden Studenten hervorragend qualifiziert sind, erhalten sie nicht immer ein Stipendium. Die Studiengebühren von durchschnittlich 20 000 Lira, also 10 000 Euro im Jahr, für den Studiengang Medizin sind es 30 000, stellen für viele ein Problem dar und geben den Ausschlag, das Studium an einer kostenlosen staatlichen Universität aufzunehmen. Um sowohl den leistungsstarken, aber weniger zahlungskräftigen Schülern einen größeren Anreiz zu schaffen, die Mühen einer Bewerbung für ein Stipendium auf sich zu nehmen, als auch die vermögenden Familien davon zu überzeugen, dass sich die Investition in eine Ausbildung auszahlt, betreibt die Universität großen Aufwand: Das Werbeprogramm reicht von 20 Tagen der offenen Tür bis hin zu dem sogenannten Tanitim Programi, in dessen Rahmen mehrere Gruppen von Professoren und Assistenten Gymnasien in östlichen Teilen der Türkei bereisen. Ausgerüstet mit Werbegeschenken wie Ipods, T-Shirts und Laserpointer-Kugelschreibern, allesamt mit dem Universitätslogo bedruckt, informieren die Lehrkräfte die Abschlussjahrgänge der Gymnasien über Vorzüge und Angebote der Universität. "Da wir noch eine sehr junge Universität sind, ist diese Werbearbeit wichtig. Auch wenn wir uns inzwischen weit über Istanbul hinaus einen Namen gemacht haben, wissen in Ost-Anatolien noch nicht alle, dass es Yeditepe gibt. Außerdem ist die Konkurrenz groß: Allein im Jahr 2010 wurden in der Türkei mindestens zehn neue Privatuniversitäten gegründet", erläutert Philosophieprofessor Dogan Özlem, der jährlich eine der Werbetouren in den Nordosten der Türkei organisiert. Damit auch die Gymnasiasten im äußersten Ost-Anatolien nicht nur von der Privatuniversität und ihren Angeboten erfahren, sondern auch einmal hautnah erleben, wie das Studentenleben dort aussieht, lädt Yeditepe jährlich viermal 1000 Schüler und Lehrer nach Istanbul zu einem einwöchigen Aufenthalt ein. Die besten fünf Schüler und weitere fünf Lehrer jeder zuvor auf der Werbetour besuchten Schule werden vier Nächte lang auf dem Universitätscampus in den modernen, luxuriös ausgestatteten Studentenwohnheimen beherbergt. Tagsüber stehen Schnupperseminare, Sightseeing in den historischen Stadtteilen Istanbuls und Bosporustouren auf dem Programm. Den Höhepunkt stellt ein Wochenende im universitätseigenen Fünf-Sterne-Hotel Doga-Club am Schwarzen Meer dar. Was genau die zukünftigen Yeditepe-Studenten erwartet, erschließt sich erst bei einem Besuch des Geländes: Mehr als 125 000 Quadratmeter erstreckt sich der von dichten Pinienwäldern umrandete Campus. Die quaderförmigen, aus orange-senffarbenem ostanatolischen Sandstein erbauten Gebäude wirken aus der Luft wie gewaltige Bauklötze, die die Architekten wahllos auf dem grünen Untergrund verteilt haben. Spitz zulaufende, reich verzierte Eingangsportale bilden einen Kontrast zu den klaren geometrischen Formen der Gebäudekomplexe. Im Zentrum des Areals, gleich gegenüber dem Hauptgebäude, liegt das "Sosyal Tesisleri", Freizeitzentrum und Lebensmittelpunkt der Studenten. Im Inneren wird der Besucher von Essensduft und lautem Stimmengewirr empfangen. Neben einem gehobenen Restaurant, zwei Mensen und einem Pizzashop mit Dachterrasse beherbergt das Gebäude einen Einkaufsbereich mit Boutiquen, Friseur, Kosmetiker, Schreibwarenladen und Post. Auf der Beliebtheitsskala der Studenten folgt nach dem Schönheitssalon gleich der Sport- und Wellnessbereich im Untergeschoss des Gebäudes. Dort stehen den erholungsbedürftigen Studenten Innen- und Außenpool, Sauna, Fitnesscenter und Sporthallen zur Verfügung. In der "Olympiahalle" geben orientalisch geformte Panorama-Fenster, die direkt an das große Schwimmbecken grenzen, den Blick auf weitläufige Pinienwälder frei. Den gegenüberliegenden Rand des Olympiabeckens säumen Tribünen. "Bei Wettkämpfen genießen die meisten Zuschauer nur den traumhaften Ausblick und vergessen darüber ganz den Schwimmwettkampf", sagt Özge lächelnd. Im Sommer, wenn die Hitze auf den Straßen Istanbuls unerträglich wird, treffen sich Studenten und die Lehrenden, die keinen eigenen Pool besitzen, mit ihren Familien am Außenpool Yeditepes. Doch nicht alle Studenten nutzen diese Freizeitangebote mit Begeisterung: "Im Vergleich zu anderen Unis ist es hier schon teuer, mal kurz etwas in der Mensa zu essen, da kann ich mir kein Abonnement für den Fitnessbereich leisten. Für viele hier ist Geld aber kein Thema. Die sind Dauergast beim Friseur und gehen jeden Tag shoppen", sagt Erdem Ünal, Stipendiat im dritten Semester. Der sympathische 21-Jährige hat im Rahmen seines Philosophiestudiums 2008 zwei Auslandssemester an der Universität Köln verbracht. Direkte Vergleiche zwischen der staatlichen deutschen Uni und seiner türkischen Privatuni möchte er nicht ziehen. Unleugbar scheint jedoch der gravierende Unterschied in der technischen und räumlichen Ausstattung. Erdem ist bewusst, dass Yeditepe auf das Geld der reicheren Studenten angewiesen ist, um einen hohen materiellen Standard gewährleisten zu können: "30 Prozent aller Studenten sind Stipendiaten. Da braucht die Universität einen finanziellen Ausgleich. Um überleben zu können, nimmt sie die übrigen Studenten aus." Professor Dogan Özlem sieht die zunehmende Wandlung der Universität zum Wirtschaftsunternehmen, die sich in einigen Bereichen vollzieht, kritisch: "Studenten werden zu Klienten, die es zufriedenzustellen gilt. Das kann in mancher Hinsicht, zum Beispiel in ihrer Einstellung gegenüber Lehrenden, zum Problem werden." Als größere Schwierigkeit betrachten jedoch viele die Ungleichheit der Studenten, die durch die zum Teil kommerzielle Ausrichtung Yeditepes noch verstärkt wird. Die 20-jährige Derya Sakin kennt die Differenzen zwischen Stipendiaten und zahlenden Studenten. "Was die Freizeit betrifft, gibt es schon große Unterschiede. In ein Restaurant auf dem Campus gehen nur ganz bestimmte Studenten, die Stipendiaten treffen sich zum Essen fast alle in der Mensa. Manche Studenten, die nie zum Kosmetiker gehen und keine Designer-Kleidung tragen, werden gedemütigt. Besonders die Mädchen legen viel Wert auf das Äußere." In ihrem Lernverhalten unterscheiden sich Stipendiaten und Nichtstipendiaten allerdings nur geringfügig. "Natürlich gibt es immer mal wieder welche, die acht Jahre lang studieren und nicht fertig werden, weil sie wissen, dass ihre Eltern ohnehin bezahlen und der Job im Familienunternehmen warten kann. Die genießen lieber das Essen in den Restaurants und liegen stundenlang am Pool", sagt Erdem Ünal. Doch das sei die Ausnahme. Schließlich sei es das Ziel fast aller Studenten, für ihr Leben zu lernen und mit einem ausgezeichneten Yeditepe-Abschlusszeugnis in ihr Berufsleben zu starten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach der Vorlesung in den Schönheitssalon
Autor
Estelle Kleefisch, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2011, Nr. 9 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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