Eine Jurte in den Südtiroler Bergen

Er wohnt in einem mongolischen Zelt inmitten des Südtiroler Bergdorfs Steinegg im Anblick der mächtigen Felstürme des Rosengartens. Der niedere und schmale Eingang in die Jurte ist typisch für die kleinen mongolischen Zelte. Mit Einrichtungsgegenständen wie einem selbstgebauten Bett, einer alten Nachttischlampe und einem kleinen Ofen verbringen Elmar Schroffenegger und seine Frau im Winter dort ihre Nächte. Der kleine Ofen schafft es, die Temperatur im Zelt konstant auf null Grad zu halten - bei einer Außentemperatur von minus neun. "Doch einen besonderen Vorteil hat das Zelt: An kalten Wintertagen kann man morgens die kleine Eingangstür öffnen, und trotzdem wird es im Inneren des Zeltes nicht kälter. Die Außentemperatur ist nämlich nicht viel niedriger als die Innentemperatur", erzählt der Besitzer und lacht. Im Sommer übersiedeln die beiden in eine kleine Behausung nebenan, die in den kalten Wintertagen nicht bewohnbar wäre.

Eine solche Lebensweise pflegt Schroffenegger schon seit seiner Jugend, anfangs noch alleine, später teilte er sein Zuhause mit seiner Freundin. Seine Einstellung zur heutigen Gesellschaft hat er teils aus seiner Familie mitbekommen, teils sie durch eigene Überlegungen errungen. Die meiste Zeit verbringt Schroffenegger allerdings bei seinen Tieren. Neben Hunden und Katzen besitzt er Hennen, Pferde, einen Ochsen und eine Herde von Ziegen. Erstaunlich ist, wie die Tiere in Gemeinschaft leben ohne jegliche Streitereien oder gegenseitiges Aufhetzen. Der Stall steht neben Zelt und Sommerbehausung. Dort liegt ein furchterregender Hund neben einer kleinen, sanftmütigen weißen Ziege. Elmar Schroffenegger hat dafür eine einfache Erklärung: "Man kann an solchen Beispielen genau erkennen, wie die Tiere und andere Lebewesen genau aufeinander abgestimmt sind." Leidet ein Tier unter irgendeiner Krankheit, so versucht er es stets mit natürlichen und biologischen Mitteln zu heilen.

Er will getrennt von der heutigen, nach Gewinn ausgerichteten Welt leben, einen stressfreien Alltag führen können, ohne jegliche technische Hilfsmittel. Sein Freund des Lebens sei die Natur. Bewusst lebt er abgeschieden von der heutigen Wegwerfgesellschaft. In seiner Ansiedlung wird nichts in den Mülleimer geworfen, alles wird wiederverwertet. Sogar Bierdeckel werden beim Bau eines Indianerzelts verwendet, um Unterlegscheiben zwischen Holz und Nagel zu vermeiden. Dieses Indianerzelt erbaute er vor einigen Jahren als Übernachtungsstätte im Sommer.

Jedoch wurde es zu einer Art Herberge für Touristen. "Jährlich kommen Besucher aus verschiedenen Ländern wie zum Beispiel aus Holland, um hier bei mir ihren Urlaub zu verbringen. Vier schmale Betten und ein aus Lehm erbauter Ofen zur Zubereitung der Mahlzeiten reichen für die Bewohner aus." Das Zelt steht inmitten seines sogenannten "Ötzi-Dorfes". Der Grund für den Namen "Ötzi-Dorf" sind die vielen selbstgebauten alten Werkzeuge, die aus der Zeit Ötzis stammen könnten. So gibt es einen Herd aus Lehm, auf dem kaltes Wasser mit Hilfe eines Feuers erwärmt werden kann und schließlich durch ein dünnes Rohr zum Wasserhahn rinnt.

Und es gibt eine Mühle, die er von Hand gemeißelt hat: Das Korn, das im Spalt der beiden flach aufeinandergelegten Steine gemahlen wird, gelangt durch eine schmale Öffnung in ein freies Holzgefäß. Doch die Raffinesse dieses Werks liegt an den einzelnen kleinen Steinen, die am oberen Stein befestigt sind, gleichzeitig aber verstellbar sind. Dies dient dazu, dass der Müller selbst bestimmen kann, wie fein oder grob das Korn gemahlen werden soll.

Schroffeneggers Speisekarte setzt sich aus all jenen Produkten zusammen, die er bei sich zu Hause finden kann. Sie reicht von Pflanzen und Gräsern bis hin zu jenen Lebensmittel, die die Tiere hergeben. Besonders auf die vielen Gewürze und Kräuter legt er großen Wert. Er bewahrt sie in seiner Aufenthaltshütte und zugleich Küche auf einem Holzregal auf.

In diesem wasserdichten Zelt lagern Werkzeuge. Man möchte fast meinen, dass er den Beruf als Schuster erlernt hat. Er arbeitet mit höchster Genauigkeit an seinen aus Leder gefertigten Indianerstiefeln und an spitzen Ritterschuhen. Diese finden ihren Gebrauch in den in den Südtiroler Burgen aufgeführten mittelalterlichen Theaterstücken, die zur Unterhaltung und dem Darstellen des früheren Schlosslebens dienen. "Warum soll ich im Geschäft teure, in Massen gefertigte Schuhe kaufen, wenn ich mir sie selbst bauen kann?", fragt er.

Der Mann lebt offenkundig nicht unzufriedener als jeder andere Mensch. Seine Gelassenheit kann man in den unterschiedlichsten Situationen erkennen. Eine Zigarette kann er in aller Seelenruhe rauchen, so dass er sie sogar immer wieder erneut anzünden muss, da sie ihm während des Rauchens ständig erlischt. Welcher Manager oder vielbeschäftigte Arbeiter hat heute noch Zeit, eine Zigarette zu genießen und sie nicht zum Stressabbau zu verwenden?

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine Jurte in den Südtiroler Bergen
Autor
Sabrina Vieider
Schule
Bischöfliches Institut Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2015, Nr. 85, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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