Wille fürs Miteinander

Verständnis, Spaß und Toleranz sollte man unter anderem mitbringen, damit das Leben im Mehrgenerationenhaus funktioniert", sagt Landwirt Elmar Preut. Der 48-Jährige lebt mit seinen Eltern, seiner Frau und drei Kindern auf einem Bauernhof in Friesoythe im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg. "Auch wenn die Freiheiten des Einzelnen etwas eingeschränkt sind, ist die gegenseitige Hilfe sowohl auf dem Hof als auch im Haushalt und Garten von Vorteil", sagt Preut. Sein Sohn Josef hilft ihm regelmäßig auf dem Hof. Seien es die Stallarbeiten, die Bearbeitung der Ackerflächen oder die Büroarbeiten. "Doch am liebsten fahre ich Trecker", schwärmt der blonde 14-Jährige. "Auch wenn ich nur auf dem Acker fahren darf, weil ich noch keinen Führerschein habe, macht es trotzdem Spaß." Josef möchte später den Hof übernehmen, dann würde der Hof in die vierte Generation übergehen. "Der Erfahrungsaustausch zwischen Jung und Alt findet täglich statt. Jeder lernt vom anderen und erhält Tipps. Das hilft mir für die Zukunft." In seiner Freizeit spielt er Schlagzeug und Cajon und in einer Big Band. "Sollte es mit der Landwirtschaft nicht klappen, weil es die Politik so will, werde ich eine Karriere als Schlagzeuger anstreben", schmunzelt er ironisch.

"Dadurch dass die Großeltern mit im Haus leben, kann ich Teilzeit arbeiten", sagt seine Mutter Hildburg Preut. Die 44-Jährige arbeitet seit 28 Jahren als pharmazeutisch-technische Assistentin in einer Apotheke in Friesoythe. "Früher haben sich dann die Oma und der Opa um die Kinder gekümmert, während ich arbeitete. So erleben auch die Großeltern, wie die Enkel aufwachsen und sich entwickeln." Ihre blaue Brille zurechtrückend fügt sie hinzu: "Durch das Zusammenleben lernt man nicht nur Rücksichtnahme, wenn mal jemand seine Ruhe haben möchte, sondern auch Respekt und Verständnis für Senioren. Nämlich, dass sie vielleicht nicht sofort alles verstehen und man ihnen es noch ein weiteres Mal erklären muss. Dies hilft mir auch sehr bei der Arbeit, wenn ältere Kunden in die Apotheke kommen." Wenn Hildburg Preut gerade nicht der Arbeit in der Apotheke nachgeht, pflegt sie mit Leidenschaft den Hof und den Garten, bereitet das Mittagessen vor und hält den Haushalt in Ordnung. Oder sie fährt am Nachmittag die Kinder zu deren Hobbys oder Freunden.

Josef und Hanna Preut sind die erste Generation im Haus. "Es ist immer spannend und aufregend. An jedem Tag passiert etwas anderes", beschreibt die 73-Jährige den Alltag im Generationenhaus. Ihr Ehemann Josef fügt hinzu: "Es ist abwechslungsreich und nie langweilig." Der 85-Jährige erledigt heute die kleinen Dinge auf dem Hof wie Holz stapeln oder Rasen mähen. Er trägt eine blaue Stoffjacke und Stiefel mit einer klassischen Opa-Schirmmütze. "Der Wille für ein Miteinander muss da sein, ansonsten klappt das Zusammenleben nicht", sagt er. Seine Frau, eine gelernte Schneiderin, bereitet das Mittagessen vor. Es gibt ihre Spezialität Hühnerfrikassee aus einem selbst aufgezogenen Hähnchen. "Man ist nie auf sich allein gestellt", sagt die rüstige Rentnerin. Immer sei jemand da, den man um Rat und Hilfe bitten kann. "Oft helfen die Enkelinnen mir beim Kuchenbacken oder kochen. Dennoch muss man sich anpassen können und sich entgegenkommen."

Die älteste Tochter Lisa studiert Agrarwissenschaften in Göttingen. "Auf der einen Seite vermisse ich das Leben im Mehrgenerationenhaus, aber auf der anderen Seite bin ich auch froh, wenn ich mal die ganzen Dinge wie Rücksichtnahme, Verständnis und Respekt in Göttingen nicht beachten muss und meine Freiräume genießen kann", sagt die dunkelblonde 20-Jährige. "In Göttingen kann ich mit meinen Freunden einfach tun und lassen, was ich will. Zum Beispiel die legendären Partys in der Universität oder das gemeinsame Umherziehen durch die Straßen am Abend." Als sie noch zu Hause wohnte, hat sie ihre kleinen Geschwister betreut, eingekauft oder im Haushalt mitgeholfen. Jetzt kommt sie meistens jedes zweite Wochenende. "Ich freue mich immer wieder auf zu Hause. Denn das Leben im Mehrgenerationenhaus hat etwas Gemeinsames und verbindet."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wille fürs Miteinander
Autor
Hanna Preut
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2015, Nr. 85, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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