Zufrieden mit Plumpsklo und Petroleum

Gottfriedstutz!", gottverdammt, hört man ihn rufen, wenn man auf seinem Berg ankommt. Ein Lächeln huscht über sein gerötetes, mit wild gekraustem, weißem Backenbärtchen durchzogenes Gesicht. Da steht er nun in seinem dunkelgrünen, alten Pullover, mit den Sennenhosen und den mit feinen, bis ins Detail bearbeiteten goldenen Messingkühen bestickten Hosenträgern stolz vor seinem selbsterbauten traditionellen Appenzellerhaus. Einer der letzten Sennen im Appenzellerland, Chapf-Köbi, wie man ihn nennt. Hier auf dem Chapf ist er der Herr. Von hier, wo man bis zum Schwarzwald sieht, wohnt er mit seiner Frau, den Geißen und seinem unermüdlichem Lebensgeist.

Vor fünf Jahren gab es ein Unglück. Eines Morgens kam ein Fuhrwagen mit einem angespannten Pferd den schmalen Weg zum Chapf hinauf. Es regnete, und der Wind fegte um den Kutscher und sein Pferd herum. Da passierte, was er befürchtete. Das Pferd machte einen Fehltritt und stürzte den Abhang hinunter. Chapf-Köbi machte sich auf die Suche nach ihnen und fand beide schließlich neben dem Weg ein gutes Stück weiter unten. Dem Kutscher konnte nicht mehr geholfen werden, das Pferd wurde von einem Tierarzt abgeholt und musste später eingeschläfert werden. "Zum Glück war dies ein Einzelfall", sagt er traurig.

Das Schönste für Köbi sind Arbeit, Gesundheit und Frauen. Arbeit hat er genug, morgens muss er seine Geißen, Schweine und Pferde, von denen er jeden einzelnen Namen kennt, auf die Weide lassen. Danach geht er käsen und Holz für den Winter sammeln. Wenn er nicht genug Holz hat, werden die Nächte kalt.

So abgelegen, wie er wohnt, kommen bei ihm nicht viele Leute vorbei. Was in der Welt geschieht, hört er von den kurzen Gesprächen mit seinen Gästen oder bei seinen seltenen Ausflügen. Doch trotzdem liebt und erträgt er sein hartes Leben als Senn ohne Strom, Heizung oder Freunde, die er nicht oft sieht.

Nur an schönen Tagen, wenn sich Familien auf eine Wanderung machen, kommen sie gerne in seine Beiz hinein und bedienen sich seiner Gastfreundlichkeit. Da kann es schon mal sein, dass ein Bundesrat vorbeischaut. Am meisten gefällt es ihm aber, wenn er unter weiblichen Gästen ist. "Diä hani hald scho früener gern gha!" Er ist unbestritten ein Charmeur, er versteht, wie mit Frauen umzugehen ist. Auch wenn er eine Frau hat, kann er nicht aufhören mit seinen weiblichen Gästen zu flirten.

Er ist ein Erfinder oder, wie er sich selbst beschreibt, ein "Pröbler". Er schreinert alle seine Möbel selbst, sein Haus hat er selbst geplant und erbaut. Er sieht den Dingen an, wie sie erbaut wurden, und kann dies ohne Pläne nachbauen. Nur geübte Schreiner oder Zimmermänner können an seinen Möbeln erkennen, dass sie nicht von einem gelernten Handwerker geschreinert wurden. "Die Schule war mir nie das Wichtigste. Ich mochte lieber die Frauen", schmunzelt Chapf-Köbi.

Jedoch forderte dies auch seinen Tribut. Er schloss die Schule nicht ab, da er bei seinem Vater im Stall arbeiten konnte, bis ein Blitz einschlug und den Hof bis auf die Grundmauern zerstörte. Kurz darauf starb sein Vater, und Chapf-Köbi baute nach langem Überlegen sein eigenes Haus auf. Auch wenn es nicht viel Luxus bietet, reicht es für den bescheidenen Mann und seine Frau. Seine drei mittlerweile erwachsenen Kinder schauen jede Woche vorbei. Es gibt weder eine Toilettenspülung noch Strom, dafür aber ein Plumpsklo und Petroleumlampen.

Ein anderes Leben kann er sich nicht vorstellen. Er habe alles, was man brauche. Und vielleicht wird sich manch einer eines Tages fragen, ob er nicht auch so unabhängig und ohne den Alltagsstress leben möchte wie Chapf-Köbi.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zufrieden mit Plumpsklo und Petroleum
Autor
Dominik Alder
Schule
Kantonsschule , Torgen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2015, Nr. 91, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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