Sitzfleisch, flinke Hände und ein gutes Augenmaß

Es riecht nach Weiden. Das Radio läuft. Stühle stehen in einer Ecke. Ein kleiner Kamin sorgt in dem großen Raum mit Holzboden für angenehme Wärme. An einer Wand hängen geflochtene Handtaschen und eine Weltkarte. Eine Treppe führt nach oben, wo weitere Körbe und Stühle ausgestellt sind. Die Werkstatt von Stefan Rippstein befindet sich in einem großen roten Holzhaus, das etwas außerhalb von Sand am Main liegt, einer kleinen Gemeinde in den Haßbergen. Hier ist der Arbeitsplatz des 45-Jährigen. Gerade flicht der Mann mit braunen Haaren, der Jeans und einen blauen Pullover trägt, einen runden Einkaufskorb aus dunklen und hellen Weiden.

Stefan Rippstein ist der letzte hauptberufliche Korbflechter seiner Gemeinde. Geflochten wird in Sand nach den Chroniken schon seit dem 16. oder 17. Jahrhundert. Die Weide ist schon immer am Main gewachsen und eignet sich gut zum Verarbeiten, da sie biegsam ist. "Jede Kultur, jede Region arbeitet mit ihren speziellen Flechttechniken, und es kommt darauf an, was dort wächst", erklärt Rippstein. Im 18. Jahrhundert wurde Handel mit den Körben getrieben, und später ist der Beruf der Raaser entstanden. Jeder "Reisende" hatte seine eigene Verkaufsregion und zog mit der Ware, die er beim Korbflechter gekauft hatte, von Haus zu Haus, um die Körbe anzubieten. Seit dem Sommer 2014 steht auf dem Dorfplatz in Sand am Main ein Denkmal zu Ehren der Sander Raaser.

Anders als diese sind die Korbmacher von früh bis abends in ihrer Werkstatt mit anderen Korbmachern ihrem Beruf nachgegangen. "Manche haben halt lieber den ganzen Tag in der Werkstatt gehockt und ihre Körbe gemacht, und manche sind halt raus in die Welt und haben die Körbe verkauft." Jeder Korbmacher hatte seine eigene Weidenanlage. Es war eine Familienarbeit, und ganz Sand hat von diesem Handwerk gelebt. Den Korb habe meistens der Mann geflochten, die Frauen dagegen hätten leichtere Arbeiten übernommen, wie zum Beispiel die Böden zu flechten oder die Weiden zu schneiden.

Schon Rippsteins Urgroßvater hat Körbe geflochten, also ist der Beruf seit vielen Generationen in der Familie. "Ich habe es von meinem Vater gelernt, aber ich war dann schon in der Fachschule für Korbflechterei, wo man es vielfältiger lernt und kreativer. Also mehr Techniken." Am Anfang stand das Flechten von Übertöpfen, die in den achtziger Jahren Modeartikel waren. Heute sind seine Lieblingsartikel ein schöner Einkaufskorb oder ein stabiler Holzkorb, an dem die Kunden ihre Freude haben.

Nachdem er seinen Meisterbrief hatte, machte er sich mit seiner Werkstatt 1993 selbständig. An einem Tag arbeitet er zehn bis vierzehn Stunden, auch samstags. "Ein Korbmacher muss einfach viel mehr Stunden arbeiten als ein anderer Handwerker, damit er seinen Verdienst hat", sagt Rippstein. Wenn ihm einmal eine Weidenlänge ausgeht, kauft er diese bei Flechtbedarfsfirmen nach.

Zum Korbflechten braucht man nur wenige Werkzeuge: eine Schere, ein Messer, einen Pfriem und ein Schlageisen, mit dem die Weiden festgeklopft werden. Dennoch sind die Hände das wichtigste Arbeitszeug. Die Zeit, die benötigt wird, um einen Korb anzufertigen, hängt von der Größe und der Technik ab, aber im Durchschnitt braucht Stefan für einen Einkaufskorb drei Stunden. Dieser kostet dann 50 bis 60 Euro. "Ich brauche fast keine Maschinen", erzählt er. "Das ist eigentlich ein großer Vorteil. Man muss also nicht viel investieren, wenn man sich selbständig machen will." Von der Arbeit kann er gut leben, er kann seine Familie ernähren und auch in den Urlaub fahren. Mit einem Fabrikarbeiter möchte er nicht tauschen. "Ein Korbmacher ist sehr unabhängig. Ich kann mich raus auf eine Wiese setzen. Ich könnte in der Fußgängerzone flechten, wenn ich Lust hätte. Arbeiten kann ich überall, wenn ich will." Ein Korbmacher brauche Sitzfleisch, flinke Hände und ein gutes Augenmaß. "Wenn man das hat, kommt man als Korbmacher gut zurecht."

Um seine Ware zu verkaufen, fährt er jeden Sonntag mit seinem Auto auf Märkte und baut seinen Stand mit bis zu 150 Körben auf. Er verkauft geflochtene Wäschekörbe, Holzkörbe, Einkaufskörbe, Regalkörbe, Topfuntersetzer und vieles mehr. Auf die Frage, ob er auch Ware im Internet verkauft, antwortet er: "Erstens hab ich mit Computern nix am Hut. Und ich sag mal, einen Korb muss man mal in die Hand nehmen. Den muss man fühlen, und da entscheiden halt die Sinne." Seine Kundschaft ist bunt gemischt, aber zum größten Teil kaufen Frauen bei ihm Körbe. Lachend erzählt er: "Am meisten sind es die Frauen, die Körbe kaufen. Also die sammeln schon manchmal Körbe wie Handtaschen oder Schuhe. Das ist natürlich am tollsten, wenn man solche Kunden hat."

Meistens kommen die Kunden vorbei oder rufen an und bestellen einen Artikel, den sie brauchen. Wenn Rippstein aber mal weniger Aufträge hat, dann fertigt er Körbe an, bei denen er sich sicher ist, dass sie über das Jahr verkauft werden, oder er flicht Körbe für die Märkte. Arbeiter, die im Osten flechten, aber ihre Ware nach Deutschland exportieren und dort verkaufen, sieht er nicht als Konkurrenz, sondern eher als Kollegen. "Die flechten in Asien genauso wie ich", sagt er. Das Problem sei, dass es dort viel niedrigere Arbeitslöhne gibt und die Ware deswegen günstiger ist. Aber die wenigen Korbmacher in Deutschland könnten den Bedarf gar nicht decken.

Um einen Lehrling auszubilden, sei nicht genug Arbeit da. Aber Rippstein hatte schon Praktikanten, die sich mit dem Handwerk etwas vertraut machen wollten. Er gibt auch Flechtkurse. Und er erzählt, dass es immer junge Leute geben wird, die zurück zur Natur wollen und die Liebe zu einem Urhandwerk haben, aber die Blütezeit ist vorüber. "Man darf nicht denken, dass es mal wieder so wird, wie es mal war, das ist vorbei. Dafür hat sich die Welt zu sehr geändert - und die Ansprüche", sagt er nachdenklich. Eines lässt Stefan Rippstein sich aber nicht nehmen, nämlich die Überzeugung, dass es immer Korbmacher geben wird. Und so erhält der Einkaufskorb, den er aus heller und dunkler Weide fertigt, langsam seine Form.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sitzfleisch, flinke Hände und ein gutes Augenmaß
Autor
Jennifer Fixel
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2015, Nr. 97, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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